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Full text of "Konrads von Würzburg "Trojanischer Krieg" und Benoîts de Ste Maure "Roman de Troie""

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Konrads  von  Würzlmrg  ‘TrojanisGher  Krieg’ 
und  Benoits  de  Ste  Maure  ‘Roman  de  Troie’. 


Inaugural-Dissertation 

zur 

Erlangung  der  Doktorwürde 

genehmigt, 

von  der  philosophischen  Fakultät 

der 

Friedrich  Wilhelms- Universität  zu  Berlin 

von 

Karl  Basler 

aus  Mainz. 


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Referenten: 

Professor  Dr.  Gustav  Roethe. 
Professor  Dr.  Erich  Schmidt. 


Druck  von  August  Hofl'inann,  Leijizig. 


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Meinen  Eltern. 


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Konratls  Trojanerkrieg  ist  naturgemäß  schon  früh 
und  oft  Gegenstand  wissenschaftlicher  Untersuchung  ge¬ 
wesen.  Diese  Arbeiten  waren  entweder  Quellenunter¬ 
suchungen  wie:  Carl  Leo  Cholevius,  „Geschichte  der 
deutschen  Poesie  nach  ihren  antiken  Elementen“  (Leip¬ 
zig  1854);  Karl  Bartsch,  Einleitung  zu  „Albrecht 
von  Halberstadt  und  Ovid  im  Mittelalter“  (Quedl.  1861); 
oder  es  sind  Teile  größerer  Arbeiten,  die  den  gesamten 
Trojasagenstoff  behandeln,  wie:  Wilhelm  Greif,  „Die 
mittelalterlichen  Bearbeitungen  der  Trojasage“  (Marburg 
1886);  Hermann  Dünger,  „Die  Sage  vom  trojanischen 
Kriege  in  den  Bearbeitungen  des  Mittelalters  und  ihre 
antiken  Quellen“  (Programm  des  Yitzthumschen  Gym¬ 
nasiums.  Dresden  1869);  A.  Joly,  „Benoit  de  Sainte 
More  et  le  roman  de  Troie“  (I.  Band,  Paris  1870/71); 
Clemens  Fischer,  „Der  Roman  de  Troie  als  Vorbild 
für  die  mhd.  Trojadichtungen“  (Diss.  Münster  1883). 

Eine  dem  Trojanerkriege  ausschließlich  gewidmete 
Arbeit  fehlt  noch.  Die  folgende  Untersuchung  hat  die 
Absicht,  aus  der  Analyse  des  Werkes  und  aus  dem  Ver¬ 
gleich  mit  seinen  Vorlagen,  vornehmlich  der  Hauptquelle, 
dem  Roman  de  Troie  des  Benoit  de  Ste  More,  die  Art 
Konrad  v.  Würzburgs  zu  erkennen,  seine  Persönlichkeit 
herauszuheben  und  seine  dichterische  Überlegenheit  über 
den  französischen  Meister  festzustellen.  Diesen  Zwecken 


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dient  der  „Trojanerkrieg“  am  besten,  weil  hier,  als  im 
vollendetsten  "Werke  Konrads,  alle  Eigenarten  des  Dichters 
auf  die  höchste  Spitze  getrieben  sind  und  weil  zudem  die 
Mischung  französischer  und  lateinischer  Quellen  für  die 
verschiedene  Behandlung  dieser  verschiedenen  Autoren 
den  Blick  schärft. 

Zitiert  wird  im  Folgenden  nach  den  Ausgaben  A.  v. 
Keller,  Der  Trojanische  Krieg  von  Konrad  von  Würz¬ 
burg,  Bibliothek  des  Stuttgarter  lit.  Vereins  (Stuttg.  1858); 
—  L.  Constans,  Le  Roman  de  Troie  par  Benoit  de 
Sainte  Maure  (Paris  1904). 

Ich  kürze  im  Folgenden  die  Namen  der  beiden  Dichter 
oft  zu  B.  (Benoit)  und  K.  (Konrad)  ab. 


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Einleitung. 

Konrad  v.  Würzburg  und  Benoit  de  Sainte  More  sind 
zwei  Persönlichkeiten  von  ganz  verschiedenem  künst¬ 
lerischem  Charakter.  Schon  die  ersten  Worte  der  Dichter 
zeigen  uns  den  großen  Unterschied  ihres  Standpunktes. 
Benoit,  noch  ganz  im  Banne  der  mittelalterlichen  An¬ 
schauung,  daß  ein  Dichter  vor  allem  die  „Wahrheit“ 
künden  muß,  versichert  immer  wieder,  daß  er  weiter  nichts 
beabsichtige,  als  ein  Werk  nachzuerzählen,  das  nicht  wie 
das  Homers  ohne  geschichtliche  Wahrheit  sei,  sondern 
getreu  wiedergebe,  was  der  Augenzeuge  Dares  in  grie¬ 
chischer  Sprache  erzählt  hat.  „Dem  lateinischen  Vor- 

•  • 

bilde“  [einer  lat.  Übersetzung  des  Dares]  will  Benoit 
Stück  für  Stück  folgen  [V.  134],  „nichts  will  er  hinzu¬ 
fügen“,  sondern  „nur  was  er  da  fände“,  berichten.  Wissen¬ 
schaft  zu  verkünden  scheint  ihm  Pflicht.  „Schon  Salomo 
lehrte  [V.  lff],  daß  niemand  seine  Gedanken  verheim¬ 
lichen  soll.  Man  kann  von  Gutem  nie  zu  viel  hören, 
wissen  und  lernen.  Wer  etwas  Gutes  weiß,  soll  es  lehren 
und  verkünden.“  —  Benoit  verzichtet  also  von  vomeherein 
darauf,  persönlich  herauszutreten  aus  der  Reihe  der  un¬ 
gezählten  Durchschnittspoeten.  Er  will  eben  nur  eine 
Chronik  des  Trojanischen  Krieges  schreiben  zum  Nutz 
und  Frommen  seiner  Leser.  Daß  er,  als  wahrer  Dichter, 
ein  Kunstwerk  schaffen  wollte,  davon  ist  bei  ihm  keine 


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Rede.  Ganz  anders  Konrad!  Der  beginnt  seine  Dich¬ 
tung  mit  einer  scharfen  Auseinandersetzung,  in  der  er 
seine  künstlerische  Persönlichkeit  in  stolzem  Selbstgefühl 
den  bloßen  Geschichtenschreibern  gegenüberstellt.  Er  will 
einen  Unterschied  gemacht  wissen  zwischen  schlechten, 
kunstlosen  Reimschmieden  und  wirklichen  Dichtern.  ,,  W enig 
Meister  singen  und  sagen  Gutes.“  „Im  ganzen  Lande 
findet  man  kaum  einen,  der  ein  Meister  guter  Rede  und 
guter  Töne  genannt  werden  kann“  [V.  6  u.  50  ff.].  Aber 
er  ist  einer  dieser  wenigen.  Er  singt  nicht,  wie  etwa 
ßenoit,  seiner  Leser  und  Zuhörer  wegen,  sondern  weil 
ihn  die  Muse  zwingt.  „Auch  wenn  mir  Keiner  zuhörte, 
würde  ich  singen,  daß  mir  selbst  mein  Sang  und  Klang 
erschallte.  Ich  täte  wie  die  Nachtigall,  die  mit  ihrem 
Gesänge  sich  selbst  die  Zeit  lieblich  vertreibt“  [V  176ff]. 
„Wie  wenig  Lohn  ich  davon  habe,  von  jung  und  alt,  so 
kann  ich  doch  nicht  meiner  Zunge  zu  singen  verbieten. 
Solange  ich  lebe,  will  ich  nicht  ablassen  zu  singen  und 
zu  sagen“  [178  ff.].  Dieses  „singen  müssen“  ist  ihm  der 
beste  Beweis  für  die  Göttlichkeit  seiner  Kunst.  „Alle 
Künste  kann  man  lernen;  nur  die  eine  nicht:  die  Poesie.“ 
(Vgl.  dazu  Sprüche  32,  303).  Diesen  Vorrang  der  Poesie 
führt  er  in  der  Einleitung  seines  Romans  aus:  „Alle  Künste 
brauchen  Material,  Vorbereitungen,  Vorbilder  usw.  Nur 
die  Dichtkunst  bedarf  dessen  nicht.  Für  diese  heilige 
Kunst  ist  nur  Genie  und  Sprache  nötig.  Ein  Schütze 
[V.  102 ff]  braucht  Bogen  und  Pfeile;  ein  Schneider 
Schere,  ein  Schuster  Ahle  und  Borst.  Niemand  kann  den 
wilden  Wald  behauen  ohne  Hacke.  Wer  um  eine  schöne 
Frau  tumieren  will,  muß  schönes  Roß  und  schöne  Kleider 
haben.  Auch  die  Musik  bedarf  der  Instrumente.“  Mit 
dieser  hohen  Auffassung  der  Poesie  macht  er  sich  an 
sein  Werk.  Sein  Grundcharakter,  die  epigonenhafte  Über- 


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treibung,  kommt  schon  in  seinem  Ziele  zum  Ausdruck: 
er  will  alles  Bisherige  überbieten;  „eine  Geschichte  will 
er  schreiben,  die  aller  Geschichten  Krone  sei!“  [223]. 
Er  vergleicht  sie  mit  einem  „grundlosen  Flusse,  in  dem 
ein  Berg  versinken  könnte“.  „Wie  in  das  tosende  Meer 
viele,  viele  Wasser  fließen,  so  strömen  in  diese  große  Ge¬ 
schichte  viele  Erzählungen.  Sie  fließt  mit  Worten  also 
voll,  daß  man  garnicht  bis  auf  den  Boden  mit  Herz  und 
Mund  gelangen  kann“  [236  ff.].  Hatte  Benoit  jede  künst¬ 
lerische  Selbständigkeit  und  Eigenmächtigkeit  zurück¬ 
gewiesen,  so  erklärt  Konrad,  er  wolle  die  alte  Geschichte 
von  Troja  „erneuern“,  die  Risse  und  Brüche  wegbringen 
und  „verleimen“.  Ein  Wunder  von  seltsamen  Abenteuern 
soll  es  werden.  Er  will  es  „ausmalen“  und  „mit  Ge¬ 
dichten  schmücken“  aus  dem  Französischen  und  Latei¬ 
nischen. 

Aber  trotz  all  des  zierenden  Beiwerkes  will  er  ein 
einheitliches,  abgeschlossenes  Ganze  schaffen.  Das  sagt 
er  am  Schlüsse  seiner  Einleitung,  wo  er  klar  und  deut¬ 
lich  das  Thema  seiner  Dichtung  aufstellt:  Er  will  singen 
von  den  Ereignissen,  Kämpfen  und  Taten,  die  um  Helenas 
willen  vor  Troja  geschahen.  Dadurch,  daß  K.  ein  solches 
Leitmotiv  in  seinen  Roman  bringt,  beweist  er  seine  künst¬ 
lerische  Selbständigkeit,  während  Benoit,  der  nur  eine 
Chronik  schreiben  will,  sein  Werk  mit  einer  trockenen 
Inhaltsangabe  beginnt:  „Zuerst  erzähle  ich  von  Peleus  und 
Thetis,  dann  von  Jason  und  Hercules,  dann  von  Medea 
und  dem  goldenen  Vlies“  usw.  [B.  141  ff.]. 

Benoits  Unselbständigkeit  kommt  auch  zum  Ausdrucke 
durch  die  fortwährende  ängstliche  Berufung  auf  den  Ge¬ 
währsmann:  Alle  Augenblicke  ruft  er  li  livrcs  oder  l’istoire 
zum  Zeugen  auf  für  das,  was  er  berichtet  [ß.  763, 
913,  919,  1004,  1644,  2828,  2850,  2860,  2955,  3119, 


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3990,  4856,  5510,  6040,  6229,  6527,  7101,  9304,  10099, 
10166  usf.].  Ganz  deutlich  zeigt  er  seinen  Standpunkt, 
wenn  er  also  z.  ß.  sagt:  „Von  seinem  [Jasons]  Leben 
und  seinen  Taten  werde  ich  nicht  mehr  erzählen,  ich 
finde  es  in  dem  „Buche“  nicht;  Dares  wollte  nichts  mehr 
davon  schreiben.  Benoit  will  keine  Lüge  hinzudichten 
und  berichtet  auch  deshalb  nichts  mehr“  [2061].  Kon- 
rad  dagegen  beruft  sich  wohl  auch  auf  seine  Quelle,  z.  B. : 
19129  =  B.  3989;  24650  =  Ovid,  Metam.XII  30378  = 
B.  8009;  30603  =  B.  8209  (wo  K.  die  Reihenfolge  der 
Namen  willkürlich  ändert);  37  129  =  B.  10126  (K.  drückt 
denselben  Gedanken  anders  aus).  Aber  K.  sucht  darin 
nicht  einen  Wahrheitsbeweis  für  das,  was  er  sagt.  Bei 
ihm  sind  solche  Berufungen  nur  traditionelle  Formeln, 
denen  er  sich  nicht  ganz  entziehen  kann.  Das  beweist 
der  Umstand,  daß  er  bisweilen  den  Gewährsmann  zitiert, 
wo  er  gar  keinem  folgt:  „König  Leopolis  kam  mit  40  Schiffen 
her,  als  ich  lasli  (23  868)  [den  hatte  B.  garnicht.  (5583  ff.)]. 
—  Jason  iährt  von  Troja  ab,  um  die  Sache,  die  er  vor¬ 
hatte,  erst  zu  vollenden,  als  ich  ez  las  (7200)  [eigenes 
Motiv  Ks.;  bei  B.  fliehen  die  Griechen  aus  Furcht  vor 
Laomedon  (1127)].  Sehr  unangebracht  ist  Ks.  Berufung 
auf  die  Vorlage,  wo  er  erzählt,  wie  Antenor  die  griechischen 
Fürsten  zufällig  und  glücklicher  Weise  alle  beisammen 
findet:  näh  der  schrifte  sage,  fügt  er  hinzu;  B.  3277  be¬ 
richtet,  daß  Antenor  nach  einander  jeden  Fürsten  einzeln 
aufsucht. 

Diese  Freiheit  Ks.  gegenüber  seiner  Vorlage  zeigt 
sich  auch  in  der  Art,  wie  er  den  Stoff  für  seine  Zwecke 
benutzt,  wie  er  die  Erzählung  verläßt,  um  einen  anderen 
Faden  einzuspinnen,  wie  er  wieder  zurückkehrt,  wenn  die 
Episode  erledigt  ist.  „Hiermit  lasse  ich  die  beiden 
[Achill  -  Deidamia]  und  erzähle  euch,  wie  Troja  neu  er- 


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baut  wurde“  [17322],  ebenso  K.  11379,  17322  u.  ö. 
B.  meistert  den  Stoff  gamicht.  Er  schweigt,  wenn  seine 
Vorlage  schweigt,  und  hilft  sich  mit  stets  gleichen  Redens¬ 
arten  über  die  Verlegenheit  hinweg:  „Jetzt  hab’  ich  keine 
Zeit,  weiterzuerzählen;  ich  habe  noch  sehr  viel  anderes 
zu  berichten;  ich  will  euch  nicht  länger  mehr  damit  lang¬ 
weilen.  Was  soll  ich  weiter  sagen?  Es  wäre  töricht, 
wollte  ich  mich  quälen.  Euch  wäre  es  zuzuhören  lang¬ 
weilig  und  mir  noch  mehr,  zu  erzählen!“  [B.  1639,  2043. 
6516,  10551,  3163  usw.].  An  solchen  Stellen  hat  B. 
wirklich  nichts  mehr  zu  erzählen ;  wenn  dagegen  K.  solche 
Wendungen  gebraucht,  so  will  er  sich  zwingen,  abzubrechen, 
während  er  noch  sehr,  sehr  viel  sagen  könnte.  So  etwa, 
als  er  die  Schilderung  des  Kampfes  beenden  will  [12908], 
er  könne  doch  nicht  jede  Heldentat,  die  geschehen,  be¬ 
richten,  er  müsse  Halt  machen.  Dennoch  redet  er 
70  Verse  weiter,  bis  er  ausruft:  was  tone  hie  lange  rede 
me?  Trotzdem  erspart  er  sie  uns  nicht,  er  redet  fort. 
Diese  temperamentvolle  Redseligkeit  ist  uns  bei  manchem 
Bedenken  immer  noch  lieber  als  Benoits  verlegene  Wort¬ 
armut. 


Ausführung. 

Den  Absichten  der  beiden  Dichter  entsprechen  im 
Ganzen  die  Leistungen. 


I.  Komposition. 

B.  reiht  die  Tatsachen,  wie  sie  in  der  Vorlage  folgen, 
aneinander.  Ist  ein  Abschnitt  zu  Ende,  so  geht  er  zum 
nächsten  über,  meistens  mit  typischen  Wendungen  wie: 


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„liier  sagt  das  Buch  nichts  mehr,  also  ich  auch  nicht**, 

•  • 

oder  er  erzählt  ohne  Übergang  das  Folgende.  Bei  K. 
liegt  es  schon  darum  anders,  weil  er  nach  einem  be¬ 
stimmten  Ziele  hin  verschiedene  Handlungen  nebeneinander 
herlaufen  läßt,  die  er  nie  aus  dem  Auge  verliert  und  von 
denen  er  nach  wohldurchdachtem  Plane  bald  die  eine 
und  bald  die  andere  hervorhebt.  Dabei  hält  er  sich 
in  der  Grundlage  an  Benoit,  doch  ergänzt  er  ihn  aus 
andern  Quellen,  da  er  möglichste  Vollständigkeit  erstrebt. 
Die  Haupthelden  haben  bei  K.  ihre  Vor-  und  Nach¬ 
geschichte,  Liebesepisoden  kommen  zu  ihrem  Abschluß 
und  alle  Sünden  finden  ihre  Sühne  (z.  B.  Peleus).  Die 
großartige  Anlage  des  Konradischen  Werkes  soll  eine 
Analyse  des  Aufbaues  erweisen. 

1.  Anlage  und  Aufbau. 

Paris  und  der  Raub  der  Helena  war  die  Ursache  des 
ganzen  Krieges.  K.  beginnt  sein  Werk  mit  Paris  (Apfel¬ 
streit).  Diese  Basis  der  Ereignisse  berichtet  B.  erst  ganz 
spät  durch  direkte  Erzählung  des  Paris.  K.  macht  diese 
Episode  zur  Vorgeschichte  seiner  Dichtung.  Ja,  er  geht 
sogar  noch  weiter  zurück:  wir  hören  von  der  Geburt  des 
Paris,  von  der  Furcht  des  Vaters,  von  Aussetzung  und 
Rettung  des  Kindes.  Weiter  erzählt  K.  von  dem  para¬ 
diesischen  Leben  des  königlichen  Knaben  im  Walde,  von 
der  Fee  Üenone  (Egenoe).  Seiner  Gerechtigkeit,  heißt 
es  dann  weiter,  verdankt  er  seine  Berufung  an  den  Hof 
des  Priamus,  um  den  Streit  der  Göttinnen  da  zu  ent¬ 
scheiden.  —  Soweit  folgt  K.  keiner  besonderen  Vorlage; 
höchstens,  daß  er  einen  oder  den  andern  Zug  irgendwo 
hernimmt;  so  stammt  das  Motiv,  daß  die  Liebenden  den 
Namen  in  die  Rinde  der  Bäume  schneiden,  aus  Ovid* 


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5.  Herolde  [Cholevius].  —  K.  erzählt  selbständig  weiter: 
Paris  entscheidet  sich  für  Venus;  sie  verspricht  ihm  das 
schönste  Weib,  Helena.  Heftige  Liebessehnsucht  erfaßt 
ihn  nach  der  Niegesehenen.  Indessen  wird  seine  Herkunft 
entdeckt  und  Priamus  nimmt  den  Sohn  wieder  auf. 

Mit  der  Liebe  des  Paris  zur  Helena  ist  die  Grund¬ 
lage  zu  seiner  Dichtung  gegeben.  Aber  K.  braucht  noch 
einen  Helden  auf  der  Gegenseite,  bei  den  Griechen.  Das 
ist  natürlich  Achill.  Die  Geschichte  dieses  größten 
„Ritters“  bildet  die  Parallelhandlung  in  Konrads  AVerk. 
Hier  zeigt  sich  wiederum  die  große  Geschicklichkeit  der 
Komposition  bei  K.  Die  Art,  wie  er  die  Achill-Hand¬ 
lung  einführt,  wie  er  sie  im  rechten  Augenblicke  hervor¬ 
schiebt  oder  zurückdrängt,  ist  meisterhaft  durchdacht  und 
ausgeführt. 

Nachdem  er  die  Paris-Geschichte  bis  zu  einem  ge¬ 
wissen  Abschluß  gebracht  hat,  bricht  er  ab  und  beginnt 
die  Achill-Episode  so:  wan  ich  grif  an  die  rede  wider 
wie  man  daz  kindelin  erzöcli,  des  Thetis ,  diu  frouwe 
hoch,  wart  swanger  zuo  der  höchgezit,  du  Paris  der  götinne 
strit  und)  den  vH  schcenen  apfel  schiet  [5766].  Es  folgt 
nun  zunächst  die  Jugendgeschichte  Achills.  Es  war  na¬ 
türlich,  daß  er  für  diese  Erzählung  die  Achillei's  des 
Statius  heranzog.  War  dieser  doch  neben  Vergil  und 
Ovid  der  bekannteste  klassische  Autor;  hier  fand  K.  was 
er  brauchte:  die  vollständige  Geschichte  eines  heldenhaften, 
kampfgierigen  und  vollkommenen,  ritterlichen  Jünglings. 
Bei  Stat.  II  382  ff.  erzählt  Achill  selbst  seine  Jugend¬ 
geschichte;  K.  formt  das  episch  um,  er  hält  sich  nicht 
streng  an  die  Vorlage,  sondern  arbeitet  selbständig  mit 
ihrem  Material. 

Nachdem  er  Achills  Geschichte  bis  zum  Ende  seiner 
Erziehung  bei  dem  Centauren  Schyron  geführt  hat,  ist 


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er  dahin  gekommen,  wo  Benoit  sein  Werk  beginnt;  den 
•  • 

Übergang  zur  Argonautensage  findet  er  leicht:  Achill, 
Peleus’  Sohn,  war  der  gefeiertste  Jüngling  in  Griechen¬ 
land;  nur  einer  kam  ihm  an  Tüchtigkeit  gleich;  das  war 
Jason,  der  Neffe  des  Peleus.  (K.  übernimmt  die  Ver¬ 
wechselung  von  Peleus  —  Pelias,  die  Benoit  u.  a.  Erzähler 
hatten).  Das  ärgert  den  König  und  er  sinnt  darauf,  den 
Jason  aus  dem  Wege  zu  räumen.  Das  soll  geschehen 
durch  die  Fahrt  nach  dem  goldenen  Vliese,  wo  er  den 

Tod  finden  soll.  —  Mit  diesem  außerordentlich  geschickten 
•  • 

Übergänge  ist  K.  bei  Benoit  angelangt.  Er  erzählt  mit 
ihm  und  nach  ihm  den  Argonautenzug,  den  Zusammen¬ 
stoß  unterwegs  mit  Laomedon,  die  Gewinnung  des  gol¬ 
denen  Vlieses.  Er  bricht  aber  nicht  wie  B.  hier  ab,  son¬ 
dern  erzählt  weiter  Jasons  und  Medeas  Schicksale 
[10285—11377].  K.  zieht  hierfür  die  Schilderung  Ovids 
heran.  Schon  vorher,  in  der  Erzählung  der  Liebe 
zwischen  Jason  und  Medea,  benutzte  er  den  Ovid  für  den 
großen  Monolog  der  Medea,  wo  Benoit  sich  ganz  kurz 
faßte  [B.  1487,  K.  8595,  0.  Metam.  VII  10].  Jetzt  für 
die  weiteren  Schicksale  der  Medea  und  Jasons  folgt  er 
Ovid  [K.  10245,  0.  Met.  VII  159].  Verjüngung  des 
Aeson,  tückischer  Mord  der  Medea;  Peleus  fällt  unter 
ihrem  Opfermesser.  —  Dann  verläßt  K.  den  Ovid  und 
erzählt  [selbständig?]  weiter:  Jasons  neue  Liebesglut  zu 
Creusa,  Medeas  Rache  (Zaubergewand),  Jasons  und  Me¬ 
deas  Tod.  Damit  hatte  diese  Erzählung  ihren  Abschluß 
gefunden.  K.  kann  nun  mit  B.  fortfahren: 

von  schulden  muoz  ich  unde  wil 
hie  län  beliben  under  wegen, 
wie  der  vil  höehgeborne  degen 
beweinet  würde  b!  der  Zit. 
und  war  Medea  kaune  sit, 


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daz  wirt  ouch  von  mir  hie  verewigen, 
des  heldes  clage  läz  ich  ligen, 
die  man  dur  in  des  mälee  truoc; 
wan  ich  hän  andere  wol  so  gnuoc 
ze  künden  und  ze  sagene, 
daz  mir  nicht  touc  ze  clagene 
Jäsones  grimmeclicher  tot.  usw. 

daz  masre,  daz  ich  liez  hie  vor, 
daz  wil  ich  aber  grifen  an, 
wie  Jason  der  küene  man 
und  Hercules  gehiezen 
daz  si  des  nicht  enliezen  usw. 

[11350].  Es  folgt  der  Zug  nach  Troja.  Da  Jason  tot 

ist,  übernimmt  Herkules  die  Ausführung  der  Rache  (K. 

arbeitet  also  nicht  gedankenlos!)  [K.  11378 — 13016, 

B.  2063 — 2810].  Nach  der  Zerstörung  der  Stadt  und 

Wegführung  der  Esiona  berichtet  K.  nach  ß.,  wie  Priamus 

das  Unglück  erfährt,  wie  er  den  Tod  des  Vaters  und  den 

Raub  der  Schwester  beklagt,  wie  er  den  Entschluß  faßt 

Troja  wieder  aufzubauen,  herrlicher  als  zuvor. 

Jetzt  aber,  nachdem  wiederum  ein  Teil  der  Geschichte 

seinen  Abschluß  gefunden  hat,  kehrt  er,  B.  verlassend,  zu 

Achill  zurück.  „Troja“,  sagt  K.,  „ward  —  wie  ich  nachher, 

wenn  ich  die  Zeit  für  richtig  halte,  erzählen  werde  — 

schöner  und  fester  aufgebaut“  [13486].  Nun  wieder  ein 
•  •  . 

guter  Übergang  [13400]:  „Die  Nachricht  von  dem  Wieder¬ 
aufbau  Trojas  kam  nach  Griechenland.  Der  neue  Krieg 
stand  fest.  Da  hört  Thetis  von  den  Rüstungen  in  Troja 
und  wird  von  Furcht  um  Achill  erfaßt.“ 

Nach  Stat.  I.  erzählt  K.  [13488]:  Thetis  fährt  zu 
Schyron,  schafft  in  der  Nacht  heimlich  den  Sohn  übers 
Meer  zum  Könige  Lycomedes  nach  Scyrus  [13974].  Der 
Anblick  der  reizenden  Tochter  des  Königs,  Deidamia,  be¬ 
stimmt  den  zornigen  Achill,  nach  Weisung  der  Mutter  in 


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Frauenkleidem  als  Jocundille,  Tochter  der  Thetis,  da¬ 
zubleiben.  Heftige  Liebe  erfaßt  den  Jüngling  zu  Dei- 
damia,  seiner  Gespielin.  Die  Verkleidung  läßt  sich  bald 
nicht  mehr  verheimlichen,  bei  einem  Bacchusfeste  ent¬ 
deckt  sich  Achilles  der  Geliebten.  Er  kann  seine  Leiden¬ 
schaft  nicht  mehr  zügeln,  ein  vil  minneclich  getät  ergienc 
da  von  in  beiden  [17004/5]. 

Mit  den  Worten:  „Hiermit  lasse  ich  die  beiden  und 
zeige  euch,  wie  Troja  wieder  erbaut  wurde“,  kehrt  K.  zu 
der  Haupterzählung  und  damit  zu  Benoit  zurück.  K. 
[17  322]  folgt  nun  Benoit  und  erzählt  den  Wiederaufbau 
Trojas,  Antenors  Reise  nach  Griechenland,  Rückkehr  und 
Bericht  Antenors,  Kriegsrat  des  Priamus,  Abfahrt  des 
Paris  nach  Griechenland.  Doch  den  eigentlichen  Raub 
der  Helena  und  die  Liebesleidenschaft  der  beiden  erzählt 
K.  nicht  nach  B.,  sondern  benutzt  Ovids  Heroiden  XVI 
und  XVII  [K.  20668].  Die  Briefform  Ovids  gibt  K. 
durch  eine  längere  Rede  und  Gegenrede  wieder.  Mit 
einigen  Umstellungen  erzählt  K.  die  Ankunft  der  Helena 
in  Troja,  Rüstung  der  Griechen,  Unwetter  in  Aulis,  nach 
Benoit.  Die  Opferung  der  Iphigenie,  die  B.  nicht  erzählt, 
berichtet  er  nach  Ovid  Met.  XII  6.  Weiter  nach  B. 
die  Fahrt  der  Griechen  nach  Troia;  K.  schaltet  unter¬ 
wegs  die  Schilderung  des  liumet  ein,  der  die  Kunde  vom 
Herannahen  der  Griechen  nach  Troja  trägt;  hier  hält  er 
sich  wieder  an  Ovid,  Met.  XII  39 — 63.  Die  nun  fol¬ 
gende  Gesandtschaft  Ulixes’  und  Diomeds,  bei  B.  vor  der 
ersten  Schlacht,  verlegt  K.  hinter  die  Schlacht,  weil  er 
den  Achill  wieder  auftreten  lassen  will.  Die  Erzählung 
Ks.  geht  also  so  weiter:  die  1.  Schlacht;  dann  Entsendung 
der  Boten  [Ulixes  und  Diomedes]  Dach  Troja;  dann: 

Achill  wird  geholt.  Auch  bei  dieser  Gelegenheit  findet 

•  • 

K.  einen  schönen  Übergang:  nachdem  Priamus  die  For- 


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17 


(lerung  der  Griechen  (Herausgabe  der  Helena)  abgelehnt 
hat,  kehren  die  Boten  zurück.  Ulixes  schildert  den  Hector 
als  einen  so  furchtbaren  Gegner,  daß  man  die  Hoffnung 
aufgeben  müsse,  jemals  Troja  zu  bezwingen.  Nur  eine 
Möglichkeit  gäbe  es,  mit  Erfolg  weiterzukämpfen:  swer 
die  von  Troie  uolte  mit  b'eften  überwinden,  der  müeste 
ouch  einen  vinden,  der  also  manhaft  wcere,  als  Hector 
ist  der  mcere!  [27018].  Ja!  wer  sollte  das  sein?  So 
überlegt  man  im  Lager  der  Griechen.  „Da  ward  des 
Helden  gedacht,  der  Achilles  hieß!“  Nach  Stat  erzählt 
K.  nun,  wie  Ulixes  und  Diomedes  den  Achill  holen.  Es 
gelingt  den  Boten,  den  Kampfesgierigen  durch  die  Schil¬ 
derung  des  großen  Krieges  zu  begeistern;  nachdem  er 
seine  Liebesangelegenheiten  durch  Heirat  der  Deidamia 
geordnet  hat,  folgt  er  dem  Rufe  zu  Krieg  und  Schlacht¬ 
getümmel. 

Mit  Benoit  berichtet  K.  von  der  2.  Schlacht;  dann 
Waffenstillstand,  Bestattung  der  Toten.  Hier  hat  K.  Ge¬ 
legenheit,  einen  Bericht  nachzutragen,  den  er  seinem  Leser 
schuldig  zu  sein  glaubt:  die  Erzählung  von  den  weiteren 
Erlebnissen  des  Herkules.  Benoit  hat  ihn,  der  doch  eine 

bedeutende  Rolle  gespielt  hatte,  längst  vergessen,  K.  aber 

•  • 

schaltet  mit  geschicktem  Übergang  diese  Episode  hier 
ein  [37866].  „Nun  geschah  es  einmal,  daß  die  Griechen 
ihr  Leid  durch  Zerstreuungen  zu  vergessen  suchten.  Mit 
Erzählungen  von  hovelichen  mceren  brachten  sie  die  Zeit 
zu.  Sie  gedachten  so  mancher,  die  in  alten  Tagen  Lob 
und  Preis  erstritten.  Nestor,  der  erfahrene,  würdige  Greis, 
nannte  viele  Namen  berühmter  Kämpfer.  Nur  eines 
Helden  schien  er  zu  vergessen,  des  Herkules.  Das  ärgerte 
den  Isolaus,  einen  Sohn  des  Herkules,  und  er  bat  den 
Filothet,  der  alles,  was  den  Helden  betrifft,  wisse,  zu  er¬ 
zählen  von  den  weiteren  Taten  und  dem  Schicksale  des 

2 


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Herkules.-4  —  Soweit  Ks.  eigene  Worte.  Dann  erzählt 
er  nach  Ovid,  Met.  IX  103  ff.  die  Geschichte  des  Her¬ 
kules  und  der  Deianira,  Tod  und  Rache  des  Centauren 
Nessus,  Herkules’  Untreue  gegen  Deianira  und  seinen 
gräßlichen  Tod.  Zurückkehrend  zu  Benoit  gibt  K.  Achills 
Klage  um  den  gefallenen  Patroklus,  Totenfeier,  Palamedes’ 
Angriff  auf  Agamemnon  und  die  3.  Schlacht.  Jetzt  greift 
er  B.  vor,  er  bringt  hier  schon  die  Rehabilitation  Aga- 
memnons,  die  B.  erst  später  berichtet.  Und  damit  bricht 
Ks.  Werk  ab  [40424]. 

Das  ist  im  großen  und  ganzen  Ks.  Dichtung.  Die 
Analyse  der  Komposition  zeigt  klar,  wie  durchdacht  die 
ganze  Anlage  des  Romans  war.  Man  bedenke  noch,  wie 
haltlos  bei  Benoit  alles  einzeln  in  der  Luft  schwebt;  wie 
K.  so  manche  Einzelheiten,  die  nicht  in  den  Lauf  der 
Ereignisse  passen,  wegbringen,  wie  er  so  manche  Unklar¬ 
heiten  Benoits  ordnen  mußte.  Erwägt  man  weiter,  welche 
Masse  des  Stoffes  zu  übersehen  war,  dann  kann  man  dem 
deutschen  Meister  rückhaltslos  zuerkennen,  daß  er  mit 
großem  Geschicke  und  mit  bedeutendem  Talente  für  Kom¬ 
position  seine  Aufgabe  gelöst  hat.  Endlich  erinnere  man 
sich,  daß  die  vorliegende  Dichtung  nur  ein  Bruchteil 
dessen  ist,  was  K.,  vielleicht  im  Plane  schon  fertig,  be¬ 
absichtigte.  Bs.  Werk,  das  ihm  Leitschnur  war,  umfaßt 
20  Schlachten.  K.  ist  nur  bis  zur  3.  gekommen.  Wenn 
er  in  derselben  Weise  weiterdichtete,  so  wäre  sein  Tro¬ 
janerkrieg  eine  Arbeit  geworden,  die  schon  durch  ihre 
große  Anlage  bewunderungswürdig  gewesen  wäre;  schrieb 
K.  doch  nach  ganz  bestimmtem  Plane  ein  genau  über¬ 
legtes  Werk.  Zur  klareren  Anschauung  sei  noch  einmal 
der  Bau  beider  Dichtungen  hingestellt: 


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Benoi  t: 


Konrad: 


Argonautenfahrt . 

Jason  und  Medea . 

Zerstörung  Trojas . 

Wiederaufbau  der  Stadt  .  .  .  . 

Antenor . 

Raub  der  Helena . 

Kunde  zu  Menelaus  .... 

Helena  in  Troja . .  .  . 

Rüstung  der  Griechen  .  .  .1 . 

Castor  und  Pollux 
Portraits 

Aufzählung  der  Schiffe . 

Aulis . 

Tenedon  . 

Ulix  und  Diomed  nach  Troja  . 
Achill  in  Mese 

Priamus’  Streitkräfte . i 

Ankunft  des  Palamedes 


Vorgeschichte. 
Argonautenfahrt 
Jason  und  Medea 
Eson,  Peleusf,  Jason  ■}■ 
Zerstörung  Trojas 
Achill  auf  Skyrus 
Wiederaufbau  der  Stadt 
Antenor 

Raub  der  Helena 

Helena  in  Troja 
Rüstung  der  Griechen 

Aufzählung  der  Schiffe 
Aulis 

liumet 

Priamus’  Streitkräfte 


Tenedon 

1.  Schlacht . :  ....  1.  Schlacht 

U.  u.  D.  nach  Troja 
Achill  geholt. 

2.  Schlacht . 2.  Schlacht. 

Hercules’  Tod. 

Palamedes’  Anklage . Palamedes'  Anklage. 

3.  Schlacht . 3.  Schlacht. 

Agamemnon  wieder  eingesetzt. 


4.  Schlacht. 


Wie  K.  seinen  Stoff  meistert,  ist  ersichtlich  auch  aus 
der  Geschicklichkeit,  mit  der  er  die  verschiedenen  Fäden 
seines  Werkes  zusammenfügt.  Tatsachen,  die  er  in  der 
Vorgeschichte  gibt,  an  die  ihn  also  Benoit  nicht  erinnern 
kann,  bringt  er  bei  passender  Gelegenheit  wieder  an.  So 

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bemerkt  er  anläßlich  der  Rüstungen  der  Griechen  [JB.  4937, 
K.  23394]:  hie  wart  der  troam  bewceret  und  sin  be- 
teichenliclier  sclün  der  Ekubam,  die  kunegin,  mit  sime 
glanz  erlühte  [23640]  (vgl.  K.  350  ff.).  An  derselben 
Stelle  weiter,  hinweisend  auf  die  Geschichte  des  Apfel¬ 
streites  der  Göttinnen  u.  a.,  und  endlich:  ouch  solt  ir  alle 
wizzen,  swaz  Prötheus  der  wis sage  geseite  bi  dem  selben 
tage  du  man  ser  umb  den  apfel  streit,  daz  sich  da  mit 
bezeichenheit  nach  dirre  vart  bewdrte  usw.  [23672]  (vgl. 
K.  4496).  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  K.  durch  solche 
Rückweisungen  seinem  großen  Werke  einen  inneren  Halt 
und  eine  gewisse  Geschlossenheit  des  Ganzen  verleiht. 
Daß  es  wirklich  nur  Ks.  eigener  Vorzug  ist,  geht  daraus 
hervor,  daß  er  bewußt  weitere  Anspielungen  macht  auf 
Tatsachen,  die  B.  auch  kennt,  ohne  darauf  zurückzukommen: 
[K.  23696]  „Wenn  Jason  nicht  den  Zug  zum  goldenen 
Vliese  unternommen  hätte,  dann  wäre  Laomedon  jetzt 
nicht  gefallen  ;u  und  [23710]  daz  Paris  durch  Helenen 
bleich  von  herzeliebe  dicke  wart  und  er  die  teigen  über- 
vart  mich  ir  zuo  den  Kriechen  tete,  daz  wart  ze  Troie  vor 
der  stete  von  dirre  vart  gerochen  ouch.  Das  hatte  B. 
ja  auch  alles  erzählt,  aber  er  berührt  es  mit  keinem  Worte 
wieder. 


2.  Weglassen  von  Episoden. 

Wenn  K.  bei  einem  so  groß  angelegten  Werke  klar 
bleiben  wollte,  so  mußte  er  vor  allem  mit  kritischem 
Messer  alles  wegschneiden,  was  verwirren  konnte  oder 
was  unnötig  den  Gang  der  Ereignisse  aufhalten  mußte. 
Und  so  geschieht  es.  Fand  er  in  der  Vorlage  eine  Be¬ 
merkung,  die  sich  seinem  Ganzen  nicht  einfügte,  so  strich 
er  sie,  ohne  Episoden  zu  übergehen,  die  zur  Verzierung 


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einer  Stelle  dienen  konnten.  So  nimmt  er  unbedenklich 
die  Scene  auf,  in  der  Achill  seine  Kraft  beweist,  indem 
er  eine  Bleikugel  so  hoch  wirft,  daß  sie  zerschmilzt 
[K.  29574].  Freilich  hatte  dieses  Geschichtchen  mit  der 
Entwicklung  der  Trojageschichte  nichts  zu  tun,  war  aber 
sehr  geeignet,  die  Kraft  des  Helden  zu  veranschaulichen. 
Sonst  aber  läßt  K.  alles  fort,  was  nicht  in  die  Erzählung 
hineingehörte'  [B.  1805].  „Jason  mußte,  ob  er  wollte  oder 
nicht,  einen  Meeresarm  überschreiten,  der  sehr  eng  war, 
1 1/2  Meile  breit.“  Da  dieser  Wasserarm  gänzlich  be¬ 
langlos  ist,  verzichtet  K.  auf  ihn.  Daß  er  Bs.  Bemerkung 
nicht  etwa  übersehen  hat,  geht  daraus  hervor,  daß  er  die 
Zahlangabe  bewahrt  hat.  Colcos,  sagt  er,  lag  1  x/9  Meile 
von  der  Stadt  entfernt  [9476].  Verschiedene  Male  über¬ 
geht  K.  die  Erzählungen  von  Windstillen,  Sturm  und 
Unwetter,  die  den  Lauf  der  Ereignisse  ohne  Grund  auf¬ 
halten.  So  als  Antenor  von  seiner  ergebnislosen  Reise 
nach  Griechenland  zurückkehrt  [B.  3561],  oder  bei  der 
Abfahrt  des  Paris  nach  Griechenland  [B.  4137],  oder  auf 
der  Rückreise  des  Paris  [B.  4489].  Auch  die  Episode 
von  Castor  und  Pollux,  die  den  Räubern  der  Helena  nach- 
fahren,  aber  in  einem  Unwetter  verschwinden  [B.  5061 
bis  5092],  hat  K.  nicht  übernommen.  Er  wollte  zwei  so 
große  Helden  nicht  so  klanglos  umkommen  lassen.  K.  ist 
stets  bedacht,  seinen  Helden  ein  möglichst  ruhmvolles 
Ende  zu  gewähren.  Der  Zug  Achills  nach  Mese  [Mysie], 
der  ganz  aus  dem  Rahmen  fällt,  hat  an  sich  keinen  Platz 
bei  K.,  zudem  tritt  Achill  bei  ihm  erst  viel  später  auf. 
Aber  auch  bei  B.  ist  diese  Episode  gänzlich  ohne  Zu¬ 
sammenhang  mit  der  Haupterzählung  [B.  6516].  „Die 
Griechen  sind  vor  Troja  angekommen;  es  findet  eine 
Beratung  im  Zelte  Agamemnons  statt.  Aber  ich  will 
jetzt  davon  nichts  mehr  erzählen;  .  .  .  wohl  aber  sollt 


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ihr  vernehmen,  wie  Achill  nach  Mese  ging!“  Es  folgt 
jetzt  eine  Geschichte,  die  mit  der  Trojasage  nichts  zu  tun 
hat:  Achill  und  Telefus,  Sohn  des  Herkules,  kämpfen 
mit  denen  aus  Mese.  Diese  werden  besiegt;  ihr  König 
Teutrans,  tödlich  verwundet,  macht  den  Telefus,  weil  Her¬ 
cules  dem  Meserkönige  einstmals  geholfen  hat,  zu  seinem 
Erben.  Als  die  Griechen  in  Tenedon  waren,  erzählt 
B.  6955 ff.,  waren  sie  in  großer  Verlegenheit,  wie  sie 
vor  Troja  landen  sollten.  Da  erhebt  sich  Palamedes: 
„Ihr  sollt  euch  schämen“,  sagt  er;  „1  Jahr  lang  liegt  ihr 
schon  fest.  Die  in  Troja  denken,  wir  wagen  nicht  heran¬ 
zukommen.  Los!  Brechen  wir  auf!  grad’  auf  Troja  zu!“ 
Für  K.  war  das  unmöglich,  daß  sich  Ritter  wie  die 
Griechen  nicht  getrauen  sollten,  nach  Troja  zu  fahren. 
Bei  ihm  eilen  sie  sofort  zu  der  feindlichen  Hauptstadt.  — 
Nach  der  1.  Schlacht  erzählt  B.  7641  ff.,  daß  die  Griechen 
schlafen,  aber  die  Trojaner  wachen.  Er  zählt  verschie¬ 
dene  Musikinstrumente  auf,  die  ihre  Töne  erschallen  ließen: 
Hörner,  Schalmeien  u.  a.  K.,  der  an  dieser  Stelle  die 
Botschaft  des  Ulixes  und  Diomedes  berichtet,  läßt  die 
Musikinstrumente  beiseite.  —  Zu  Ks.  Bestreben,  den  Stoff 
möglichst  zu  vereinfachen,  gehört  es  auch,  daß  er  mög¬ 
lichst  wenig  Namen  nennt.  B.  3143  zählt  die  Namen  der 
6  Tore  von  Troja  auf;  das  1.  hieß  Antenoridas,  das  2. 
Dardanides,  das  3.  Ilia,  das  4.  Ceca,  das  5.  Tymbree, 
das  6.  Trojana;  K.  17372:  keine  Namen.  —  B.  724:  die 
Stadt  des  Eson  hieß  Penelope.  K.  ohne  Namen.  — 
B.  983:  der  Hafen,  in  dem  Jason  vor  Troja  landete,  hieß 
„Simoenta“.  K.  nennt  weder  diesen  Hafen  [6908],  noch 
den  von  Sigeon  [11590  —  B.  2209].  —  B.  1698:  der 
Ring  der  Medea  war  so  kostbar,  Oteviens  von  Rom  hätte 
ihn  nicht  erwerben  können;  K.  9208:  „man  dürfte  wohl 
niemals  einen  besseren  Ring  sehen  . . .  kein  König  könnte 


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23 


ihn  bezahlen.“  Hier  sieht  man  deutlich,  daß  der  Dichter 
nur  an  dem  Namen  Anstoß  nahm,  nicht  an  der  Art  der 
Hyperbel.  —  Ja,  nicht  einmal  den  Namen  des  Argo¬ 
nautenschiffes  ,.Argo“  hat  K.  übernommen  [6840,  B.  962]. 
-B.  3868;  Paris  verlor  sich  im  Tale  der  Citharii;  K.  18832: 
Ich  saß  ab;  ich  setzte  mich  nieder  auf  eine  grüne  Wiese. 

Es  kommt  allerdings  auch  der  Fall  vor,  daß  K.  Namen 
nennt  und  B.  nicht;  B.  3060:  der  große  Turm  von  Troja 
war  so  hoch,  daß  man  glaubte,  er  ragte  bis  in  die  Wolken 
hinein.  Nie  hätte  Gott  einem  Menschen  solchen  Ver¬ 
stand  gegeben,  einen  so  hohen  Turm  bauen  zu  können. 
K.  nennt  auch  keine  Personennamen,  sondern  führt 
geographische  Bezeichnungen  ein.  17482:  Alle  Meister 
vom  „Rhein“  und  der  „Elbe“  hätten  solchen  Turm  nicht 
bauen  können!  17  614:  Wer  nach  Endiam  und  Uztrieht 
käme,  fände  solchen  Wunderbaum  nicht. 

3.  Zusammenziehungen. 

•  • 

Wie  K.  durch  Streichen  des  Überflüssigen  das  kom¬ 
plizierte  Gewebe  zu  vereinfachen  sucht,  so  schafft  er  auch 
durch  Zusammenziehen  auseinanderliegender  Partieen  eine 
straffere  Komposition.  Es  ist  fast  erstaunlich,  daß  B. 
an  so  vielen  Stellen  seines  Werkes  das  große  Durch¬ 
einander  nicht  gemerkt  hat.  So  z.  B.  ist  bei  ihm  der 
Aufbruch  der  Griechen  nach  Troja  ganz  konfus.  B.  4773: 
Renommee  bringt  die  Kunde  vom  Raube  der  Helena 
nach  Griechenland  und  zu  Menelaus.  Dieser  fährt  so¬ 
gleich  zu  Nestor  nach  Parte.  Ebendahin  kommt  als  dritter 
Agamemnon.  Ohne  jeden  Zusammenhang  kehrt  Benoit 
zu  Paris  zurück  [4803]:  Paris  qui  fu  a  Tenedon  il  e  si 
autre  compaignon;  dann  wieder  nach  Parte  [4937]:  die 
dreie  beschließen,  Rache  an  Paris  und  den  Trojanern  zu 


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nehmen.  Sofort  werden  Boten  durch  Griechenland  ge¬ 
schickt.  Es  kommen  nach  Parte  [5010]:  Patroclus,  Achill, 
Diomedes,  Eurialus,  Telepolus.  Wiederum  wird  beschlossen, 
Rache  zu  nehmen.  Agamemnon  wird  zum  Führer  ge¬ 
wählt  [5025].  ln  Temesse  werden  die  Vorbereitungen  ge¬ 
troffen.  Dann  Abfahrt  nach  Troja  [5049  ff.].  Hier  schiebt 
B.  die  Castor-  und  Pollux-Episode  ein  [5061 — 5092; 
s.  S.  21].  Es  folgt  die  große  Partie  der  „Portraits“ 
[5093 — 5582].  Dann  fährt  B.  ohne  Zusammenhang  fort 
[5583]:  „Der  Winter  ging  dahin,  der  Sommer  kam“,  da 
waren  alle  Griechen  in  Athen  (!)  versammelt;  dann  Schiffs¬ 
katalog  [5601  -  5702]. 

K.  bringt  Klarheit  in  die  Anlage.  Nach  dem  Raube 
der  Helena  fährt  Paris  sofort  ab  [22524];  Station  in 
Tenadon  [22540—22572,  also  nicht  fama  nach  Griechen¬ 
land];  Rückkehr  des  Paris  nach  Troja.  Jetzt  erst  zu 
Menelaus  nach  Griechenland.  [23394]:  diu  rruere  waren 
du  geflogen  über  al  der  Kriechen  laut ,  daz  mit  gewultic- 
lieber  haut  Helene  was  gezücket!  —  [23422]:  Auch 
Menelaus  erfährt  es;  Versammlung:  Castor,  Pollux,  Nestor, 
Agamemnon.  Der  Krieg  wird  beschlossen  [23546].  Nun 
die  Reflexion  Ks.,  wie  der  Traum  Hecubas  in  Erfüllung 
ging  [23640-752].  In  Athen  (!)  kommen  die  Griechen 
zusammen.  Jetzt  gleich  der  Schiffskatalog  angereiht  [23778]. 
—  K.  nimmt  also  Athen  allein  als  Ausgangspunkt  des 
Unternehmens  an;  erzählt  erst  alles,  was  zu  Paris  gehört, 
dann  alles,  was  Menelaus  und  die  Griechen  betrifft,  wäh¬ 
rend  B.  von  Menelaus  zu  Paris  und  von  Paris  wieder  zu 
den  Griechen  kommt. 

Einen  ähnlichen  Sprung  macht  B.  1980.  Mitten  in 
der  Erzählung  von  der  Freude  der  Genossen  über  Jasons 
Rückkehr  aus  Kolchis  bemerkt  B,  „daß  der  König  (Peleus) 
sich  über  diese  Rückkehr  ärgerte“;  dann  erzählt  er  weiter 


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25 


von  Jason  und  Medea  und  kommt  zum  Schlüsse  seiner 

•  • 

Medea — Jasongeschichte  noch  einmal  auf  den  Arger  des 

•  • 

Peleus  zurück.  —  K.  erzählt  nichts  mehr  von  dem  Arger 
des  Peleus;  da  er  die  Geschichte  Jasons  weitererzählt, 
blieb  kein  Platz  mehr  für  Peleus’  Grimm;  Jason  stirbt 
ja  bald  durch  die  Rache  der  Verratenen. 

An  einer  anderen  Stelle  hat  K.  die  Verworrenheit 
Benoits  nicht  mitgemacht,  sondern  ist  eigenem  Plane  ge¬ 
folgt.  B.  4167:  Paris  bricht  auf  nach  Griechenland. 
4219:  Indessen  macht  sich  Menelaus  auf,  zu  Nestor  nach 
Pile  zu  fahren;  der  hatte  ihn  zu  sich  gebeten,  „aus  welchem 
Grunde,  weiß  ich  nicht“.  Menelaus  war  ein  mächtiger 
König  usw.  4233:  Die  Schiffe  (wohl  Menelaus’  und  Paris’) 
begegnen  sich  unterwegs;  keiner  weiß,  wohin  der  andere 
fährt.  4239:  Castor  und  Pollux  waren  in  Climestree  zu 
der  Zeit.  Deren  Schwester  war  Helena.  Menelaus  war 
ihr  Gatte.  Helena  hatte  eine  Tochter  Hermiona.  Die 
Onkel  liebten  sie  sehr.  4253 :  Die  Trojaner  kommen  nach 
Citharea.  —  K.  konnte  diesen  Wirrwarr  nicht  übernehmen. 
Er  disponiert  anders.  19392:  Paris  fährt  ab;  438:  er 
kommt  nach  Citharea;  635:  Helena  ebenso;  20367:  Me¬ 
nelaus  ebenso.  Die  verwandtschaftlichen  Beziehungen,  die 
B.  erwähnt,  haben  keine  Bedeutung  und  werden  von  K. 
weggelassen.  Der  Gedanke  Bs.,  daß  sich  die  Schiffe 
unterwegs  treffen,  ist  an  sich  sehr  schön.  Menelaus  be¬ 
gegnet  denselben  Schiffen,  die  seine  Gattin  wegführen 
werden!  Aber  K.  konnte  ihn  nicht  gebrauchen,  weil  bei 
ihm  Menelaus  selbst  nach  Cytherea  kommt. 

Das  beste  Beispiel  für  die  überlegene  Kompositions¬ 
kunst  Ks.  ist  Antenors  Gesandtschaft  nach  Griechenland 
[vgl.  oben  S.  10].  Bei  B.  3277  hören  wir  viermal  den¬ 
selben  Auftrag  an  die  griechischen  Fürsten  [Peleus,  Te- 
lamon,  Castor  und  Pollus,  Nestor].  K.  sah  sofort  den 


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großen  Fehler,  der  darin  lag.  Er  hält  es  für  selbstver¬ 
ständlich,  daß  es  so,  wie  B.  erzählt,  nicht  richtig  ist. 
Antenor  traf  sie  natürlich  alle  beisammen:  het  er  si  M 
den  stunden  nicht  samentliaft  da  fanden ,  so  wcere  im 
kumber  worden  sclün,  i van  er  hesunder  miieste  sin,  z'ir 
iegelicliem  sin  geriten !  [18017[. 

Es  gelingt  bisweilen  K.  dadurch  eine  größere  Einheit 
zu  schaffen,  daß  er  verschiedene  Dinge  identifiziert  So 
vereinigt  er  die  2  „Bilder“,  die  Medea  dem  Jason  gibt: 
das  eine,  bei  dem  er  schwören  soll  [B.  1622]  und  das  an¬ 
dere,  das  er  im  Kampfe  tragen  soll  [ß.  1663];  K.  9094: 
bei  dem  Bilde  Jupiters  soll  er  schwören;  9290:  das  Bild, 
auf  dem  ihr  den  Eid  geleistet  habt,  das  führet  mit  euch! 
—  Auch  bei  Ovid  hat  er  diese  Vereinfachung:  Medea 
taucht  das  Versuchstier  in  einen  Kessel  mit  dem  Zauber¬ 
saft  [Met.  VII  314].  K.  bemerkt  [11028]:  Medea  hatte 
denselben  haven  bei  sich,  mit  dem  Aeson  veijüngt  ward. 

Man  beachte  auch  Stellen  wie  folgende:  B.  erzählt 
763  ff.  von  dem  goldenen  Vlies,  von  der  Unmöglichkeit, 
es  zu  gewinnen  usw.  Peleus,  heißt  es  weiter,  läßt  den 
Jason  zu  sich  rufen  und  setzt  ihm  die  Geschichte  vom 
goldenen  Vliese  auseinander.  Der  Leser  hört  also  zwei¬ 
mal  dasselbe.  K.  vermeidet  das  und  läßt  Peleus  gleich 
den  Neffen  rufen,  dem  er  dann  von  dem  kostbaren  Schaper 
berichtet  [6630].  —  Ebenso  B.  3235:  Priamus  erklärt  den 
Fürsten,  er  wolle  einen  Gesandten  nach  Griechenland 
schicken  wegen  Herausgabe  der  Esiona.  Antenor  wird 
damit  beauftragt;  der  König  sagt  ihm  3254 — 56,  er  solle 
hinfahren  und  die  Schwester  nachdrücklich  zurückfordern. 
Und  noch  ein  3.  Mal  hören  wir  die  Botschaft  [B.  3261]: 
Priamus:  „Sagt  denen  da  .  .  .“  usw.  K.  [17902,  17980] 
bringt  nur  einmal  den  Inhalt  der  Botschaft.  Priamus 
schickt  den  Antenor  mit  der  (vorher  schon  besprochenen) 


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Botschaft  nach  Griechenland.  Ohne  nochmals  den  Auf¬ 
trag  anzuhören,  fährt  Antenor  ab. 

Als  Antenor  von  seiner  mißglückten  Fahrt  zurück¬ 
kommt,  beruft  Priamus  eine  Versammlung,  in  der  die 
Rachefahrt  beschlossen  wird  [B.  3658] ;  dann  [4039]  hören 
wir  merkwürdigerweise  noch  einmal  von  einer  Versamm¬ 
lung,  in  der  Priamus  den  Herren  abermals  sagt,  was  sie 
schon  wissen.  Diese  2.  Versammlung  läßt  K.  fort. 

Kurz  vor  dem  Aufbruche  der  Griechen  nach  Troja 
beruft  Agamemnon  die  Fürsten  zu  einer  Besprechung 
[B.  6073].  Hierbei  hält  er  zunächst  eine  Rede  über  den 
Hochmut;  dann  erzählt  er  noch  einmal  die  ganze  Ge¬ 
schichte  des  trojanischen  Krieges!  „Mit  Laomedon  be¬ 
gann  es“  usw.  Diese  ungeschickte  Rekapitulation  beseitigt 
K.;  auch  hat  er  diese  Versammlung  erst  später  [26  264  ff.]. 
Auf  die  Einnahme  von  Tenedon,  die  ohne  Bedeutung  für 
die  Entwickelung  der  Ereignisse  ist,  verwendet  B.  73  Verse 
[5991 — 6064];  K.  macht  sie  nebenher  in  16  Versen  ab 
[25089—105];  außerdem  zieht  er  die  beiden  chastels: 
Tenedon  e  Laurientel  Bs.  in  das  eine  Tenedon  zusammen. — 
An  einer  Stelle  allerdings,  die  er  nicht  von  ß.  hat,  finden 
wir  auch  bei  K.  einen  Kompositionsfehler.  Es  ist  die 
Geschichte  von  der  Hindin  der  Diana,  die  Agamemnon 
tötet.  K.  knüpft  sehr  locker  an  Ovid  an.  Er  erzählt 
[24030]:  Agamemnon  jagte  im  AValde  von  Aulis  die 
Hindin.  Daher  Zom  der  Göttin,  Unwetter;  Kalchas  fragt 
auf  Drängen  der  Griechen  den  Apoll  nach  der  Ursache 
des  Sturmes  [24290]:  Apollo  sagt  dem  Seher  die  wahre 
Ursache:  Tötung  der  Hindin  durch  Agamemnon.  Kalchas 
erstattet  nun  Bericht  und  erzählt  (in  indirekter  Rede)  die 
Ursache  [24374],  wie  von  dem  schütze  tot  gelac  ir  hinde. 
Darauf  beraten  die  Griechen  über  die  Sühne,  die  Diana 
fordert  (Opferung  einer  reinen  Jungfrau).  Ulix  wird  be- 


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auftragt,  den  Entschluß  der  Versammelten  dem  Agamem¬ 
non  mitzuteilen.  Dabei  führt  er  dem  unglücklichen  Vater 
noch  einmal  die  ganze  Geschichte  vor,  die  wir  nunmehr 
zum  4.  Male  hören.  Für  diese  Entgleisung  Ks.  weiß  ich 
keine  Erklärung,  da  K.  sonst  derartigen  Wiederholungen 
bewußt  aus  dem  Wege  geht. 

4.  Umstellungen. 

K.  hat  sich  bemüht,  die  Anordnung  Bs.  beizubehalten. 
Kur  wo  sein  Plan  ihn  zwang,  stellte  er  Tatsachen  um; 
z.  B.  mußte  die  Entsendung  der  Boten  nach  Troja  bis 
nach  der  1.  Schlacht  verlegt  werden,  weil  sie  Anlaß  geben 
sollte  zur  Herbeiholung  des  Achill  [s.  S.  16].  Die 
Wunderpinie  vor  Priamus’  Saale  wird  von  B.  erst  erwähnt, 
als  Ulix  und  Diomed  nach  Troja  kommen  [6265];  K. 
bringt  sie  natürlich  gleich  bei  der  Beschreibung  der  neuen 
Stadt  [17562].  Nachher  weist  er  nur  darauf  zurück 
[26444].  Die  Wiedereinsetzung  Agememnons  hat  K. 
gleich  nach  der  3.  Schlacht,  während  B.  sie  erst  nach  der 
12.  Schlacht,  nach  Palamedes’ Tode  bringt.  Welche  Gründe 
K.  dazu  hatte,  läßt  sich  nicht  so  ohne  weiteres  sagen; 
wir  müßten  wissen,  wie  Ks.  Werk  weitergegangen  wäre,  ob 
Palamedes  dieselbe  Rolle  spielte  wie  bei  B.;  man  könnte  ja 
einfach  annehmen,  daß  es  K.  widerstrebte,  einen  Helden 

wie  Agamemnon  solange  unterdrückt  zu  sehen. 

# 

5.  Zusätze. 

Hier  ist  nicht  gedacht  an  stilistische  Ausführungen, 
sondern  an  Zusätze  Ks.,  die  der  Komposition  dienen. 
B.  erzählt:  Jason  hat  sich  in  Medea  verliebt;  Tag  und 
Nacht  sinnt  er,  wie  er  zu  ihr  gelangen  könnte.  Dann 
ohne  Verbindung  [B.  1300]:  Da  ruft  eines  Tages  Oetes 


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seine  Tochter  zu  sich,  küßt  sie  und  bittet  sie,  mit  den 
Gästen  zu  plaudern.  —  Das  war  K.  nicht  genug,  er  ver¬ 
mißte  hier  einen  innerlichen  Zusammenschluß;  darum  er¬ 
findet  er  eine  Situation,  die  den  Zusammenhang  schafft 
[K.  7899]:  Jason  wird  vor  Liebesleidenschaft  krank.  Er 
siecht  dahin,  der  Kummer  nimmt  ihm  alle  Farbe.  Das 
fällt  dem  Könige  auf.  Neben  Ruhe  und  gemach  ver¬ 
schreibt  er  dem  Kranken  zur  Unterhaltung  die  Medea! 
Darauf  haben  die  Liebenden  längst  gewartet.  —  Und 
dann!  B.  erzählt  gleich  weiter:  Medea  willigt  mit  tausend 
Freuden  ein;  sogleich  geht  sie  zu  Jason  und  plaudert  mit 
ihm.  K.  schafft  wieder  eine  Verbindung.  Die  Möglich¬ 
keit,  daß  Medea,  ohne  daß  es  auffällt,  zu  Jason  kommt, 
bildet  ein  Fest,  das  Oetes  seinen  Gästen  gibt.  So  be¬ 
gründet  K.  nachher  hübsch,  w'arum  Medea  solange  auf  den 
Geliebten  warten  muß;  das  Fest  hat  nämlich  sehr  lange 
Dauer  [K.  8540]:  Oetes  bemüht  sich  auf  alle  Weise, 
seine  Gäste  zu  unterhalten:  er  half  in  lange  wachen  durch 
da z  Jason  der  mcere  vergezze  siner  stetere.  Indessen 
harrt  Medea  in  Sehnsucht  des  Geliebten. 

Durch  solche  Zusätze  gibt  K.  seinen  Erzählungen  einen 

großen  inneren  Zusammenhang;  es  ist  erstaunlich,  wie 

•  • 

sicher  es  K.  merkt,  wo  er  bei  B.  fehlt.  Überall  weiß  K. 
zu  motivieren.  Oetes  hatte  [ß.  1211]  ohne  Begründung 
den  Gästen  seine  Tochter  Medea  vorgestellt.  K.  fügt 
hinzu  [7404]:  Oetes  sagte:  „Ihr  seid  mir  die  liebsten  Gäste, 
die  ich  je  hatte.  Darum  will  ich  euch  auch  mein  größtes 
Kleinod  zeigen,  das  ich  besitze:  Medea!“  ich  Mn  vor 
mangem  man  gespart  ein  rieh  kleinste  miniu  jdr ;  daz  sol 
iu  werden  offenbar  und  muoz  für  iuu  er  ougen  körnen.  — 
Eine  Begründung  finden  wir  auch  in  folgenden  Zusätzen. 
B.  4282:  Paris  geht  mit  seinen  Leuten  in  den  Tempel 
von  Cytherea;  K.  [19488]  begründend:  „Sie  wollten  den 


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Göttern  opfern,  damit  ihr  Leben  in  Griechenland  vor 
Schaden  bewahrt  bliebe.“  —  B.  4285:  Paris  und  die 
Seinen  schmückten  sich;  K.  19510:  Paris  schmückte 
sich,  weil  er  gedachte,  viele  schöne  Frauen  dort  zu 
sehen. 

Einer  ganz  anderen  ratio  entspringt  folgender  Zusatz 

Ks.  [B.  2683] :  Der  Bote ,  der  die  Nachricht  von  dem 
•  • 

Überfälle  Trojas  an  Laomedon  bringt,  sagt:  „Geh  sofort 
und  reite  gegen  die  Feinde;  besser  ists,  ihr  reitet  gegen 
sie,  als  daß  ihr  sie  hier  erwartet.“  K.  12418  geht  viel 
weiter;  das  bloße  Entgegenreiten,  das  der  Bote  empfiehlt, 
hat  ja  auch  keinen  Zweck.  Da  liegt  die  Gefahr,  voll¬ 
ständig  umzingelt  zu  werden,  zu  nahe.  Die  Stadt  muß 
vor  allem  wieder  zurückgewonnen  werden,  sonst  ist  eine 
völlige  Niederlage  unvermeidlich  (wie  es  auch  geschieht: 
das  endgültige  Eindringen  der  Griechen  in  die  Stadt  ist 
das  Verderben  der  Trojaner).  Das  alles  sieht  K.,  der 
hier  in  taktischen  Fragen  erstaunlich  gewandt  ist.  Da¬ 
rum  läßt  er  den  Boten  das  alles  auseinandersetzen: 
„Schnell  zur  Feste!  —  seht  zu,  daß  wir  wieder  hinein¬ 
kommen!  Verlieren  wir  Troja,  dann  wehe  uns!  Paßt 
auf!  Ziehen  wir  gegen  die  Stadt,  so  kommen  die  Feinde 
in  Scharen  uns  entgegen!  Dann  sind  wir  hinten  und 
vorne  von  Feinden  eingeschlossen.  Vielleicht  sind  wir 
nicht  ganz  verloren!  Wenn  es  uns  nämlich  gelingt,  die 
aus  Trojfl,  Ziehenden  zu  bekämpfen  und  zurückzustoßen. 
Sobald  sie  in  die  Tore  drängen,  müssen  wir  ihnen  nach¬ 
setzen.  Sind  wir  einmal  in  der  Stadt,  dann  ist  es  mög¬ 
lich,  daß  wir  uns  aus  der  Verlegenheit  siegreich  heraus¬ 
ziehen.“  Gegen  diesen  Plan  ist  schlechterdings  nichts 
einzuwenden.  B.  macht  sich  keine  Gedanken  darüber, 
welche  Maßregeln  in  dieser  gefährlichen  Situation  für  die 
Trojaner  einen  Ausweg  bieten  könnten.  K.  hat  sich  die 


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ganze  Sachlage  klar  gemacht  und  dann  seinen  Plan  über 
Benoits  Angaben  hinaus  eingefügt. 

Wie  K.  seine  Fäden  zu  knüpfen  weiß,  zeigt  folgender 
Zusatz:  Als  Paris  die  Helena  sieht,  da  fühlt  er  sofort, 
das  müsse  Helena  sein,  die  ihm  Venus  versprochen  habe, 
damals,  als  er  den  Apfelstreit  entschied  [19795].  B.  hatte 
kein  Wort  davon  erwähnt.  —  Nach  der  2.  Schlacht  bitten 
die  Trojaner  um  Waffenstillstand.  Die  Unterhändler 
kann  B.  nicht  nennen,  weil  er  sie  in  der  estoire  nicht 
findet  [B.  10310].  K.  weiß  sie  natürlich.  Boten  sind 
bei  ihm  stets  Ulix  und  Diomedes  [37773].  —  Diese 
bestimmtere  Fassung  gibt  der  Erzählung  besseren  Halt. 

Die  Betrachtung  der  Konradschen  Kompositionstechnik 
hat  also  ergeben,  daß  der  Dichter  mit  großer  Ueber- 
legung  an  sein  Werk  herangetreten  ist.  Wohl  hat  er 
Benoits  Material  benützt,  doch  hat  er  mit  kritischem 
Auge  die  französische  Vorlage  gemustert.  Vieles,  was  er 
von  vornherein  als  überflüssig,  störend  und  verwirrrend 
betrachtete,  hat  er  rücksichtslos  gestrichen.  Daß  er  diese 
Ausscheidungsarbeit  nicht  nur  an  größeren  Partien  vor¬ 
nahm,  sondern  vor  allem  an  kleineren  Auswüchsen 
Benoits  übte,  das  beweist,  wie  gründlich  er  den  frz.  Roman 
durchgearbeitet  hat.  Noch  größer  ist  sein  Verdienst,  wenn 
man  bedenkt,  daß  er  die  frz.  Vorlage  überhaupt  nur 
als  Untergrund  für  seinen  Roman  benutzen  wollte.  Von 
Anfang  an  fügt  er  die  Achillei's  als  Parallelhandlung  hin¬ 
zu.  Leider  bricht  sein  Werk  schon  so  früh  ab,  daß  wir 
garnicht  berechnen  können,  welches  gewaltige  Gebäude 
er  noch  zu  errichten  gedachte;  sind  doch  seine  40000  Verse 
vielleicht  nur  die  Grundlage  zu  dem,  was  folgen  sollte. 
Es  ist  klar,  daß  K.  bei  solcher  Aufgabe  sehr  wachen 
mußte,  nicht  durch  Verwirrungen  und  Ueberfluß  den 
Roman  unlesbar  zu  machen:  scharfe  Disposition,  gute 


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Verbindungen  und  möglichst  viele  „Centren“  mußten  die 
Stützen  für  diesen  Bau  hergeben.  Unter  diesem  Ge¬ 
sichtspunkte  ist  die  ganze  Anlage  des  Werkes  zu  ver¬ 
stehen.  Daß  aber  der  Trojanerroman  nicht  nur  ein  wohl 
konstruiertes,  architektonisch  berechnetes  und  ausgeklügeltes 
Konglomerat  aller  möglichen  Erzählungen  ist,  sondern 
auch  ein  Werk  von  poetischem  Gehalte,  das  beweist  uns 
der  Stil  des  Werkes,  der  uns  abermals  Konrads  große 
Ueberlegenheit  über  Benoit  zeigen  wird. 

II.  Stil. 

Wenn  man  Ks  große  „Weitschweifigkeit“  betrachtet, 
so  könnte  man  leicht  zu  der  Vorstellung  kommen,  daß  er  in 
seinen  Ausführungen  viel  Geschwätz  und  viel  Flickwerk  habe. 
Man  nehme  etwa  die  Erzählung  von  Jason  und  Medea. 
B.  behandelt  diesen  Stolf  in  1345  Versen  [715 — 2060]; 
dieselbe  Erzählung  (K.  schließt  sich  zu  Anfang  seines  Werkes 
noch  ziemlich  eng  an  B.  an!)  nimmt  bei  K.  3713  Verse 
ein  [6508 — 10221];  also  fast  das  Dreifache,  Benoits 
ganzes  Werk  umfaßt  (mit  20  Schlachten)  23126  Verse; 
Ks.  Fragment  (bis  zur  3.  Schlacht  incl.)  40424  Verse,  von 
denen  allerdings  13500  Verse  auf  die  Nebenhandlungen 
fallen  (6000  Vorgeschichte,  1000  Medeas  Bache  an  Peleus 
und  Jason,  6500  Achilleis).  K.  erzählt  also  in  27  000  Versen 
viel  weniger  als  B.  in  23000.  Aber  diese  Breite  Ks., 
erwächst  nicht  aus  formelhaft  redseliger  Lässigkeit.  Selbst 
Scherer,  der  [L.  G.  I  190]  seinem  Verse  „leeres  Flickwerk“ 
seinem  Stile  „breite  Schilderungen“,  und  endlose  Reden 
nachsagt,  lobt  seine  „sinnigen  Vergleiche“  (mit  denen  Ks. 
Werk  ganz  überschüttet  ist)  und  „wohlausgemalten 
Situationen“.  Wir  werden  sehen,  mit  welcher  schönen 
Kunst  K.  es  versteht,  seine  Schilderungen  (Landschaften, 
Drachen-  und  andere  Kämpfe)  reizvoll  zu  gestalten.  Und 


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seine  „glänzende  Diktion“,  sein  „unerschöpflicher  Reich¬ 
tum  an  dichterischen  Gedanken  und  Bildern“  [Dünger  V.] 
gerade  im  Trojanerromane  sind  unvergleichlich.  Das  tritt  uns 
besonders  auffallend  entgegen,  wenn  K.  Schilderungen  gibt  an 
Stellen,  wo  B.  garnicht  daran  denkt,  sich  etwas  auszumalen ; 
B.  sieht  ja  nichts ;  Anlässe,  die  des  Dichters  Phantasie  ge¬ 
radezu  herausfordern,  läßt  er  sich  entgehn.  K.  macht  da  mit 
Begeisterung  Halt ;  er  zaubert  sich  und  uns  sofort  ein  Bild  hin? 
das  uns  den  im  Grunde  trockenen  Stoff  der  unendlichen 
Schlachten,  Reden  und  Einzelkämpfe  lebendig  aufblühen 
läßt.  Landschaften,  Kleider,  Waffen,  Schlachten,  Tiere,  Ge¬ 
räte,  Feste  sehen  wir  vor  uns,  wandeln  in  schattigen,  para¬ 
diesischen  Hainen  und  Gärten ;  unser  Auge  ergötzt  sich  an 
den  prächtigen  in  Gold,  Silber  und  Edelsteinen  strotzenden 
Kleidern;  wir  werden  hingerissen  von  dem  prächtigen  Schau¬ 
spiele  der  in  der  Schlacht  hin-  und  herwogenden  Kämpfer¬ 
reihen,  deren  glänzende  Rüstungen  die  Strahlen  der  Sonne 
tausendfältig  zurückwerfen.  Wie  schauerlich  schön  ist 
für  uns  der  Anblick  des  giftgeschwollenen  Drachen,  der 
mit  feuerspeiendem  Rachen  und  Nüstern  den  mächtigen 
Leib  ringelnd  auf  Jason  zustürzt.  So  geht  es  durch  das 
ganze  Buch,  und  jeder,  der  nur  einige  Partieen  empfäng¬ 
lichen  Sinnes  liest,  muß  die  Lebendigkeit  solcher 
Schilderungen  empfinden,  muß  nachfühlen,  wie  sie  auf 
Konrads  Publikum  wirken  mußten. 

1.  Schilderungen. 

Am  häufigsten  erscheinen  Schilderungen  von  Land¬ 
schaften,  Naturereignissen  usw.  Natürlich  geben  sie  kein 
reines  Bild  von  des  Dichters  Verhältnis  zur  Natur.  K. 
ist  Gelehrter.  Er  weiß  für  alle  Situationen  die  passenden 
Formeln.  Hat  er  also  etwa  eine  liebliche  Aue  zu  schildern 

so  setzt  er  sich  ein  den  Verhältnissen  und  der  Umgebung 

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entsprechendes  hübsches  Mosaik  zusammen,  vielleicht  ohne 
viel  originelle  Anschauung,  aber  mit  gutem,  etwas 
üppigem  Geschmack  und  mit  großer  Variationskunst,  wo¬ 
durch  sich  seine  Schilderungen  angenehm  von  den  immer 
wiederkehrenden  Redewendungen  Benoits  abheben. 

a.  Landschaften. 

ß.  leitet  seine  Abschnitte  oft  mit  landschaftlichen 
Bildern  ein,  und  zwar  in  immer  gleichen,  traditionellen 
Ausdrücken:  „Als  es  kam  zur  Frühlingszeit,  wo  lieblich 
die  Vögelein  singen,  wo  die  Blumen,  weiß  und  schön,  wo 
grünt  das  Gras,  frisch  und  jung,  wo  die  Gärten  im 
Schmuck  der  Baumblüte  stehen“  usw.  [953],  ebenso 
B.  Vers  2138,  1167,  4167,  4586,  4806,  5583.  K.  ver¬ 
schmäht  diese  Wendungen  keineswegs;  er  ist  aber  in  ihrer 
Anwendung  viel  geschickter.  Z.  B.  11575:  „Die  Griechen 
fuhren  ab;  guten  Wind  hatten  sie;  der  schöne  Maien¬ 
sonnenschein  gab  ihnen  das  Geleite;  auf  den  Bergen  und 
in  den  Wäldern  sangen  die  Vögel,  die  Blumen  lachten 
einem  ins  Herze . . Wie  Aveit  erhebt  er  sich  über  B.  allein 
schon  durch  die  Personifikation  des  Maiensonnenscheins! 
B.  läßt  sich  die  schönsten  Gelegenheiten  zu  einer  Aus¬ 
malung  entgehen.  B.  1879:  „Jason  betritt  die  Insel“  (des 
Widders).  Das  genügte  B.  K.  konnte  da  nicht  vorüber¬ 
gehen.  Er  mußte  sich  diese  Insel  vorstellen.  Das  war 
ohne  Zweifel  eine  ganz  fremdartige,  wunderbare  Wiese, 
wo  ein  solcher  goldener  Widder  lebte:  sie  wurlancunde 
breit  [9599],  mit  Bäumen  wohlbestanden  alsam  ein  irdisch 
paradis.  Da  blühten  viele  Zweige,  die  trugen  Feigen 
und  Kastanien!  Man  beachte,  daß  K.  ausländische  Früchte 
nimmt:  „Süßer  Mandelkerne  die  Fülle  wuchsen  auf  der 
Insel;  nützliche  und  edle  Früchte  gabs  im  Ueberfluß. 
Auch  stand  da  grünes  Gras  und  auserwählte  Blumen: 


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es  wuchsen  da  Kardamumen,  Muskat  und  Nelken!  Der 
dichte  Mai  mit  seinem  lichten  Schein  hatte  alles  wohl  mit 
Blüten  verschönt  und  die  Töne  seltener  Yögel  hinge¬ 
zaubert.“  Also  auch  die  Yögel  sind  nicht  gewöhnüche. 
—  Das  Gestade  von  Troja  malt  B.  mit  keiner  Silbe  aus 
[983  ff.].  K.  fügt  eine  solche  Schilderung  ein  [6910  ff.]. 
Recht  schön  ist  Ks.  Bild  von  der  Wiese,  auf  der 
der  Widder  mit  dem  goldenen  Vlies  weilte.  B.  hat 
wieder  kein  Wort  zur  Ausschmückung:  B.  1863:  „Jason 
ging  auf  den  Widder  zu  und  nahm  ihm  das  Vlies  ab.“ 
K.  läßt  vor  uns  einen  äußerst  farbigen,  blumenreichen  Garten 
erstehen  [9990].  „Ein  Ring  von  weißen  Rosen  und  Lilien 
umgab  diesen  Garten.  Dieser  wunnicliche  umbevanc 
umschloß  den  Widder  und  die  Wiese.  Ein  Bächlein 
klingelte  und  floß  durch  die  Blumen  und  den  Klee!“  usw. 
Die  Schilderung  endet  mit  einem  klangvollen  Bericht  von 
einem  Vogelkonzert,  das  von  „Lerche  und  Haubenlerche, 
Drossel  und  Sittich“  angestimmt  wird.  Ebenso  malt  K.  allein 
den  Wald  von  Aulis  aus  [B.  5957;  K.  24014.],  wo  auch 
Ovid,  dem  K.  hier  folgt,  nur  sagt:  „man  bleibt  im  fisch¬ 
reichen  Aulis.“  Desgleichen  gibt  er  selbständig  die 
Schilderung  des  Bacchusfest-Platzes  (Statius  1 600)  K.  16218. 

Gleich  schön  sind  Ks.  Schilderungen  eines  Unwetters: 
ergiezen  sich  daz  mer  began  (Personif.!)  und  wart  als  un- 
gehiure,  daz  man  mit  keiner  stiure  geschifen  drüf  ge- 
torste.  si  muosten  in  dem  vorste  beliben  algemeine  —  ouch 
wart  der  stnrmewint  so  gröz  und  also  rechte  grimmeclich , 
daz  nieman  üz  dem  walde  sich  gebieten  mochte  zuo  dem 
se.  daz  is  und  der  vil  kalte  sne  begunde  si  da  müejen 
[24  102].  B.  hat  hier  eine  dürftige  Schilderung:  „ein 
wunderbarer,  ein  häßlicher  Sturm“  [5930].  Selbst  in  Schil¬ 
derungen,  wo  K.  nach  einem  guten  V orbilde  arbeitet,  gibt 
er  so  viel  Eigenes,  daß  sein  selbständiges  Können  zweifel¬ 
st 


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los  erwiesen  ist.  Es  sei  hier  erinnert  an  die  Beschwörungs¬ 
szene  der  Medea,  die  K.  von  Ovid  übernimmt.  Wäre  K. 
ein  kleinerer  Dichter,  so  würden  ihn  Ovids  Worte  hin¬ 
reißen,  und  er  würde  diese  Stelle  einfach  nachschreiben. 
Er  wagt  aber  Selbständiges  und  zeigt  damit,  daß  er  hinter 
Ovid  nicht  zui  ückzustehen  gewillt  ist.  Ovid,  Met.  VII 179  ff: 
„Drei  Nächte  fehlten  noch,  daß  des  Mondes  Hörner  sich 
füllten  zu  vollem  Kreise.  Und  als  in  vollendeter  Runde 
Luna  auf  die  Erde  herabschaute  —  da  trat  Medea  aus 
dem  Hause,  losgegürtet  die  Kleider  und  losgebunden  das 
Haar,  das  auf  die  Schulter  fällt.  Ohne  Begleitung  ist 
sie;  sie  trägt  der  schwankende  Schritt  durch  die  Stille 
der  Mitternacht.  Die  Menschen  und  die  Tiere  und  die 
Vögel  ruhen  in  tiefem  Schlafe.  Die  Hecke  schweigt,  es 
schweigt  unbeweglich  das  Laub,  es  schweigt  die  feuchte 
Luft.  Einsam  blinken  die  Sterne;  zu  diesen  hebt  sie  die 
Arme  empor  und  wendet  sich  dreimal;  dreimal  feuchtet 
sie  mit  dem  Wasser  des  Flusses  ihr  Haar,  und  dreifaches 
Geschrei  entflieht  ihrem  Munde;  mit  den  Knieen  sinkt  sie 
zur  harten  Erde  und  ruft:  . . K.  10  492 :  „Festlich  ge¬ 
kleidet  macht  sich  Medea  auf  in  Nacht  und  Finsternis 
und  eilt  vor  die  Stadt.  Alle  Kreatur  schlief;  allein  stand 
sie  da.  Der  Mond  nur  gab  hellen  Schein.  An  einer 
Wegscheide  vor  einem  wilden  Gehölze  begann  sie  ihre 
Künste.  Sie  beschwor  die  Geister;  schreckliche  Zauber¬ 
worte  sprach  sie,  sodaß  der  ganze  Wald  erkrachte!  Die 
Windsbraut  sauste  daher,  Blatt  und  Blüte,  Gras  und 
Kraut  schwankte  und  bebte.  Merkwürdige  Zeichen  und 
Figuren  malte  sie  auf  den  Boden.  Da  ward  es  dunkel; 
Regen-  und  Hagelschauer  schossen  herab ;  dann  wars  vor¬ 
bei.  Der  Mond  schien  wie  vorher.  Aus  der  Luft  kam 
ein  Drachenwagen  hernieder.  .  Von  Ovids  Worten  hat 
K.  wenig  Gebrauch  gemacht:  die  Schrecken  des  Zauberwerks 
sind  ihm  wichtiger  als  die  Stimmung  der  einsamen  Nacht. 


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b.  Szenerie. 

Sein  Talent  „auszumalen“  kommt  K.  trefflich  zu  statten, 
wo  es  gilt,  ganze  Szenen  zu  entwerfen.  Während  B. 
trocken  und  farblos  bleibt,  bewirkt  Ks.  Kunst  Lebendig¬ 
keit  und  Anschauung.  Welch  ein  aufgeregtes  Hin  und 
Her  finden  wir  z.  B.  in  Ks.  Erzählung  von  der  Ankunft 
des  schönen  Ritters  Paris  in  Citharea.  Das  Gedränge 
der  Neugierigen  wächst;  man  betrachtet  ihn,  man  begrüßt 
ihn  [19  556  ff].  Von  dem  allem  hat  B.  nichts  [4297  ff ]. 
Oder  man  vergleiche  die  Schilderung  Ks.  von  der  An¬ 
kunft  der  Schiffe  vor  Troja  mit  der  Bs.  B.  [7061]  bemüht 
sich,  die  zahllose  Menge  prächtiger  Schiffe  darzustellen; 
er  kommt  aber  über  einige  Zahlangaben  nicht  hinaus. 
K.  [25  110]  erreicht  mit  einigen  Bildern  und  hyperbolischen 
Wendungen  eine  weit  größere  Wirkung.  „Das  Meer  in 
seinem  ganzen  Umfange  war  mit  Schiffen  bedeckt.  Nichts 
als  Schiffe  sah  man  wohl  einer  tageweide  lanc.  Vor 
allem  in  Schlachtschilderungen  zeigt  sich  Ks.  Kunst,  Szenen 
zu  entwerfen,  vorteilhaft.  Welch  ein  Unterschied  zwischen 
ihm  und  B.!  der  frz.  Dichter  versagt  an  solchen  Stellen 
vollständig.  Er  zählt  einfach  eine  Anzahl  von  Vokabeln 
auf,  mit  denen  er  nichts  anzufangen  weiß.  Da  gabs:  tant 
heaume  d'acier,  tant  bei  escn,  tant  bon  destrier,  taute 
enseigne  despleiiee ,  taute  bele  arme  entreseignee ,  tante 
manche  de  bliauz  d'orfreis  de  peile  e  de  cendauz  usw. 
[8317].  Hören  wir  K.:  „Die  Heide  war  überschattet  von 
den  Bannern,  aus  Seide  gesponnen;  sie  hinderten  die 
Sonne,  ihr  Licht  auf  das  Feld  zu  werfen  (Personif!). 
Rosse  und  Menschen  ohne  Zahl!  Die  Schilde  glänzten 
wie  der  Tag!  .  .  Griechen  und  Trojaner  bliesen  die  Po¬ 
saunen!  Was  David  und  Salomo  je  von  Saitenspiel  er¬ 
dachten,  das  ward  da  gehört.  Schall  und  Lärm  mehrten 
sich  auf  Wegen  und  Straßen“  usw.  [30  760].  Vergl.  noch 


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Ks.  Schilderung  vom  Aufmarsch  der  Heere  vor  der  3. 
Schlacht:  39  172  ff.  ß.  10  561.  und  öfter. 

c.  Kleider  und  Waffen. 
a.  Kleider. 

In  den  Schilderungen  von  Kleidern  ist  merkwürdiger 
Weise  auch  B.  ausführlich.  Ohne  seine  sonstigen  Formeln 
führt  er  Stück  für  Stück  in  anschaulicher  Weise  vor. 
Da  konnte  sich  denn  K.  begnügen,  ßs.  Darstellung  ge¬ 
nau  zu  folgen.  So  z.  ß.  hat  er  Bs.  Schilderung  vom 
Kleide  der  Medea  fast  wörtlich  übertragen  [B.  1230  = 
K.  7462].  Die  Beschreibung  der  Kleider  des  Ulix  und 
Diomed  ist  sogar  bei  B.  ausführlicher  gehalten  als  bei 
K.  [B.  6219;  K.  26  364].  Allerdings  ist  B.  nicht  konse¬ 
quent.  Paris’  prächtiges  Kleid,  als  er  nach  Cytherea 
kommt,  schildert  er  nicht.  Selbst  Helenas  Anzug  wird 
von  B.  nicht  beschrieben.  K.  dagegen  hat  sowohl  Paris’ 
Kleidung  [19  492]  als  vor  allem  Helenas  sehr  eingehend 
dargestellt.  Helena,  die  Hauptheldin  des  Romans,  mußte 
selbstverständlich  auch  äußerlich  in  leuchtendstem  Glanze 
der  farbenprächtigsten  Kleider  auftreten.  Dabei  läßt  der 
Dichter  allerlei  wunderbare  Eigenschaften  dem  Tuche  an¬ 
haften,  um  den  Wert  zu  erhöhen:  „Dieser  plyät“  —  be¬ 
richtet  er  [20  070]  —  „war  wunderbar;  ein  heidnischer 
Zwerg  hatte  ihn  verzaubert,  daß  er  täglich  siebenmal  die 
Farbe  wechselte:  ze  siben  zilen  blanc  gesehen  und  ze 
siben  ziten  rot.“  Und  weiter!  2018:  „Im  Winter  gab  das 
Kleid  Wärme,  daß  man  nicht  fror,  im  Sommer  kühlte  es 
ab!“  Außerdem  trug  H.  noch  ein  underzoc:  das  war  ge¬ 
macht  aus  der  wunneclichen  hüt  des  Dindialus\  das  ist 
ein  sehr  edles  Tier:  es  wird  um  seines  Felles  willen  ge¬ 
fangen.  Es  lebt  in  einem  sehr  heißen  Lande  und  leidet 
daher  sehr  unter  der  Hitze.  Aber  kein  Baum  spendet 


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Schatten.  Da  tragen  die  listigen  Menschen  Laub  zu¬ 
sammen  und  bergen  sich  darunter.  Ahnungslos  legt  sich 
das  Tier  in  den  Schatten  und  schläft  ein.  Dann  kommen 
die  Menschen  und  töten  es!“  [20134].  Solche  Geschichten 
waren  natürlich  dem  „Magus“  Konrad  geläufig.  Gleich 
hinterher  erzählt  er  von  einer  wunderbaren  Fischhaut: 
ez  rinnet  uz  dem  ])aradis  ein  ivazzer  luter  unde  frisch , 
daz  hiuwet  einer  hande  visch,  der  hat  an  im  ein  edel  hüt 
[26  240].  Mit  dieser  Fischhaut  war  das  Kleid  verbrämt. 

ß.  "Waffen  und  "Waffenkleider. 

Im  Turnier  von  Nanteis  hatte  sich  Konrad  als  he¬ 
raldischen  Dichter  gezeigt;  auch  im  Trojanerkriege  sehen 
wir  ihn  als  solchen.  Jeder  Kitter,  der  auftritt,  wird  ge¬ 
schildert  nach  Aussehen  und  Farbe  seiner  Rüstung;  Schild, 
Decke,  Waffen  trugen  die  heraldischen  Zeichen.  B.  hat 
ganz  vereinzelt  auch  solche  Ansätze  zur  Heraldik.  Z.  B. 
Hector  hatte  einen  goldenen  Schild  mit  2  Löwen;  eben¬ 
so  war  seine  Lanze  [B.  7302].  Im  übrigen  bestreitet  B. 
seine  Waffenschilderungen  mit  den  üblichen  Formeln: 
„nie  gabs  besseren,  in  der  Welt  gabs  nichts  Schöneres; 
wer  einen  besseren  oder  schöneren  hätte  suchen  wollen, 
wäre  töricht  gewesen“  usw.  K.  dagegen  arbeitet  mit 
seiner  Bildersprache.  Vergl.  B.  1815;  K.  9548.  Heraldik 
beiK.:  11992;  12  082;  25  352;  25  479;  25  510;  25566; 
25  780  u.  a.  m. 


d.  Personenschilderung. 

a.  einzelne  Personen. 

•  • 

-  aa.  ihr  Außeres. 

B.  und  K.  sind  bemüht,  uns  ihre  Helden  nicht  nur 

in  ihren  Taten  vorzuführen,  sondern  auch  durch  Be- 

•  • 

Schreibung  ihres  Äußeren  uns  ein  Bild  von  ihrem  Aus- 


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40 


sehen  zu  geben.  Das  gelingt  nun  B.  garniclit.  Er  schloß 
sich  seiner  Vorlage  an  und  schrieb  die  hergebrachten 
Formeln  ab.  Es  spielt  hier  die  Technik  des  byzantinischen 
Romanes  herein,  die  es  liebt,  solche  nichtssagenden  Por¬ 
trätschilderungen  zu  geben.  Selbst  K.  kann  sich  nicht 
ganz  von  dieser  Tradition  losreißen.  B.  jedenfalls  bleibt 
vollkommen  in  dieser  öden  Schilderung  stecken.  In  seinem 
„Porträtkatalog“  gibt  er  geradezu  gruppenweise  seine 
Personenbeschreibungen:  Menelaus  [5153],  Ulixes  [5201], 
Machaon  [5265]  waren:  „nicht  zu  groß  und  nicht  zu 
klein“  —  Diomedes  [5211],  Neoptolemus  [5239]  waren 
„stark,  dick,  groß,  eckig.“  Priamus  [5295],  Nestor  [5225] 
waren  „schön,  lang,  groß.“  Und  so  weiter.  Briseidawar: 
„nicht  zu  groß  und  nicht  zu  klein;  ihre  Augenbrauen 
waren  zusammengewachsen.  Das  entstellte  sie  ein  wenig“ 
[5275].  —  Derartige  Schönheitsfehler  sind  natürlich  bei 
K.  ausgeschlossen.  Auch  von  Hector  sagt  B:  5313:  „er 
war  ein  von  der  Natur  sehr  begünstigter  Ritter;  aber  er 
stotterte  ein  wenig.“  K.  bildete  daraus  das  Motiv:  „er 
redete  wenig,  weil  er  lange  Worte  nicht  liebte,  sondern 
die  Tat!“  [18645].  Hector  hatte  auch  —  nach  B.  —  keine 
gesunden  Augen.  Solche  Fehler  sind  um  so  auffallender, 
als  Hector  der  größte  der  Trojaner  war;  ihm  widmet  B. 
eine  sehr  eingehende  Schilderung;  dabei  findet  er  sogar 
einige  recht  geschickte  Wendungen:  „Hector,  der  Kühnste 
der  Trojaner  .  .  der  Trojaner?  Nein,  der  ganzen  Welt! 
Der  Tapferste  von  allen,  die  je  waren,  sind  und  sein 
werden!“  Diese  Rhetorik  sticht  sehr  angenehm  ab  von  dem 
sonstigen  Formelgeklapper  Bs.  Auch  den  Troilus  be¬ 
handelt  B.  auffallend  eingehend;  er  gibt  sogar  Detail¬ 
schilderung:  „rötliches  Gesicht,  .  .  volle  Stirn,  blonde 
Haare,  die  von  Natur  leuchteten;  schillernde  Augen; 
regelmäßig  geschnittene  Nase  und  Mund;  schöne  Zähne, 


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weißer  als  Elfenbein  und  Silber!  viereckiges  Kinn,  langen, 
graden  Hals;  die  Schultern  herabgezogen,  wohlgeformte 
Hände  und  schöne  Arme;  schöne  Figur,  voll  an  den  Hüften, 
grade  Beine  und  gewölbten  Fuß“  [5393].  Ebenso  gibt  er 
von  der  Pollixena  eine  sehr  lange  Schilderung  [5541].  An 
solchen  Stellen  hat  B.  sogar  recht  hübsche  Worte;  aber 
das  sind  Ausnahmen  in  dem  dürren  Formelkranze  Bs. 
Was  soll  man  sich  vorstellen  unter  folgender  Charakte¬ 
ristik:  „Helenus  und  Deiphobus,  an  Form  einander  ähn¬ 
lich,  nicht  an  Fertigkeiten“  [B.  5381].  Selbst  der  Helena 
widmet  B.  nur  allgemein  gehaltene  Beschreibungen:  B. 
4229;  4320;  4336;  5119;  10  595.  K.  geht  ganz  anders 
vor.  Die  Schönheit  des  Mannes  zu  schildern,  hält  er 
gar  nicht  für  angebracht;  seine  Ritter  sind  vor  allem 
Helden;  dann  selbstverständlich  auch  schön;  aber  diese 
Schönheit  liegt  doch  mehr  in  der  äußeren  Hermachung, 
in  den  Waffen  und  Watfenkleidem.  Diese  wird  er  gar 
nicht  müde  zu  schildern;  die  andere  Schönheit  kommt  der 
Frau  zu,  und  zwar  steht  für  K.  nur  die  eine  im  Mittel¬ 
punkte,  Helena.  Sie  ist  die  Sonne,  die  alles  mit  ihren 
Strahlen  erleuchtet,  um  die  sich  alle  andern  Sterne  drehen. 
Durch  das  ganze  Buch  hindurch  blitzen  die  Reflexe 
dieser  Sonne;  um  Helena  drehte  sich  ja  alles;  schon 
die  Vorgeschichte  Ks.  zeigte,  wie  Paris  den  Streit  der 
Göttinnen  entschied,  durch  die  Hoffnung  auf  Helena  ge¬ 
trieben.  Also  auf  Helena  hat  K.  alles  aufgespart,  was 
er  an  Rhetorik  besaß;  natürlich  übergeht  er  die  andern 
nicht;  er  ist  viel  zu  viel  Maler,  um  in  repräsentativen 
Szenen  nicht  auch  einen  Paris  (etwa  als  er  zum  Apfel¬ 
streit  an  den  Hof  gerufen  wird  [1642  ft’.])  u.  a.  zu  schildern. 
Aber  gegenüber  der  alles  Maß  überschreitenden  Begeiste¬ 
rung  für  Helenas  Schönheit  sind  die  Schilderungen  der 
anderen  Personen  bei  K.  nicht  zu  rechnen. 


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Die  Medea,  die  ja  auch  eine  große  Rolle  im  Romane 
spielt,  schildert  K.  noch  sehr  ausführlich.  B.  [1212]  hatte 
eine  spärliche,  ganz  allgemein  gehaltene  Schilderung  der 
Medea  gegeben:  „Gar  schön  war  sie  an  Körper  und 
Gestalt,  im  ganzen  Lande  gabs  keine  Frau  von  ihrer 
Schönheit  .  .“  K.  [7498]  „unter  dem  Häubchen  brannte 
ihr  Haar  in  leuchtender  Farbe,  als  ob  Goldfäden  durch 
kleine  Löcher  glänzten.  Gott  hatte  Fleiß  verwendet  auf 
ihre  schöne  glänzende  Form.  Das  Häubschen  stand  ihr 
hübsch  und  ir  necket  drunder  war  schön  und  weiß  wie 
Schnee.  Mit  leisem,  kleinem  Schritte  kam  sie  herge¬ 
schlichen.  Angenehm  und  rein  war  ihr  lauteres  Ange¬ 
sicht;  mit  Worten  ich  ir  scelde  nilit  durhgriinde  noh 
durhglöse.  Wie  eine  frische  Rose,  die  vom  Taue  naß 
und  an  einem  Morgen  aufgebrochen  ist,  seht,  also  in 
frischer  Farbe  ging  Medea  daher.  (Das  Bild  hat  er  von 
B.  „zarter  und  frischer  und  farbiger  als  eine  eben  erschlossene 
Rose“).  Wie  man  es  nur  wünschen  kann,  so  war  sie  an 
Gestalt  und  an  Geberde.  Langsam  schlich  sie  daher, 
wie  ein  kleiner  Falke,  dem  das  Gelieder  schön  anliegt 
(das  ist  Ks.  eignes  Bild);  den  Gästen  gab  sie  durch  ihr 
Antlitz  und  ihr  Kleid  sehr  große,  glänzende  Augenweide.  W er 
sie  sah,  dem  hob  sich  das  Herz  in  der  Brust;  aber  auch 
Jammer  war  dem  beschieden;  denn  wer  des  lebenden 
AVunders  und  dieser  Schönheit  gedachte,  und  wer  sich 
ausmalte,  sie  zu  lieben,  dessen  Herz  hing  an  ihr.  Ihre 
Schönheit  überragte  die  aller  Frauen  des  Landes;  sie 
wußte  sich  wohl  zu  geben  und  war  nach  Wunsche  ge¬ 
staltet.  Die  Minne  zu  ihr  machte  damals  viele  Griechen 
krank ;  sie  seufzten  und  siechten  nach  ihr  hin ;  vielen  Herzen 
brachte  sie  Weh,  viele  jagte  sie  in  Trauer.“  Trotz  mancher 
schönen  Wendung  bleibt  diese  Schilderung  zu  typisch; 
vgl  die  kurz  und  allgemein  gehaltene  Schilderung  Ks.: 


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43 


6564,  7720, 12960- B  2793  (Esiona)  19522,  19574, 19608, 
19657  u.  a.  Aus  allen  diesen  Schilderungen  fühlt  man 
doch  heraus,  daß  Ks.  Herz  und  Begeisterung  noch  nicht 
für  diese  Frauen  gewonnen  ist.  Das  ändert  sich  bei 
Helena.  Was  alle  mhd.  Poeten  zum  Lobe  ihrer  Frauen 
an  Farbe  aufgeboten  haben,  das  bleibt  zurück  hinter  dem 
Blumenregen,  den  K.  über  Helena  ergießt.  Von  den 
ersten  Versen  an,  fast  durch  das  ganze  Buch  hindurch,  zieht 
sich  der  bunte  Kranz  der  überschwänglichsten  Lob¬ 
preisungen  der  Helena,  ich  sag  iu  von  den  dingen, 
wie  daz  vil  heiserliche  wip  Helene  manigen  werden  Up 
biz  üf  den  tot  verserte,  .  .  .  ir  cldrheit  was  geflozzen  für 
alle  froutoen  üz  erkor n.  So  beginnts  und  so  gehts  weiter: 
in  allgemein  gehaltenen  Wendungen  erhebt  er  ihre  Schön¬ 
heit  über  die  aller  Frauen.  Schließlich  erklärt  er  sich 
außerstande,  ihr  Lob  zu  singen  [19690] ;  aber  immerhin  ver¬ 
suchen  will  ers.  „Nehmt  es  mir  nicht  übel,  wenn  es  nicht  so 
ausfällt,  wie  es  eigentlich  müßte.“  In  einer  endlosen 
Reihe  von  oft  sehr  schönen  Bildern  beschreibt  er  dann  ihre 
Schönheit;  doch  bleibt  er  zunächst  immer  noch  allgemein. 
Dann  geht  er  ins  Detail.  Aber  auch  wenn  er  zur  Dar¬ 
stellung  der  einzelnen  Körperteile  kommt,  schmückt  er 
seine  Worte  mit  wirkungsvollen  Bildern,  sodaß  seine  Be¬ 
schreibung  stets  von  glitzernder  Lebendigkeit  bewegt  ist. 
Mit  den  Haaren  beginnt  er  seine  Schilderung:  [19908J 
„Ihr  Haar  war  kraus  und  lockig,  es  glänzte  so  wunder¬ 
bar,  als  ob  es  aus  arabischem  Golde  gesponnen  wäre.“  Es 
folgen  die  Ohren,  die  fleckenlose  Stirn,  die  Augen  mit  den 
Augenbrauen,  die  Nase,  die  zu  schildern  er  zu  tumb 
sei.  Sie  war  „nicht  zu  grade  und  nicht  zu  gebogen.  Es 
fehlte  ihr  nichts,  was  zu  einer  schönen  Nase  notwendig 
ist.“  Das  ist  allerdings  eine  wenig  deutliche  Beschreibung. 
Die  Farbe  ihrer  Haut  war  „rot  und  weiß  gemischt,  ohne 


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44 


daß  eins  oder  das  andere  zu  weit  hervortrat“.  —  Aelin- 
lich  werden  die  Wangen,  der  Mund  und  die  Zähne  ge¬ 
schildert.  „Die  Schönheit  der  Zähne  konnte  Herzeweh 
machen“.  Das  Kinn  hatte  ein  Grübchen;  dann  wieder 
allgemein:  Nacken  und  Kehle  waren  „glatt  wie  Elfen¬ 
bein  und  weißer  als  Kreidemehl“;  weiße  Hände  und  zier¬ 
liche  Finger,  volle  Schwanenarme.  Sie  hatte  eine  hübsche 
Figur:  si  was  enmitten  deine  und  umb  den  gürtel  wol 
gedrät.  Ihre  Füße  waren  zierlich,  von  der  richtigen  Länge, 
ihre  Beine  grade ;  sie  hatte  schmale  Hüften . .  .  Ihre 
Brüste  waren  wie  zwei  Kugeln  gedreht  [20215].  Daß 
K.  unbedingt  die  Helena  vor  alle  andern  Frauen  setzt, 
beweist  folgende  Stelle:  B.  schildert  [10593]  die  Schön¬ 
heit  der  Helena  und  setzt  gleich  hinzu,  Polixena  sei 
um  nichts  weniger  schön.  K.  übernimmt  die  Stelle: 
[ 39278]  sie  waren  beide  schön:  wan  daz  Helene  ein  deine 
da  luhte  viir  Polixinam.  An  dieser  Stelle  sei  auf  einen 
schönen  Zug  Ks.  hingewiesen:  B.  hatte  angedeutet:  an 
diesem  Tage  schaute  mancher  da  bewundernd  hinauf,  um 
ihr  schönes  Antlitz  zu  schauen:  K.  [39268.]  sie  zwo  vil 
manigen  veigen  da  mähten  ü f  der  müre,  der  sich  an 
ir  figiire  so  lange  dö  verkaufte  daz  einer  üf  in  stapfte 
und  ungeuarnet  in  ersluoc.  sie  beide  taten  schaden 
genuoc  des  mäles  mit  ir  bilde.  Der  Dichter  schildert 
übrigens  öfter  die  Schönheit  durch  ihre  Wirkung. 


ßß.  ihr  Charakter. 

Eine  scharfe  Charakteristik  von  Personen  durch 
ihre  Handlungsweise  linden  wir  weder  bei  B.  noch  bei 
K.  Dazu  war  schließlich  der  ganze  Roman,  in  dem  es 
sich  um  Kämpfe  und  wieder  Kämpfe  handelte,  gar  nicht 
angelegt.  Wir  haben  aber  dennoch  einige  Ansätze  zu 


solcher  Charakteristik. 


In  diesen  Fällen 


übertrifft 


i 


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45 


dann  K.  wiederum  den  franz.  Meister.  Wenn  z.  B.  Jason 
zu  Oetes  kommt,  so  fragt  Medea  ihren  Vater,  wer  die 
Gäste  seien  usw.  [B.  1257].  K.  setzt  hinzu:  Medea  fragt 
„leise“  den  Vater  [7602]  und  charakterisiert  so  des 
Mädchens  Wohlerzogenheit.  Erwähnt  war  schon  [S.  40], 
wie  K.  aus  Bs.  Angabe:  „Hector  stotterte  ein  wenig“ 
den  Charakterzug  bildete:  „Wenn  die  Not  zwang,  dann 
redete  er;  sonst  nicht.  Er  wollte  sich  nicht  mit  böser 
Rede  übereilen;  doch  mit  der  Tat  war  er  gleich  bereit“ 
[18  656].  Von  B.  abweichend  charakterisiert  K.  den  Paris 
an  folgender  Stelle:  B.  4373:  Paris  ermuntert  die  Seinen 
zum  Rachezuge  mit  dem  Hinweise,  daß  es  hier  viel  Gold 
und  Silber,  dazu  eine  schöne  Frau  zu  stehlen  gäbe!  — 
Diesen  häßlichen  Zug  übernahm  K.  nicht.  Paris  soll 
nicht  wie  ein  gemeiner  Frauenräuber  handeln;  um  Ver¬ 
geltung  für  die  Schmach  an  Esiona  zu  üben,  will  P.  die 
Helena  rauben  [20584  ff.].  —  Ausführlicher  als  B.,  schildert 
K.  den  Charakter  des  Peleus:  B.  740:  „Peleus  fürchtete, 
Jason  könne  so  stark  werden,  daß  er  ihn  schließlich  aus 
dem  Lande  triebe  und  sich  des  Thrones  bemächtige.  Da¬ 
rum  haßte  er  ihn  und  suchte  ihn  aus  dem  Wege  zu 
räumen“.  K.  6572:  „Peleus  ärgert  sich  über  den  Ruhm 
Jasons,  wie  das  ja  noch  heute  geschieht,  daß  tüchtige 
Menschen  gehaßt  werden.  Neben  seinem  Sohne  Achill 
vertrug  er  einen  solchen  Helden  nicht“.  Den  Achill  hatte 
B.  nicht,  also  war  bei  ihm  dieses  Motiv  nicht  möglich. 
Andrerseits  muß  man  sich  wundern,  warum  Jason  [bei  K.] 
nicht  auf  den  Gedanken  kommt,  Peleus  solle  doch  seinem 
Sohne  Achill  den  Ruhm  des  goldenen  Vlieses  überlassen. 
Mit  großer  Beredsamkeit  sucht  Ks.  Peleus  den  Neffen  zu 
veranlassen,  die  Todesfahrt  zu  wagen. 

Was  K.  aus  Andeutungen  Benoits  dieser  Art  machen 
konnte,  beweist  die  vorzügliche  Charakteristik  Laomedons: 


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B.  1003:  Laomedon  hat  gehört,  daß  die  Griechen  in  Troja 
gelandet  sind  [unter  Jasonj.  „Er  fürchtete,  wenn  er  den 
Griechen  nicht  wehrte,  so  würden  sie  herankommen  und 
ihm  Schaden  und  Schande  bringen.“  K.  6936:  rL.  glaubte. 

die  Griechen  wären  gekommen  ihm  zu  schaden . 

L.  war  ein  alter  Mann;  der  hatte  kein  Verständnis  mehr 
für  harmloses  Spiel  und  Kurzweil.  Die  kleinsten  Anlässe 
konnten  ihn  zu  hellem  Zorne  reizen.  Darum  mochte  er 
auch  die  Griechen  nicht  in  seinem  Lande.  Als  er  ihre 
große  Menge  und  ihr  großes  Gefolge  sah.  da  verlor  er 
seine  Freude.  Er  dachte  sicher,  sie  wären  ihm  zum  Schaden 
gekommen.  Sorgen  ergriffen  ihn,  wie  jeden,  der  Angst 
hat“.  Eine  ganz  ähnliche  Schilderung  gibt  K.  von  Aeson. 
Ovid,  Met.  VII  162:  sed  abest  gratantibus  Aeson ;  iam 
propior  leto  fessusque  senilibus  annis.  K.  10  286:  .... 
„er  war  ein  alter  Mann  geworden  und  konnte  keine  Freude 
mehr  haben.  Das  Alter  ist  von  Natur  gegen  alle  Freuden 
verschlossen.“  Mit  einem  Worte  sei  hingewiesen  auf 
die  Ausführlichkeit,  mit  der  K.  die  Treulosigkeit  des 
Nessus  schildert.  Auch  der  Erwägungen  der  Medea. 
als  sie  schwankt  zwischen  ihrem  Vater  und  Jason,  und 
der  Erörterungen  Helenas  dem  geliebten  Paris  gegenüber 
sei  hier  gedacht;  sie  geben  immerhin  ein  deutliches 
Bild  von  dem  Charakter  der  beiden.  Auffallend  ist  fol¬ 
gende  Stelle:  Ovid  erzählt  IX  134:  Die  fama  brachte 
der  Deianira  die  Nachricht,  daß  Hercules  sich  in  Jole 
verliebt  und  der  Deianira  vergessen  hätte.  Da  ist 
D.  unglücklich:  „Soll  ich  klagen,  soll  ich  schweigen,  soll 
ich  zurückkehren  nach  Calydon,  soll  ich  sterben?  Soll 
ich  aus  diesem  Hause  gehn  oder  soll  ich  widerstehn?  Soll 
ich  mich  erinnern,  daß  ich  eine  Schwester  des  Meleager 
bin,  und  soll  ich  eine  große  Tat  vollbringen?“  K.  [38 186  ff. j 


erzählt  dasselbe,  läßt  aber  die 


verzweifelte  Ratlosigkeit 


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der  Deianira  fort.  Als  sie  von  dem  Treubruch  hört, 
denkt  sie  sofort  an  das  Zauberhemd  des  Nessus.  Noch 
ein  Charakterzug  Hectors  möge  hier  Platz  finden:  K. 
36  172  ff.:  Theseus  hatte  dem  Hektor,  als  er  bedrängt 
war,  geraten,  Troie  zu  rufen  und  dadurch  die  Trojaner 
aufmerksam  zu  machen.  Als  nun  Rodomalus  den  The¬ 
seus  niederstechen  will,  da  erinnert  sich  Hector  dieses 
Dienstes,  den  ihm  Theseus  erwiesen  hat  und  verhindert 
seinen  Tod.  „Er  bewahrheitet“,  sagt  K.,  „an  ihm,  daß 
man  eine  treue  Tat  nie  vergißt.  Der  kluge  Mann  ver¬ 
gilt  die  Tat,  die  man  ihm  erweist;  übel  oder  gut  —  er 
gedenkt  dessen.“  Daß  Hector  ein  edler  Ritter  ist,  beweist 
auch  der  Umstand,  daß  er  einem  getöteten  Feinde  nicht 
den  „Harnisch  abzieht“,  auch  wenn  er  manger  marke  wert 
ist  [K.  31  010.] 

ß.  die  Masse. 

K.,  der  Vorliebe  und  Talent  hat  für  die  Darstellung 
großer,  feierlicher  Szenen,  ist  sehr  viel  geschickter  in  der 
Verwertung  des  Volkes  als  B.  Während  dieser  das  Volk 
in  der  Handlung  sehr  zurücktreten  läßt,  führt  K.  die 
Massen  oft  wirkungsvoll  ein  und  läßt  sie  an  den  Ereig¬ 
nissen  teilnehmen.  So  erzählt  K.:  [23  148]  wie  beim  Ein¬ 
zug  Helenas  in  Troja  „Männer  und  Frauen“  die  Wonnig¬ 
liche  begrüßten  und  feierlich  empfingen.  Davon  stand 
bei  B.  nichts.  Sehr  viel  lebhafter  ist  Ks.  Schilderung 
vom  Empfange  des  Paris  in  Cytherea  als  die  Bs.;  vgl. 
B.  4297  und  K.  19  556  (s.  S.  37.)  Ähnlich  Hectors  Rück¬ 
kehr  nach  Troja  [B.  10  210.  K.  37  636].  Sehr  glücklich 
hat  K.  die  Massen  in  folgender  Szene  eingeführt,  die  bei 
B.  fehlt:  K.:  „Den  Frieden,  den  sie  unter  einander  ab¬ 
geschlossen  hatten,  hielten  sie  treulich;  Griechen  gingen 
zu  Trojanern,  Trojaner  zu  Griechen.  Die  aus  dem  Lager 


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gingen  auf  den  Kampfplatz,  und  die  von  Troja  kamen 
zu  den  gesten  heraus;  diese  wiederum  gingen  zu  den 
Bürgern  in  die  Stadt  hinein.  Die  Tore  standen  offen. 
Oft  waren  Trojaner  und  Griechen  ohne  Streit  fröhlich  bei¬ 
sammen“  [37  846].  Die  Massen  im  Kriege  und  ihr  Ver¬ 
hältnis  zu  den  Führern  wird  an  anderer  Stelle  besprochen. 

e.  Schilderung  von  Tieren. 

Ks.  Talent  zu  anschaulicher  Beschreibung  bewährt  sich 
nirgends  so  trefflich,  wie  in  der  Schilderung  von  Tieren. 
Es  ist  erstaunlich,  wie  gut  er  allemal  die  richtigen  Farben 
findet,  uns  ein  deutliches  Bild  von  dem  betreffenden  Tiere 
zu  malen;  so  schildert  er  den  Wunderwidder  von  Kolchos 
im  Kling-Klang  einer  entzückenden  Musik;  den  alten,  ab¬ 
gelebten,  knöchernen  Versuchswidder  der  Medea  stellt  er 
in  schmucklosen,  spitzen  W orten  hin,  und  der  greuliche 
Drache,  mit  dem  Jason  zu  kämpfen  hat,  scheint  zu  leben 
wie  er  pfeifend  und  fauchend  sich  auf  den  Ritter  zu¬ 
ringelt. 


1.  Der  goldene  Widder. 

Von  B.  erfahren  wir  über  das  Aussehen  des  Widders 
nichts.  K.  gibt  eine  detaillierte  Schilderung;  seine  Bilder 
und  Wendungen  sind  zwar  die  bei  ihm  typischen,  doch 
ist  das  Ganze  ein  hübsches  Mosaik:  das  Vließ  glänzte 
wie  gesponnenes  Gold  .  .  .;  das  Vließ  glänzte  wie  ein 
Spiegel  usw.  Neu  ist  folgendes  Bild:  „Wenn  er  sich 
schüttelte,  dann  tönte  seine  Wolle  wie  Klang  von 
Cymbeln  und  anderen  Instrumenten“  [10040]. 

2.  Der  Versuchswidder  der  Medea. 

Hier  hatte  K.  nur  eine  kurze  Andeutnng  seiner  Vor¬ 
lage  vor  sich:  Ovid,  Met.  VII  313:  Protinus  innumeris 


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ejffetus  laniger  annis  attrahitur,  flexo  circum  cava  tempora 
cornu.  Daraus  malt  K.  mit  klanglosen  Worten  einen  alten, 
ungestalten  kraft-  und  saftlosen  Widder:  an  im  was  anders 
niht  wan  horn  unde  ein  hüt  zceh  als  ein  wide  man 
liete  im  alle  sine  lide  und  siniu  rippe  wol  gezelt .  Mit 
dieser  trockenen  Schilderung  erreicht  K.  die  gewünschte 

Wirkung:  er  gienc  da  schsbic  als  ein  bunt  bi  dem  vihe 
uf  einer  wisen ■  im  was  diu  wolle  sin  entrisen  und  daz 
vleisch  engangen  [11010].  Die  ganze  Beschreibung  ist 
frei  von  jeder  hyperbolischen  Formel. 


3.  Die  Farren  von  Kolchos. 

Da  B.  an  dieser  Stelle  ein  ausreichendes  Bild  hatte,  so 
konnte  K.  es  übernehmen;  aber  er  begnügte  sich  damit 
nicht,  sondern  fügte  ein  zweites  hinzu.  B.  [1883]:  „aus 
Nasen  und  Mäulern  der  Rinder  ging  eine  solche  Lohe 
hervor,  daß  man  hätte  glauben  können,  die  ganze  Insel 
stände  in  Flammen.“  K.  [9665]:  Dazu:  „die  Flammen 
drangen  aus  ihnen  heraus,  daß  vor  des  Feuers  Glanz 
ein  großer  Riese  verzagt  wäre . 


4.  Der  Drache. 


Die  Schilderung  des  Drachen  ist  K.  so  trefflich  ge¬ 
lungen,  wie  kaum  eine  andere;  des  Dichters  Sprachkunst 
hat  uns  eine  vollkommene,  plastische  Darstellung  des 
Wurmes  geschaffen.  Mit  treffenden  Beiwörtern  sucht 
K.  den  argen  serpant  zu  charakterisieren:  „Feuer  und 
Gift“  warf  er  von  sich;  wütend  und  gierig  ( wan  er  was 
in  der  wüeste  gewesen  lange  an  ezzen)  stürzt  er  sich 

mit  übelichen  ougen  auf  Jason,  um  ihn  zu  slucken. 

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dar  zuo  so  krazt  er  unde  beiz 
mit  grimmen  und  mit  scharpfen 

[zenen 

swenn  er  den  lip  begunde  denen, 
so  waz  er  üzermäzen  lanc. 
des  ungehiuren  wurme»  ganc 
der  was  vil  gar  unsüeze. 
in  truogen  zwene  fiieze 
mit  scharpfen  cläwen  michel 


die  stuonden  sam  ein  sichel 
krump  und  wären  spitzic. 


nach  gifte  stuont  geverwet 
sin  hüt  wol  und  rehte. 
swarz  unde  sprickellehte 
was  im  der  zagel  und  daz  vel, 
da  vlecken  rot,  griien  unde  gel 
stuonden  in  gemenget. 


usw.  Der  Drache  trug  natürlich  auch  Flügel; 


gröz  unde  breit  vor  an  der  brust 
lie  sich  der  tracke  vinden; 
da  bi  so  was  er  hinden 
gefüeger  unde  deiner  .  .  . 


ein  egebsere  stimme 
liez  er  üz  sinem  rachen, 
der  wert  begunde  ercrachen 
durch  den  griuwelichen  schal 
der  von  sinem  giele  erhal  [9764]. 


ß.  bleibt  auch  hier  hinter  K.  zurück:  „Als  der  Drache 
den  Jason  auf  sich  zukommen  sieht,  pfeift  er  hoch  auf 
und  windet  sich.  Feuer  und  Gift  speit  er  und  zerwühlt 
die  Erde“  [1917]. 


5.  Die  Orakelschlange. 

Mit  der  großen  Schilderung  des  Drachen  hat  sich 
Konrads  Sprachkunst  der  Tiermalerei  erschöpft.  Jetzt 
begnügt  er  sich  damit,  die  Tiere  mit  typischen  Beiwörtern 
zu  schildern.  So  die  Schlange,  die  die  Vögel  in  Aulis 
frißt.  Ovid.  Met.  XII 13:  caeruleum  draconem.  K.  [24180] 
noch  verre  grüener  denne  ein  gras  sach  man  da  glenzm 
sinen  balc.  der  selbe  mortgitige  sclicdc . . . 

6.  Andere  Tiere. 

Von  den  "VVundervögeln  wird  an  anderer  Stelle  ge¬ 
sprochen  werden;  ebenso  von  den  9  Orakelvögelchen. 
Wenn  von  Pferden  die  Rede  ist,  so  begnügt  sich  K.  mit 


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einigen  Epithetis  und  allenfalls  mit  heraldischen  Be¬ 
merkungen  von  covertiure  u.  a.  „Ulixes  kam  auf  einem 
starken  Rosse  dahergeflogen“  [25682].  —  Ulixes  und 
Diomedes  riten  apfelgrisiu  pfert,  diu  wol  enzeltes 
gierigen ;  in  sluogen  unde  hiengen  die  mene  cerre  hin  ze 
tal,  von  golde  glizzen  überal  ir  zäume  und  ir  gereite  guot, 
wan  si  durch  höhen  iibermuot  rilichen  wären  collebrächt 
[26370].  Dieser  Stelle  liegt  bei  B.  auch  eine  sehr  aus¬ 
führliche  zugrunde:  pale  freie  orent  gern  e  beaus  soef 
amblanz,  forz  e  isneaus  merveilles  erent  bien  taillie 
e  de  l’eire  bien  aaisie  ne  neif  ne  eignes  n’est  si  blans 
come  il  avaient  toz  les  flanz,  ferranz  e  bais  e  pomelez 
orent  cous  cropez  e  costez,  ensele  furent  gentement  e  en- 
frene  si  richement  que  por  mil  besanz  moneez  ne  fust  li 
lorains  achetez  [6235];  und  B.  2725: 


sor  un  cheval  sist  Hercules 
e  si  n’orra  parier  jamais 
uns  hom  de  tel  ne  de  son  per 


pro  vos  en  porreit  om  conter 
mais  a  peines  creu  sereit 
come  il  fu  nez  ne  qu’il  valeit. 


Gerade  die  letztere  Stelle  Bs.  geht  über  allgemeine 
Redensarten  nicht  hinaus.  Von  Hectors  Roß  sagt  B.: 
„H.  bestieg  sein  Roß  Oalatee ,  das  er  von  der  Fee  Orca 
hatte;  die  liebte  ihn  sehr,  er  aber  wollte  nichts  von  ihr 
wissen.  Deshalb  haßte  sie  ihn“  [8023].  Diese  Anekdote 
hat  mit  der  Beschreibung  des  Pferdes  nichts  zu  tun;  es 
ist  auch  das  einzige  Mal,  wo  B.  zur  Charakterisierung 
ein  solches  Geschichtchen  erzählt  K.  übergeht  das,  weil 
es  nicht  hierhergehört  und  er  Namen  vermeidet. 


f.  Schilderung  von  Geräten. 

1.  Zelte. 

Zelte  gehören  unter  das  Kriegsmaterial,  sie  sind  Aus¬ 
stattungsstücke  eines  Heeres.  Wie  der  Reichtum  an 
glänzenden  Waffen  und  Waffenkleidern  Zeugnis  von  der 

4  * 


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Vortrefflichkeit  eines  Heeres  ablegt,  so  ist  die  Pracht 
schöner  Zelte  das  Zeichen  eines  unüberwindlichen,  gro߬ 
artigen  Heeres.  Es  ist  also  klar,  daß  K.  wieder  mit 
größtem  Interesse  derartige  Schilderungen  gibt.  Da  war 
wieder  Gelegenheit,  dekorative  Bilder  zu  entwerfen.  Auch 
B.  bleibt  bei  der  Beschreibung  von  Zelten  einen  Augen¬ 
blick  stehn;  aber  seine  Schilderungen  bestreitet  er  wiederum 
mit  den  bekannten,  farblosen  Wendungen:  „Ich  will  mich 
hier  nicht  aufhalten,  um  zu  beschreiben  und  zu  erzählen, 
wie  Achills  Zelt  aussah,  wie  Menelaus’,  wie  Ulixes’,  wie 
Nestors;  aber  das  ist  sicher:  es  gab  ihrer  da,  die  waren 
nicht  für  100  Pfund  Goldes  gemacht;  es  war  ein  be¬ 
wunderungswürdiger  Anblick“  [7597].  Da  fühlt  B.  doch, 
daß  er  uns  hiermit  keine  Anschauung  gegeben  hat;  er 
strengt  sich  also  an,  um  uns  folgendes  Bild  hinzustellen: 
maint  aigle  d’or  rcsplendissant  e  maint  einer  paile  d’Ori- 
ant  vert  e  cermeil  e  aufricant  i  puet  Vom  veeir  senz 
mesure  ja  n’iert  la  nuit  ensi  oscure  qu’il  ne  veient  com 
par  der  jor  [7614].  Bis  auf  das  Bild  zuletzt  —  das  K. 
sogar  übernahm  —  ist  die  Schilderung  dürftig;  wie  ein 
Zelt  nun  aussah,  wissen  wir  immer  noch  nicht.  Ganz 
anders  Ks.  Bild;  schon  in  seinem  ersten  Satze  er¬ 
kennt  man  seine  Teilnahme  an  dem,  was  er  schildert: 
,.Ha!  Was  gabs  da  für  Zelte  vor  Troja!  Heide  und  Gras 
waren  bedeckt  mit  lichten  pucilünen.  Die  waren  von 
weißem  und  braunem  Samt  geschnitten;  da  gabs  gelbe 
und  rote  und  blaue  Zelte,  von  zenddle  wol  gebriten ;  et¬ 
liche  waren  auch  von  grünem  Purpur  geschnitten  . . .  Ihre 
Schnüre  und  Seile  waren  aus  Seide  gesponnen;  ihre  Knöpfe 
(Spitzen)  leuchteten  schön  von  Gold  und  Edelsteinen. 
Alle  glänzten  neu;  keins  war  alt.  Wie  leuchtendes  Ge¬ 
stirn  gaben  sie  auserwählten  Glanz  von  sich.  Da  blitzten 
viele  rote  Rubinen  und  viele  lichte  Karfunkel.  Wie  dunkel 


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die  Nacht  je  wäre,  man  hätte  doch  dabei  gesehen  [=  B. 
7618/19].  Sie  leuchteten  und  brannten  gegen  Troja  hin 
als  ob  dar  in  diu  sunne  schin  unde  ein  wolkenloser  tac “ 
[26  216].  Wie  glänzt  und  glitzert  das  gegen  Bs.  lebloses 
Einerlei ! 


2.  Banner. 

Dasselbe  bunte  Bild  malt  K.,  wenn  er  die  Banner 
beschreibt,  die  er  vor  allem  in  Kampfschilderungen  ein¬ 
flicht.  Es  handelt  sich  da  meist  um  die  Gesamtheit  der 
Banner,  die  einen  blendenden  Eindruck  auf  den  Zuschauer 
machen.  B.  erwähnt  die  Banner  kaum.  Ks.  Bilder  sind 
die  gewöhnlichen,  Farbe  und  Stoff  der  Fahnen  bunt  und 
seltenen  Wertes.  Und  welch  eine  Menge  von  Bannern 
sah  man  da!  als  ob  daz  ertrich  iiberal  erbibente  und  er¬ 
brachte,  so  groß  war  der  Lärm!  K.  25176;  39168;  30760; 
31 874  ... 


3.  Segel. 

Banner  und  Segel  sind  in  ihrem  Aussehen  nicht  ver¬ 
schieden;  wie  die  Menge  prächtiger  Fahnen  einen  schönen 
Anblick  bietet,  so  ergeben  die  Tausende  glänzender,  sei¬ 
dener  Segel  ein  dekoratives  Bild.  Alle  Farben  leuchteten 
von  den  Segeln;  hineingewebt  waren  der  kiinge  wapen. 
Ihre  Zahl  war  so  groß,  daß  man  sie  nicht  aufschreiben 
konnte.  B.  macht  Ansätze  zu  einer  ausführlicheren  Be¬ 
schreibung  der  Segel:  „Voran  schickten  sie  100  Schiffe, 
die  Segel  im  Winde  aufgerichtet.  Die  waren  aus  Purpur, 
Zendal  und  „kaiserlichem  Tuche“  gemacht.  Als  sie  im 
Winde  entfaltet  waren,  da  sah  man  1000  Wappen¬ 
zeichen“  [7061].  K.  25142  ff.  überbot  das  nach  seiner 
AVeise:  „Das  Meer  in  seinem  ganzen  Umfange  war  mit 


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Schiffen  bedekt  ...  ein  Segel  schwarz,  das  andere  weiß, 
das  dritte  grün  . .“  usw. 

Daß  Banner  und  Segel  gleicher  Art  waren,  zeigt  ein  Ver¬ 
gleich  Ks.  [30  816]:  „Man  hörte  die  Banner  schnurren  wie  Segel 
auf  dem  Meere.“ 


4.  Verschiedenes 


a.  Bettschilderungen. 

Auffallend  finden  wir  bei  B.  2  mal  eine  sehr  eingehende 
Beschreibung  von  Betten,  während  K.  sich  einmal  sehr 
kurz  faßt  und  das  andere  Mal  stillschweigend  an  Bs. 
Schilderung  vorbeigeht.  Die  erste  Stelle  bei  B.  handelt 
von  dem  kostbaren  Bett  der  Medea: 


En  un  chier  lit  d’or  et  d’argent, 
Quonques  nus  hom  ne  vit 
p  1  ub  gent, 

Dont  li  quatre  pecol  egual 
Furent  tuit  ovre  a  esmal, 

A  esmeraudes  verdeianz 
E  a  rubins  clers  e  luisanz;  — 
Conte  i  ot  grant  vouse  de  paile 
Oncmeillor  n’enotenThe- 
saile , 

E  lengueus  blans  deugiez  de  seie 
Ne  cuit  que  nu6  hom  meil- 
lors  vei  e. 


Mout  i  ot  riches  orcilliers 
Onques  pucele  n’ot  si 
chiers; 

Li  covertora  fu  riche  assez, 
D’unes  bestes  fu  toz  orlez 
Que  reluisent  conie  orpimenz; 
D’autres  mout  chieres  fu  dedcuz 
Vous  fu  d’un  drap  sarragoceis 
D’or  e  de  seie  trestot  freis;  — 
El  lit  sc  coucha  la  pucele 
Que  mout  fu  sage  e  gente  e  bele : 
Bien  esteit  digne  d'itel  lit. 
(1651). 


Die  nichtssagenden  Phrasen  zeigen  wieder  recht  Bs. 
Hilflosigkeit.  Viel  schöner  ist  Ks.  Schilderung: 


und  leite  sich  diu  vrouwe  nider 
uf  ein  spanbette  reine, 
gedrat  von  helfenbeine 
und  üzer  mäzen  wunnevar. 
ez  was  gezieret  unde  bar 
den  ougen  liehtebaeren  solt. 
gesteine,  silber  unde  golt, 
diu  glizzen  druz  sö  vaste, 


daz  von  ir  drier  glaste 
diu  kemenäte  wart  erlulit. 
ez  möhte  drinne  hän  geduht 
diu  naht  ein  wunneclicher  tac. 
ein  purpur  ob  dem  bette  lac 
geworht  von  riehen  Sachen, 
ez  wart  nie  deckelachen 
sö  wsehe  noch  so  tiure  [9014]. 


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00 


Hectors  Bett  wird  von  K.  nicht  beschrieben  [37  683], 
während  B.  auch  diesem  Bette  eine  längere  Schilderung 
widmet.  Seine  Phantasie  aber  reicht  nicht  weit,  er  be¬ 
nutzt  die  gleichen  Worte  wie  für  Medeas  Lager:  wir 
hören  von  „sarazenischer  Arbeit“,  von  „Gold  und  Edel¬ 
steinen“  usw.;  nur  zum  Schluß  hat  er  eine  andere  Wendung: 
„Die  Decke  war  von  Tuch,  weißer  als  Schnee,  mit  gol¬ 
denen  Sternen  dicht  besät“  [10238]. 

b.  Schlachtwagen. 

Bei  der  Truppenaufzählung  wird  erwähnt,  daß  Fion 
einen  Schlachtwagen  mit  sich  führte.  Den  beschreibt  B. 
bis  in  alle  Einzelheiten.  K.  schließt  sich  eng  an  seine 
Vorlage  an,  bisweilen  wörtlich  übersetzend:  B.  7885  ff. 
K.  30000  ff.  B.  les  roes  furent  de  benus;  K.  üz  ebenö  dem 
holze  qtiec  . . .  die  reder  wären  und  die  naben  . .  B.  e  li 
aissnel  e  li  paisson  ( esteient )  dore  si  tres  menuement;  K. 
sin  dihsel  und  nn  ahsel  die  luären  Uder  silberin.  Aber 
ganz  nur  B.  zu  folgen,  war  K.  unmöglich.  Es  drängt  ihn, 
über  B.  hinaus,  selbst  etwas  zuzusteuem;  er  fügt  Bs. 
Schilderung  eine  schöne  heraldische  Partie  an.  vorn  üf 
dem  wagene  was  ein  cane  gestecket ,  der  schein  grüene 
und  was  ein  louwe  küene  ton  bläwer  siden  drin  geneben; 
der  stuont  als  ob  er  kiinne  leben  und  was  gekroenet 
schone ;  con  golde  schein  sin  kröne  gar  wunnecliche,  so 
man  seit. 

c.  Tempel. 

Auf  der  Insel  des  goldenen  Widders  stand  ein  Tempel. 
B.  hat  weder  die  Insel  ausgemalt,  noch  des  Tempels  ge¬ 
dacht.  Auch  Ks.  Schilderung  ist  hier  nicht  auf  der  Höhe; 
er  behilft  sich  mit  wenigen  üblichen  Redensarten  [9598  ff.] : 
„er  war  außen  und  innen  mit  Marmor  und  Gold  ausge- 


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legt.  In  Edelsteinen  leuchtete  und  glänzte  er  wie  ein 
Sternenbild.  Trotz  seiner  „wonniglichen;‘  Farbe  war  er 
sehr  alt  Mars  hatte  ihn  selbst  dahingesetzt.  So  stand 
er  denn  nach  des  Gottes  Gebot  seit  langem  da;  man  sah 
nirgends  einen  Tempel  also  wonnesam.**  Man  sieht,  archi¬ 
tektonische  Schönheiten  sah  K.  nicht.  Dennoch  fühlt  er 
sich  berufen,  auch  auf  diesem  Gebiete  seine  Fertigkeit 
zu  prüfen.  Noch  einmal  fügt  er  in  seine  Vorlage  eine 
Tempelbeschreibung  ein,  wo  wir  recht  seine  Unfähigkeit 
in  solchen  Schilderungen  erkennen.  In  der  Erzählung 
vom  Bacchusfeste  (nach  Statius  I  285)  beschreibt  er  näm¬ 
lich  einen  Tempel  mit  den  gleichen  Worten  wie  den  von 
Kolkos :  ein  tempel  an  demselben  stade,  stuont  con  marmel¬ 
steine,  daz  was  mit  g olde  reine  gewieret  und  mit  gimmen, 
und  wart  mit  süezen  stimmen  dick  unde  wol  bcdoenet.  diz 
betehüs  beschcenct  eil  gar  mit  höher  koste  was  [14  548]. 

Hier  ist  von  Ks.  großer  Phantasie  wenig  zu  merken. 

g.  Schilderung  von  Festen. 

Wie  sieht  ein  Fest  bei  K.  aus?  Gleich  zu  Anfang 
seines  Romanes  finden  wir  die  Erzählung  einer  glanz¬ 
vollen  Wirtschaft.  Es  soll  die  Hochzeit  der  Thetis  mit 
Peleus  gefeiert  werden.  —  Zunächst  verlegt  K.  den  Schau¬ 
platz  ins  Freie.  Dadurch  hat  er  Gelegenheit,  von  seinem 
Talent  für  landschaftliche  Schilderungen  den  ergiebigsten 
Gebrauch  zu  machen.  Da  sehen  wir  eine  herrliche  Wiese 
mit  Blumen,  Gras  und  Kräutern;  da  singen  Vöglein,  da 
rauschen  Wälder  und  fließen  Bächlein  [1116].  Auf  diesem 
zauberischen  Plane  stehen  Tische  und  Stühle,  mit  kü- 
niclicher  richheit  geziert.  Dort  versammeln  sich  die  Gäste. 
Nun  gilt  es,  deren  Kleider  und  Schmuck  zu  beschreiben. 
Das  glänzt  und  leuchtet  alles  im  Wettstreit  mit  den 
Blumen  und  der  Sonne!  Man  saß  unter  „kaiserlichen*4 


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Zelten  und  sang  „süße  Weisen“  [1160];  und  endlich: 
da  was  eil  gröz  gercete  ton  tränke  und  ton  spise  [1158] ; 
auffallender  Weise  begnügt  sich  K.  an  dieser  Stelle  mit 
der  allgemeinen  Andeutung  von  Speise  und  Trank;  es  ist 
sonst  seine  Art,  diese  Genüsse  bestimmt  zu  bezeichnen, 
wie  z.  B.  beim  Bacchusfest,  das  ähnlich  geschildert  wird; 
K.  16174.  Da  heißt  es:  ein  braten  undc  ein  siden  huop 
sich  in  dem  gecilde.  ton  zame  und  ouch  ton  wilde  wart 
da  gekochet  wunder  [16212];  und  16310:  man  briet  in 
wunder  undc  söt  ton  spise  manger  slahte ■  in  wart  da 
manic  traJite  dir  gesetzet  und  geleit,  ein  tisch  wart  in 
zehant  bereit  dar  über  si  da  setzen  si  trunken  sere  und 
äzen  (man  erinnere  sich,  daß  nur  Frauen  zu  diesem  Feste 
zugelassen  waren!)  und  wären  mit  einander  trö.  man 
schände  in  unde  gap  in  io  mete,  mörat  unde  win.  swaz 
cht  ein ;  Wirtschaft  mac  gesin  ton  zame  und  auch  ton 
wilde,  des  ivart  ein  gröz  unbilde  getragen  für  die  megde 
clär.  si  triben  stille  und  offenbar  tröud  unde  wunnec- 
lichen  spot,  da  mite  wart  des  wines  got  gepriset  und  ge- 
rüemet.  Jetzt  endlich  reißt  sich  K.  von  dem  Eß-  und 
Trinkvergnügen  los;  der  weitere  Verlauf  des  Festes  ist 
dieser:  Mit  Kränzen  in  den  Haaren  geben  sich  die  Jung¬ 
frauen  ausgelassen  dem  Sang  und  Tanz  hin;  mit  wol  gc- 
blüemten  esten  schuzzens  über  sich  enbor.  Kurz:  swaz  man 
ton  tröuden  ie  gelas,  des  alles  wart  begangen  til  ...  da 
was  dehein  gebreite  an  spise  und  an  gercete.  Selbstver¬ 
ständlich  trugen  die  Mädchen  alle  die  ausgesuchtesten . 
Kleider,  was  K.  Gelegenheit  gibt,  einen  Augenblick  be¬ 
wundernd  zu  verweilen.  16404:  dieser  Tag  ward  gefeiert 
mit  wunneclichen  Sachen;  der  Wald  erkrachte  unter  diesem 
fröhlichem  Spiele!  sich  huop  da  michel  ringen  unde  ein 
brehten  unde  ein  toben  Auch  die  selbstverständlichen 
Folgen  dieser  Ausgelassenheit  vergißt  der  kluge  Dichter 


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nicht:  zerfüeret  und  zertrennet  wart  con  siden  manic 
mit  an  der  cd  kiiniclicJien  wät,  die  die  Frauen  anhatten. 
ouch  wart  von  blanker  hende  cd  schapel  und  gebende 
cerrücket  bi  der  stunde  [16412].  Als  alle  müde  waren, 
machten  sie  sich  aus  Blumen  und  Gras  ihr  Lager 

[16476  ff.] 

Trotz  vieler  allgemeiner  Redensarten  hat  es  K.  doch 
verstanden,  ein  sehr  bewegtes,  lebensprühendes  Fest  zu 
schildern.  Es  ist  ein  ganz  modernes  Bacchanal,  das  K. 
da  entwirft.  Gutes  Essen  und  reichliches  Trinken  galt 
auch  K.  schon  für  den  Mittelpunkt  einer  Festlichkeit. 
Auch  als  Jason  mit  den  Seinen  zu  Oetes  kommt,  läßt 
es  sich  der  König  als  Wirt  sehr  angelegen  sein,  daß 
rilichiu  spise  und  edel  träne  den  Gästen  vorgesetzt  werde. 
ichn  mac  ez  halbez  niht  gesagen  waz  Wirtschaft  in  da  wart 
geboten ,  wütbreet,  gebraten  und  gesoten ,  gab  ihnen  der 
König  [7378].  —  B.  hatte  an  dieser  Stelle  eine  allge¬ 
meiner  gehaltene  Bemerkung  [1203]:  Der  König  bewirtete 
sie  gut;  zur  Nacht  wies  er  ihnen  ein  gutes  Nachtlager 
an  und  gab  ihnen  reichlich  zu  essen  und  zu  trinken.  Vgl. 
auch  die  Tafelgenüsse  K.  37  730,  [B.  10271]  K.  20367.  — 
Endlich  noch  ein  Beispiel  dafür,  daß  K.  bei  Festlich¬ 
keiten  auch  an  die  Musik  denkt.  Die  Nacht  nach  der 
1.  Schlacht  verbringen  die  Griechen  unter  Singen  und 
Lärmen.  26250:  bei  Kerzenlicht  ward  herschefte  ein 
wunder  gepflegen.  man  hörte  manic  seitenspü  da  clingen 
unde  erhellen,  püsünen  vil  er  schellen  begunden  üf  der  beide. 
B.  an  dieser  Stelle:  la  nuit  sofrirent  cest  labor,  poi  man- 
gierent  e  poi  dormirent  estrange  peine  par  sofrirent  [7620]. 

h.  Schlachtschilderungen. 

Das  Thema  der  Trojasage  ist  Kampf  und  Schlacht. 
Wenn  auch  Konrad  sich  bemüht  hat,  andre  Themen 


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(vor  allem  das  der  Minne)  möglichst  gleichbedeutend 
neben  die  kriegerischen  Ereignisse  zu  stellen,  so  bleibt 
doch  die  Grundlage  des  Werkes  der  Krieg  mit  allen 
seinen  Nebenumständen  wie  Ursachen,  Anlaß,  Vorbe¬ 
reitungen,  Verhandlungen  usw.  Es  war  also  von  größter 
Bedeutung,  ob  der  Dichter  imstande  war,  dieses  eine 
Thema  durch  ein  so  großes  Werk  hindurch  so  zu  be¬ 
arbeiten,  daß  es  nicht  durch  fortwährende  Wiederholungen, 
einseitige  oder  dürftige  Darstellung  ermüdete. 

Da  finden  wir  nun  zwischen  Benoit  und  K.  den 

großen  Unterschied.  B.  muß  sich  mit  seinem  Stoffe  ab- 

finden,  so  gut  es  geht;  K.  ist  mit  Begeisterung  dabei. 

B.,  dem  jede  Fähigkeit  zu  variieren  abgeht,  setzt  uns  ein 

wirres  Durcheinander  von  allzu  ähnlichen  Einzelkämpfen 

•  •  _ 

vor;  K.  versucht  Übersicht  und  Wechsel  hineinzubringen. 
B.  bestreitet  seine  Schilderungen  mit  ewig  gleichen  Redens¬ 
arten;  K.  überschüttet  uns  mit  Bildern  und  Vergleichen 
und  reißt  uns  durch  seine  Sprache  mit  fort.  Einzel¬ 
kämpfe,  wie  Jason  und  der  Drache,  schildert  B.  gar 
nicht  oder  sehr  dürftig;  K.  scheint  selber  initzukämpfen. 


I.  K.  bringt  Kampfschilderungen,  wo  B.  keine  hat. 

Der  Kampf  Jasons  mit  den  Rindern  und  dem  Drachen 
bietet  ein  schönes  Beispiel  dafür,  wie  K.  einen  Kampf 
wirklich  beschreibt,  während  es  in  Bs.  Worten  gamicht 
zu  einem  solchen  kommt.  Rinder-  und  Drachenkampf 
werden  von  K.  ganz  getrennt  geschildert.  B.  1883:  Jason 
findet  Rinder  und  Drachen  und  Widder . er  be¬ 

streicht  seinen  Körper  und  sein  Gesicht  mit  der  Salbe, 
opfert  das  „Bild“,  setzt  seinen  Helm  auf  .  .  geht  auf  die 
Rinder  los;  mitten  durch  die  Flammen.  Sofort  verbrennt 
sein  Schild;  er  selbst  aber  war  nicht  verloren.  Er  wirft 


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den  Leim  den  Ochsen  in  die  Nasenlöcher,  daß  kein  Feuer 
mehr  herauskommen  kann  —  ihre  Kraft  ist  zu  Ende. 
Soweit  geht  K.  noch  mit;  doch  betont  er  ganz  bestimmt: 
daß  J.  mit  den  Ochsen  kämpfte!  Er  kämpfte,  bis  ihm 
„die  Ringe  von  starker  Hitze  glühten.“  Dann  erst  wirft 
er  den  Leim  in  die  Nasenlöcher  der  Farren  [9665].  — 
K.  läßt  den  Jason  kämpfen,  obwohl  ein  solcher  Kampf 
überflüssig  ist.  Das  hängt  auch  mit  des  Dichters  An¬ 
sicht  vom  wahren  Ritter  zusammen,  der  so  leichten  Kaufes 
nicht  davon  kommen  kann.  War  hier  noch  keine  rechte 
Schilderung  des  eigentlichen  Kampfes,  so  finden  wir  eine 
solche  in  der  nun  folgenden  Drachenepisode.  B.  erzählt 
wieder:  „Jason  wäre  in  dem  Feuer  und  Gift  umgekommen, 
.  .  .  aber  die  Salbe  und  das  Bild  retteten  ihn.  Er  gibt 
ihm  mit  dem  Speere  solche  Hiebe,  daß  die  Insel  wider¬ 
hallt;  aber  er  dringt  nicht  durch  das  Fell  des  Untiers 
durch.  Jason  bekommt  so  große  Angst,  daß  ihm  das 
Blut  aus  dem  Munde  fließt,  daß  er  Blut  schwitzt!  Endlich 
schlägt  er  ihm  den  Kopf  ab.  Hätte  der  Kampf  nur  noch 
wenig  länger  gedauert,  so  wäre  Jason  gestorben,  ohne 
Zweifel.“  Der  Schlußsatz  zeigt  so  recht,  wie  gedankenlos 
B.  eine  Formel  hinsetzt,  wo  sie  gamicht  am  Platze  ist; 
Jason  ist  doch  gegen  einen  unglücklichen  Ausgang  des 
Kampfes  gefeit.  Auch  ist  die  Angst,  zu  der  Jason  keinen 
Anlaß  hat,  lächerlich.  K.  erzählt  uns  einen  großartigen 
Drachenkampf,  dessen  Ende  vom  Dichter  geschickt  aus¬ 
gedacht  ist:  Der  Drache  reißt  —  mit  dem  Schweife  eine 
Schlinge  bildend  —  den  Jason  zu  Boden.  In  dieser 
höchsten  Not  gedenkt  der  Ritter  des  Ringes,  er  macht 
sich  also  unsichtbar  und  entgeht  dem  Verderben.  So  hat 
K.  auch  den  Talisman  angebracht,  wovon  bei  B.  keine 
Rede  ist  [K.  9764  ff.].  Jason  kämpft  einen  gewaltigen 
Kampf  mit  dem  Wurme;  der  Elfenbeinschild  kam  dem 


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Helden  sehr  zu  Nutze.  Seine  Glätte  wies  die  Krallen¬ 
angriffe  des  Drachen  ab!  Jason  wäre  verbrannt,  wenn 
er  die  Salbe  nicht  gehabt  hätte  (=  B).  Nun  macht  der 
Drache  mit  dem  Schweife  die  Schlinge  .  .  .  usw.  Jason 
stieß  ihm  das  Schwert  in  die  Kehle  da,  wo  ein  weißer 
Fleck  war;  dann  schlug  er  ihm  den  Kopf  ab. 


II.  Vereinfachungen,  Gruppierungen. 

In  Schlachtschilderungen  gelingt  K.  durch  Ausscheidung 
einiger  Episoden  eine  größere  Klarheit,  wie  er  durch  ge¬ 
schickte  Zusammenfügung  zugehörender  Teile  eine  über¬ 
sichtliche  Einheit  herzustellen  weiß.  In  der  1.  Schlacht 
kämpfen: 

bei  B :  2400  ff  bei  K.  1 1  950. 

Nestor . Nestor 

Castor  und  Pollux . C.  u.  P. 

Nestor — Laomedon  ....  fehlt. 

Diese  N.  L.-Episode  ist  überflüssig,  auch  bei  B.  bleibt  dieser 
Kampf  resultatlos. 

Nestor — Cedar . N. — C. 

Castor — Seguradon  .  .  .  fehlt. 

Dieser  Zweikampf  ist  ohne  Bedeutung. 

Castor — Cedar . C.  C. 

Castor  gefangen,  v.  Pollus  befreit  .  .  ebenso. 

Pollux  tötet  den  Eleachim  ....  ebenso. 

Eleachims  Tod  ist  der  Anlaß  zum  Eingreifen  Laomedons  in 
den  Kampf  (E.  ein  Neffe  Ls.).  Darum  durfte  K.  diese  Episode 
nicht  übergehen. 

Laomedon . L. 

Es  ergibt  sich  also  bei  K.  folgendes  Schlachtbild: 
Nestor  eröffnet  den  Kampf,  bald  gerät  er  in  große 

Bedrängnis;  doch  kommen  ihm  Castor  und  Pollux  zu 
Hilfe.  Nun  bringt  Cedar  den  Castor  in  eine  gefährliche 
Lage.  Castor  wird  gefangen  genommen.  Pollux  befreit 


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den  Bruder  und  schlägt  den  Eleacliim  nieder.  Das  sieht 
Laomedon  und  stürzt  sich,  Rache  sinnend  für  den 
erschlagenen  Neffen,  in  den  Kampf,  wo  ihn  der  Tod 
trifft.  Das  ist  eine  klare,  übersichtliche  Darstellung. 
Benoits  Schilderung  ist  zu  lang  und  nicht  übersichtlich 
genug.  B.  weiß  nicht  das  Wesentliche  vom  Unwesent¬ 
lichen  zu  scheiden.  Das  zeigt  auch  die  Geschichte  von 
der  Einnahme  Tenedons.  Die  Erstürmung  dieser  Feste 
ist  eine  ganz  nebensächliche  Episode;  darum  tut  K.  sie 
kurz  ab.  Schon  im  Stil  ist  seine  Schilderung  knapp  und 
ohne  Redeschmuck: 


nü  waz  ouch  dö  der  Kriechen 

[her .  .  . 

ze  Tenadon  gerunnen, 
daz  wart  von  im  gewunnen 
unde  erstürmet  schiere. 

Diu  stat  und  ir  rifiere 
mochte  sich  da  nicht  erwern. 
zerstoeren  und  gar  verhern 
begunde  man  die  veste. 


die  fremden  leiden  geste 
man  unde  wip  ersluogen. 
si  fuorten  unde  truogen 
üz  der  stat  vil  grozen  hört, 
und  do  si  jämer  unde  mort 
begiengen  in  dem  kastei, 
do  kertens  üf  dem  wäge  snel 
von  dannen  vil  ges winde  [25089]. 


B.  gibt  hier  eine  ganz  eingehende  —  nicht  unschöne 
—  Darstellung  von  der  Verteidigung  und  Erstürmung 
der  Stadt.  „Die  in  Tenedon  schlossen  die  Tore,  sie 
schickten  sich  zur  Verteidigung  an.  Die  Tapfersten  stellten 
sich  auf  die  Tore  und  Mauern.  Mit  Steinen  verteidigten 
sie  sich  tapfer.  Spitze  Pfähle  schleuderten  sie  von  den 
Türmen ;  Harnisch,  Helm  oder  Schild,  die  davon  betroffen 
wurden,  waren  dahin. .  .  Die,  die  hinaufwollten,  wurden  von 
denen,  die  hinunterstürzten,  mit  gerissen.  Dabei  riß  immer 
einer  mehr  als  zehn  mit  sich.  An  den  Toren  war  der 
größte  Kampf,  la  veissez  lancier  e  traire,  la  ceissez 
heaumes  croissir,  e  checaliers  espes  morir.  Die  drinnen 
haben  ihr  Leben  teuer  erkauft;  aber  schwer  haben  sie 
büßen  müssen;  keiner  entrann  dem  Tode;  arm  und  reich 


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sterben  sie  da,  wie  die  Estoire  berichtet.  Die  draußen 
gaben  keinen  Pardon,  denn  sie  hatten  großen  Verlust“ 
usw.  Die  Gegend  wird  verwüstet,  dann  fahren  sie  weiter 
nach  Troja. 

Auch  in  der  1.  Schlacht  vor  Troja  läßt  K.  einige 

Helden  weg,  um  nicht  zu  breit  zu  werden;  so:  Thoas 

Aiaus  Serses.  Auch  die  Verwandtschaftsverhältnisse  läßt 

K.  [7471]  beiseite;  B.:  Sicamor,  frero.  germain  le  rei 

Mennor . .  Ebenso  läßt  er  die  Namen  der  30  Söhne  des 

Priamus  fort,  die  B.  der  Reihe  nach  aufzählt  2.  Schlacht: 

Die  griechischen  Streiter  teilt  B.  in  30  butaxlles,  K.  in  15, 

was  natürlich  eine  Vereinfachung  ist.  Grade  in  der 

•  • 

2.  Schlacht  versucht  K.  eine  Übersicht  in  den  endlosen 
Kneuel  dadurch  zu  bringen,  daß  er  die  Scharen  rotten¬ 
weise  in  den  Kampf  einführt.  Für  Bs.  Unaufmerksamkeit 
ist  bezeichnend,  daß  er  seinen  größten  Helden  Achill  ganz 
vergessen  hat.  K.  erwähnt  ihn  dagegen:  30521,  31018, 
31994;  32479,  34  783,  35320.  Ks.  Haupthelden  treten 
immer  wieder  aus  dem  Gewirre  heraus  und  bilden  dann 
ein  Centrum,  um  das  sich  der  Kampf  dreht  (so  auch 
Hector). 

III.  Ks.  Schlachtschilderungen. 

Hier  zeigt  sich  nun  Ks.  ganze  Art;  wenn  er  Schlacht¬ 
getümmel  und  Kampfeslärm  erzählen  kann,  dann  läßt  er 
die  reichen  Schätze  seiner  Phantasie  und  Sprachkunst 
über  uns  ausströmen.  Da  rasen  die  Rosse  schweißbedeckt, 
da  donnern  und  krachen  die  Speere,  da  qualmt  und 
raucht  der  Staub,  da  schwirren  und  schnurren  die  Banner, 
da  ächzen  die  Sterbenden  und  schreien  Triumph  die 
Sieger;  ein  Bild  folgt  dem  anderen,  bald  schön  und  wohl 
angebracht,  bald  hyperbolisch  bis  zum  äußersten  Erlaubten. 


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K.  ist  alles  gleich;  hier  feiert  sein  Schilderungstalent 
wahre  Feste.  Das  fühlt  man  um  so  mehr,  als  B.  gerade 
an  solchen  Stellen  eine  unerträgliche  Dürftigkeit  und 
Armut  offenbart.  Man  lese  etwa  folgende  Schilderung 


Benoits:  [9682]: 

la  ot  dreciee  mainte  lance 
e  despleie  maint  confanon; 
e  raainte  enseigne  e  maint  penon ; 
vert  e  verraeil,  de  seie  ovre 

„Nie  sah  man  härteren 
solchen  sehen.“ 

com  eist  rendront  as  Greceis, 
chascuns  ot  ire  e  fu  toz  freie, 
chaacune  a  l’enarme  saisie, 


e  de  fil  d’or  menu  brosdö. 
la  parut  maint  heaume  d’acier 
e  maint  escu  e  maint  d’estrier 
sor  e  baucens,  grisle  e  ferrant . . 

Kampf,  noch  wird  man  je 

chascuns  a  Pavenir  s’escrie, 
chascuns  ala  le  suen  ferir. 


es  folgen  nun  die  bekannten:  la  oissez,  la  veissez  .  .  .  usw. 
Eine  von  Ks.  Stellen  möge  zum  Vergleiche  hier  Platz 
finden:  eigentlich  ist  es  nicht  angebracht,  eine  bestimmte 
Schilderung  herauszuheben,  da  die  ganze  Schlacht,  die 
K.  erzählt,  eine  einzige  Kette  von  Bildern  und  Vergleichen 
ist.  K.  36  867 :  sich  huop  da  grimmez  striten  ...  es  folgt 
eine  schöne  Szenerie.  Dann  .36896: 


do  wart  von  vientlichen  siegen 
der  plan  erschellet  über  al. 
da  bibent  anger  unde  wal 
dur  daz  getemer  engeslich, 
daz  in  diu  wölken  über  sich 
gie  von  den  swerten  stehelin. 
und  wserez  mügelich  gesin, 
daz  der  himel  da  zehant 
von  gneisten  möhte  sin  verbrant, 
er  solte  bi  der  selben  stunt 
sin  an  gestözen  unde  enzunt, 
von  maniges  fiures  blicke 


der  hoche  und  also  dicke 
üz  dem  gesmide  vlouc  darin, 
und  wsere  niht  an  im  gesin 
so  manic  sterne  virne, 
do  möhte  ein  glanz  gestirne 
üz  niuwen  flammen  sin  gebom. 
man  schriet  da  leder  unde  hom, 
golt,  silber,  isen  unde  bein. 
do  wart  vil  manic  edel  stein 
getengelt  üz  den  helmen, 
von  wunder  liute  gelmen 
huopsichdowüefen  undgesclirei, 


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65 


als  ob  der  donre  slüege  enzwei 
mit  kreften  einen  ganzen  walt, 
sus  wart  ein  brasten  manicvalt 
von  scheften  und  von  lanzen. 
die  vesten  und  die  glanzen 
halsperge  sich  dö  rizzen. 
diu  swert,  diu  schone  glizzen, 
diu  Sprüngen  da  ze  stücken, 
hurtieren  unde  drücken 
wart  aber  nicht  verläzen. 
man  hörte  ros  da  grazen 
und  vientliche  weien. 
da  möhte  sin  von  schreien 
vil  manic  öre  worden  toup. 
diu  varwe  üz  liehten  schilten 
8  toup 

und  flouc  ir  also  vil  dervon, 
daz  si  den  ougen  tet  gedon 
mit  ir  gestüppe  manicvalt. 
so  mortlich  jämer  nie  gestalt 


von  kämpfe  noch  von  strite  wart, 
als  manic  heit  von  höher  art 
des  males  künde  stiften, 
verlüppet  mit  vergiften 
die  stralen  da  snedicke  flugeu, 
die  manigen  brähten  unde  zugen 
in  einen  egebseren  tot 
man  göz  bö  vil  da  bluotes  rot 
ir  gnuogen  z’  ungewinne, 
daz  vrechiu  ros  dar  inne 
biz  an  diu  knie  da  wuoten. 
ver8witzen  und  verbluoten 
vil  maniger  sich  begunde, 
der  niht  genesen  künde, 
swenn  im  daz  verch  von  hitze 
wiel. 

man  unde  man  da  nicht  enviel, 
da  vielen  hundert  samenthaft. 
ach  got,  waz  vrler  ritterschaft 
und  höher  fürsten  da  verdarp! 


So  geht  das  durch  Konrads  ganze  Dichtung.  Es  sei 
noch  hingewiesen  auf  B.  2649,  die  sehr  dürftig  geschilderte 
Szene  und  an  derselben  Stelle  K.  12193,  wo  K.  weit 
überlegen,  selir  ausführlich  den  Kampf  schildert.  Ebenso 
B.  2400;  B.  7470;  B.  8644;  B.  8680;  K.  25815  u.  a. 

Der  Stoff  an  sich  verlangte  gebieterisch  neben  reicher 
Anschauung  eine  glänzende  Stilkunst,  die  der  Eintönig¬ 
keit  der  Schlachtenschilderungen  etwas  abzuringen  ver¬ 
mochte.  B.  hat  dieses  Talent  nicht;  seine  Schlachten¬ 
schilderungen  langweilen  uns.  Was  will  das  sagen,  wenn 
er  an  wenigen  Stellen  wirklich  einmal  ein  fesselndes  Bild 

gebraucht  (etwa  7140)  gegenüber  der  sonstigen  stilisti- 

•  • 

sehen  Ode?  K.  dagegen  gibt  sich  alle  Mühe,  uns  durch 
eine  blendende  Darstellung,  die  auch  Anachronismen,  Un¬ 
richtigkeiten  und  sogar  Halbheiten  nicht  scheut,  über  das 
langweilige  Thema  der  Kämpfe  hinwegzutragen.  Welche 

5 


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wirkungsvolle  Abwechselung  bedeutet  es  z.  B.  schon,  daß 
er  fast  jedem  Zweikampf  einen  Dialog  der  Streiter  voran¬ 
gehen  läßt.  B.  versucht  es  auch  einmal  (2740;  ganz 
kurze  Aussprache).  Vergl.  dagegen  K.  12643,  31090; 
32216;  34330;  36512.  -  Daß  selbst  Ks.  virtuose  Technik 
den  Eindruck  des  Endlosen  nicht  ganz  überwindet,  darf 
uns  doch  nicht  blind  machen  gegen  das  Maß  der  künst¬ 
lerischen  Leistung. 


2.  Stilmittel. 

Durch  welche  Mittel  nun  kommt  K.  über  B.  hinaus? 
Seine  Stärken  sind  zugleich  seine  Schwächen.  Die  poe¬ 
tische  Fülle  belebt;  aber  eine  Häufung  von  Hyperbeln 

•  • 

oder  ein  Übermaß  von  Wiederholungen  kann  die  Wirkung 
auch  vernichten.  K.  gegenüber  stelle  ich  Bs.  Technik,  die 
uns  den  Mißerfolg  seines  Stils  erklären  wird. 

a.  Der  durchgeführte  Vergleich. 

Ein  altes  Mittel,  eine  Schilderung  wirksam  zu  machen, 
ist  der  Vergleich.  K.  hat  ihn  in  Fülle.  Er  wendet  ihn 
vor  allem  an,  um  die  Taten  eines  Helden  herauszuheben; 
diese  vergleicht  er  dann  etwa  mit  dem  Wüten  wilder 
Tiere  (Löwen,  Schlangen,  Habicht,  Falke):  „wie  ein  wilder 
Wolf  unter  zahmen  Schafen  wütet,  also  entbrannte  Her¬ 
kules  auf  die  von  Troja“  [12  618];  ähnlich:  K.  12764; 
25  652;  25  934;  31130;  32  250;  34127;  35524;  35592; 
35850;  36362;  37  658;  u.  ö.  22  758.  Auch  Bilder  aus 
der  Natur  und  dem  Landleben  nimmt  K.:  „Wie  ein  Mäher 
das  grüne  Gras,  bo  mähte  Herkules  die  Männer“  [12612] 
oder:  „Da  war  ein  Krachen,  als  ob  der  wilde  Donner¬ 
schlag  1000  Bäume  zerschmetterte“  [12241].  Vgl.  36920; 
35  496;  36480;  36608;  25  658;  32006;  33346;  35654; 


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Bilder  aus  dem  See-  nnd  Schifferleben  sind  nicht  selten: 
in  sorgen  vaht  er  unde  ranc  reht  als  ein  marner  unde  ein 
verf  den  sturmeweter  üf  dem  mn  in  eime  schiffe  deine 
bestanden  hat  aleine  [35758].  Vgl.  31422;  34478;  35884. 
Vergleiche  aus  anderen  Sphären:  K.  10040  ff.:  Die  Wolle 
des  goldenen  Widders:  „schüttelte  er  sich,  so  klang  die 
Wolle,  als  ob  man  Cymbeln  und  andere  süße  Töne  hörte“. 
Das  Bild  vom  Hammer  und  Amboß  wird  oft  gebraucht: 
K.  12  802:  „Laomedon  schlug  auf  seinen  Gegner,  wie  man 
mit  einem  Hammer  auf  den  Amboß  schlägt.“  Von  Helena 
sagt  der  Dichter:  K.  19  714:  „Wie  ein  totes  Gemälde  ver¬ 
blaßt  gegen  lebende  Menschen,  so  erloschen  alle  Farben, 
wenn  Helena  auftrat.“  Ganz  vereinzelt  hat  auch  B.  einen 
Vergleich:  B.  9159:  „Wie  ein  Wolf,  der  lange  gehungert 
hat,  losgeht,  um  Beute  zu  fassen  —  nichts  kann  sie  ihm  ent¬ 
reißen  —  ganz  ebenso  ging  Hektor  auf  7000  Griechen  los.“ 

b)  Einfacher  Vergleich. 

Diese  sind  bei  K.  zahllos;  die  Sphäre,  aus  denen  er 
sie  nimmt,  ist  die  gleiche  wie  die  der  durchgeführten 
Bilder:  30972:  Patroclus  und  Hector  rannten  auf  einander 
„gleich  zwei  wilden  Drachen“;  37  247  ebenso;  12568: 
Herkules  kam  „wie  ein  Pfeil“  dahergeflogen.  =  22534; 
25284;  35886;  35991.  Schwerter  glänzen  wie  Spiegel: 
12568;  17468;  19932;  23006;  29999;  30983;  Augen, 
Mund  u.  a.  leuchten  wie  Karfunkel:  10044;  23185; 
19960;  34010;  23  456;  Vergleich  mit  Blumen:  7  528 
[=B.  1250]  „wie  eine  frische  Rose,  feucht  von  Tau“  (Medea) 
=  19952;  19976;  20076;  22896;  25566;  37  628.  Ver¬ 
gleich  mit  Sternen:  7278;  26  248  und  vieles  mehr;  vgl. 
noch:  12241;  25852;  33208;  9807;  19730;  31413.  Auf¬ 
fallend  sind  Ks.  Vergleiche  mit  Engeln.  An  solchen 
Anachronismen  im  Trojanerkriege  stößt  er  sich  nicht; 

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auch  die  Hölle  u.  ä.  führt  er  im  Bilde  ein.  19657  „wie 
ein  Engel  und  ein  Rosenzweig  leuchtete  Paris  an  Herz 
und  Sinn.“  24859;  33488;  34592;  39180  (wo  die 
ganze  Schar  der  Engel,  die  aus  dem  Paradiese  geflogen 
kommt,  aufgeboten  wird).  Hier  sei  auch  hingewiesen  auf 
Ks.  zahllose  Menge  von  Ausdrücken  wie:  kohlschwarz, 
silberweiß,  grasfarbig,  goldgesponnen,  kreideweiß,  schwanen¬ 
weiß,  lasurblau,  grundlos,  bodenlos,  rund  wie  eine  Kerze, 
grüner  als  Klee  (Lauch),  gelb  wie  Seide  usw. 


c.  Metapher. 

Die  Metapher  trägt  bei  K.  keine  besonderen  Züge; 
doch  kennt  er  sie  natürlich:  19676:  Helena  war  „die 
Blume  weiblicher  Schönheit“  Hector,  ein  slüzeel  unde  ein 
rigel  manheit  und  aller  tagende  wert;  32444:  Lifronis  ein 
kerne  was  an  höher  degenheit  usw. 

d.  Bilder. 

Das  Wirkungsvollste  in  Ks.  Erzählkunst  ist  sein 
Talent ,  anschauliche  Bilder  in  die  Darstellung  einzu¬ 
flechten:  Will  er  etwa  Hercules’  Wüten  in  der  Schlacht 
plastisch  uns  vor  Augen  führen,  so  sagt  er:  12598, 
12  588:  ,.Er  schlug  eine  Straße  durch  die  feindliche 

Ritterschaft;  ein  großer  Wagen  hätte  hinter  ihm  herfahren 

•  • 

können.“  B.  hat  an  dieser  Stelle  nichts  Ähnliches: 
2  725:  „H.  schlägt  alles  nieder,  was  er  erreicht;  2  Hälften 
inacht  er  aus  1  Ritter.  So  starke  Hiebe  teilt  er  aus, 
daß  alle  sterben  und  verderben.  Alles  weicht  vor  ihm.“ 
Ein  anderes  Bild:  K.  25377:  Prothesilaus  verwandelte 
das  Gestade  des  Meeres  in  ein  Blutbad;  oder  26010: 
Hektor,  der  auch  eine  Straße  durch  die  Feinde  hieb, 
machte  aus  den  Toten  „eine  Wand  und  einen  großen 


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69 


•  • 

Haufen“  usf.  Tut  K.  im  Überschwang  und  bunter  Fülle 
seiner  Bilder  des  Guten  zu  viel,  so  hat  B.  zu  wenig. 
Seine  paar  bildlichen  Wendungen  (vgl.  7  140;  7  193;  8578 
u.  a.)  sind  verirrte  Goldkömchen  im  Wüstensande.  Der 
französische  Roman  setzt  sich  zusammen  aus  den  gebräuch¬ 
lichen,  eintönigen  Formeln;  daher  können  wir  aus  diesem 
Werke  den  Schöpfer  nicht  herauserkennen;  hinter  der 
deutschen  Dichtung  steht  eine  Persönlichkeit.  Und  wie 
vielseitig  ist  Ks.  Talent!  Überall  findet  er  sich  zurecht, 
alles  macht  er  seinen  Zwecken  gefügig.  Natur-,  Feld-, 
Wald-,  Seeleben  erschließt  sich  seiner  Phantasie.  Kriegs¬ 
gewitter  und  friedliche  Stille  zaubert  er  hin;  Vogel-  und 
Tierwelt,  Handwerk  (Schmiede,  Kalkbrennerei)  und  Kunst 
spenden  Beiträge;  ja  die  Pforten  des  Himmels  öffnen  sich, 
und  Engel  des  Paradieses  schweben  heraus,  und  die  Hölle 
versendet  Rauch  und  Dampf,  und  die  Wunderwelt  gibt 
ihre  Drachen  her. 

K.  ist  natürlich  nicht  immer  originell  in  seinen 
Bildern.  Meist  verarbeitet  er  alte,  bekannte  Wendungen: 
Pfeilschnelle  Geschwindigkeiten,  Blitze  lichter  Augen  usw. 
Schon  anders  ist  es,  wenn  er  von  der  Liebe  sagt:  „Die 
Minne  faßte  sie  .  .  .  ihre  Kraft .  war  der  eines  ganzen 
Heeres  und  einer  übermächtigen  Schar  gleich“  [7830]. 
Oder  Medeas  Herz  „bäumte  sich  wie  ein  wilder  vrier  visch , 
der  aus  dem  tiefen  Wasser  sich  in  ein  Netz  verfängt“ 
[7833  u.  20730];  oder:  „Als  Helena  kam,  da  wars  dem 
Paris,  als  ob  ein  Regenbogen  mit  seinen  vielen  Farben 
in  sein  Herz  schien“  [19  790],  od.  „Helena  kam  schön  wie 
eine  Wünschelrute  aufrecht  daher“  [20006],  od.  „Kein 
Sommer  ward  je  so  warm,  in  ihrem  Antlitze  fand  man 
stets  frischen  Schnee;  kein  Winter  ward  je  so  kalt,  man 
sah  an  ihr  doch  frische  Rosen“  [20018].  Man  beachte 
die  Antithesen,  von  K.  sehr  geliebt;  vgl.  20018:  „Und 


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70 


war  der  Winter  noch  so  kalt,  man  fror  nicht  in  diesem 
Kleide;  kein  Sommer  war  so  heiß,  man  schwitzte  nicht 
in  diesem  Kleide“.  —  Helenas  Atem  wehte  wie  Muskat 
[20  030].  Um  Hector  herum  war  Staub  und  Dampf  „als 
ob  Kalk  da  gebrannt  würde“;  dürfte  auch  vor  K.  nicht 
gang  und  gebe  gewesen  sein  [35932].  „Die  Ringe  des 
Panzers  drückten  sich  ins  Fleisch  wie  das  Siegel  ins  Wachs“ 
[31  188].  „Hektor  glühte  in  Hitze  gleich  den  Salamandern“ 
[31 190].  Hierher  auch  die  Vergleiche  mit  Engeln,  Höllen¬ 
rauch  und  Drachen.  Sehr  schön  ist  der  Vergleich: 
„Neben  Helena  waren  alle  Frauen  Traum  und  Schatten“ 
[19708].  —  Ganz  neu  ist  wohl:  Helena  was  ein  leite- 
sterne  üf  aller  siner  wunne  pfat  [20422]. 

e.  Hyperbeln. 

K.  neigt  außerordentlich  zur  Hyperbel.  Wie  Leo  Wolf 

in  seiner  Arbeit  über  „den  grotesken  und  hyperbolischen 

Stil  in  den  mhd.  Volksepen“  zeigt,  hat  der  hyp.  Stil  etwas 

Archaisch  Populäres  im  Gegensatz  zu  der  höfischen  Kunst. 

Aber  auch  die  Kunst  der  Epigonen,  die  überbieten  will, 

wird  zur  Hyperbolik  neigen.  Und  Ks.  Virtuosentum  zeigt 

•  • 

überall  die  Tendenz  der  Übertreibung.  Wie  seine  Helden 
die  tapfersten  sind,  seine  Frauen  die  schönsten,  die  Kleider 
und  Waffen  die  besten,  kostbarsten,  so  ist  eben  alles 
„noch  nie  dagewesen“,  „nie  schöner  und  besser  gewesen“. 
Natürlich  verarbeitet  er  da  ganz  Geläufiges;  besonders  in 
Schlachtenschilderungen  kann  er  auf  altes  Erbgut  zurück¬ 
greifen.  Aber  er  will  auch  hier  überbieten,  wenn  nicht 
anders  so  durch  Häufung  von  Hyperbeln.  25168:  „So¬ 
viel  Schilfe  hatte  man  noch  nie  gesehen!  Der  Schwarz¬ 
wald  und  der  Spessart  tragen  nicht  soviele  Tannen,  wie 
da  Mastbäume  in  die  Luft  ragten!  .  .  .  Soviele  Segel  gabs 
da,  daß  man  ihre  Zahl  nicht  in  ein  Buch  schreiben 


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71 


könnte!  Als  ob  das  Erdreich  erbebte  und  erkraclite,  so 
erhob  sich  das  Geräusch  der  Segel,  und  ein  so  ge¬ 
waltiger  Lärm  war,  daß  denen  in  Troja  das  Grausen  an¬ 
kommen  konnte!“ 

1.  Negative  Hyperbeln. 

Die  gewöhnlichsten  und  einfachsten  Hyperbeln  sind 
die  negativen :  „nie  sah  man  .  .  “  „nie  gabs  schöneres“  .  .“ 
„nie  ist  das  .  .  dagewesen“  usw.  Solche  "Wendungen  be¬ 
herrschte  auch  Benoit,  dessen  ganzes  Werk  mit  diesen 
Hyperbeln  überschwemmt  ist;  sind  sie  doch  fast  seine 
einzigen  Mittel,  eine  Person  oder  einen  Gegenstand  her¬ 
vorzuheben.  Zu  Konrads  Ehre  sei  bemerkt,  daß  er  sicht¬ 
lich  bemüht  ist,  diese  trivialen  Hyperbeln  zu  meiden.  Er 
sucht  auch  hier  besondere  Einfälle.  Von  der  Bewirtung 
der  Gäste  durch  Oetes  sagt  er  .  .  .  „nicht  die  Hälfte 
könnte  ich  aufzählen,  was  für  Aufwand  da  gemacht  wurde“ 
[7346].  —  Den  Paris  hielten  die  Leute  gar  nicht  für 
einen  Menschen,  sondern  für  einen  Gott  [19  613].  —  „Alle 
Tapferkeit,  die  gesehn  ward,  war  nichts  gegen  die,  mit 
der  Prothesilaus  focht“  [25  906 J.  Von  Helenas  Schönheit 
erklärt  er:  er  sei  außerstande,  sie  zu  schildern;  man  kann 
sie  überhaupt  nicht  beschreiben;  man  glaubte,  menschliche 
Kreatur  könne  nie  so  schön  sein  .  .  . 

2.  Positive  Hyperbeln. 

Konrads  Fehler  ist  wieder  der,  daß  er  keine  Grenzen 
kennt;  wenn  die  Segel  [25182]  einen  Lärm  machen,  „als 
ob  die  Erde  ganz  und  gar  erbebte  und  erkrachte“,  —  so 
ist  das  gewiß  zu  übertrieben,  eher  mag  es  gelten,  daß 
die  Straßen  Trojas  so  glänzend  und  glatt  waren,  „daß 
man  sich  wie  in  einem  Spiegel  darin  sehen  konnte“ 
[17  408 ff.]  oder;  das  Gold  der  Rüstungen  und  Kleider 


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72 


gibt  einen  Glanz  von  sich,  „als  ob  der  ganze  Plan  in 
Feuer  stände“  [30  780],  eine  beliebte  Hyperbel,  schon  vor 
K.  sehr  oft  angewandt.  Bedenklicher  ist  es  schon,  wenn 
K.  die  Zahl  der  Streiter  vor  Troja  so  bestimmt:  „Die 
ganze  Welt  und  alle  Königreiche  sind  in  3  Teile  geteilt: 
Europa,  Asien,  Afrika;  alle  streitbaren  Männer  der  beiden 
Erdteile  Europa  und  Afrika  kämpften  gegen  die  Leute 
des  3.  Erdteiles :  Asien.  Der  eine  große  W eltteil  (Asien) 
ward  von  den  beiden  anderen  bestanden!“  [23962].  Auch 
das  alte  Testament  muß  herhalten.  30804;  „Griechen 
und  Trojaner  bliesen  die  Posaunen;  was  David  und 
Salomo  je  von  Saitenspiel  erdachten,  das  ward  gehört.“ 
Hyperbeln  wie:  „in  dem  Kampfe  könnte  ein  ganzer  Wald 
von  Speeren  verschwendet  werden;“  oder  „die  Rosse  jagten 
dahin,  daß  Feld  und  Heide  zitterten.  Blut,  das  bis  zum 
Himmel  raucht,  die  Toten,  die  in  Haufen  liegen,  Pfeil¬ 
schnelles  Dahinrasen“  oder  „Glaubt!  Im  roten  Blute  versank 
da  mancher  und  ertrank  da  jämmerlich“  [32498]  sind  über¬ 
liefertes  Gut.  Merkwürdig  ist  folgende  Hyperbel:  31250 
Achill  wehrt  sich  gewaltig:  üz  orsen  äne  tille  gemachet 
wart  ein  sülze! 


f.  Personifikationen. 

Natürlich  liebt  K.  wie  B.  die  den  mittelalterlichen 
Dichtern  so  geläufigen  Personifikationen  wie:  der  Wunsch , 
duz  Gelücke ,  diu  Wärheit,  diu  Minne,  der  Meyge  usw. 
B. :  Amors,  Novele,  Renomee.  Diese  R.  erinnert  K.  so¬ 
gleich  an  Ovids  bekannte  Darstellung  der  Fama;  an  diese 
sich  anlehnend  gibt  er  seine  Schilderung  des  liumct  [24672]. 

g.  Zahlen. 

a.  Zahlen  in  Aufzählungen. 

B.  und  K.  bringen  in  den  zahlreichen  Schiffs-  und 


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73 


Truppenregistern  auch  Zahlen.  K.  überbietet  dabei  stets. 
Vgl.  die  Aufzählung  der  Schiffe: 


K. 

23778  ff. 

B.  5587  ff. 

Agamemnon 

mit  200  Schiffen 

—  mit 

100  Schiffen 

Menelaus 

»  200  „ 

n 

40  „ 

Doas 

ft  100  „ 

50  „ 

U8W. 

Ganz  anders  sieht  es  aber  aus,  wenn  Zahlen  als  An¬ 
gabe  für  ein  Maß  gebraucht  werden. 

ß.  Zahlen  als  Maßangabe. 

Da  können  wir  wieder  die  stilistische  Überlegenheit 
Ks.  über  seinen  französischen  Gewährsmann  bemerken. 
B.  kennt,  wenn  er  eine  eindrucksvolle  Menge  schildern 
will,  nur  die  Zahlangabe.  Sie  kann  ja  sehr  gut  wirken. 
Wenn  B.  bemerkt  [6316],  daß  „man  nach  1000  Jahren 
noch  von  dem  Unglück  erzählen  wird,  das  .  .“  [vgl.  4443; 
4983],  so  wird  diese  Zahl  ihren  Eindruck  nicht  verfehlen. 
Aber  das  Gros  dieser  Zahlen  offenbart  wieder  Bs.  stilis¬ 
tische  Dürftigkeit.  K.  dagegen  hat  ein  feines  Gefühl 
dafür,  wann  Zahlen  am  Platze  sind  und  wann  nicht. 
Wir  können  das  durch  Gegenüberstellung  gut  sehen. 
Hält  er  Benoits  Zahlangabe  für  überflüssig  oder  unge¬ 
schickt,  so  läßt  er  sie  fort  B.  1304:  Oetes  küßt  seine 
Tochter  100  mal.  1764:  Jason  küßt  sie  ebenfalls  100  mal. 
2006 :  Medea  hätte  den  siegreichen  Jason  gerne  500  mal 
geküßt!  (wenn  sie  sich  getraut  hätte).  K.  9370:  „ihren 
lichten  rosenroten  Mund  küßte  Jason  güetliche .“  10127: 

„Die  kaiserliche  Frau  hielt  sich  nur  mit  Mühe  zurück, 
den  Jüngling  zu  küssen.“  —  B.  2609:  Dem  Pollux  folgen 
700  Griechen.  K.  12057  weiß  von  700  Griechen  nichts. 
—  B.  2656:  Laomedon  stürmt  mit  7000  Bittern  an.  K. 


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74 


12212  keine  Zahl  an  dieser  Stelle.  —  B.  2676:  Der  Bote 
aus  Troja  meldet:  „7000  oder  mehr  Feinde  folgen  mir! . . 
Auf  den  Mauern  der  Stadt  stehen  mehr  als  1000  von 
ihnen!“  K.  12  409  ohne  Zahlangabe!  —  B.  2707:  „1000  sieht 
Laomedon  auf  sich  zukommen  .  .  .  1000  Lanzen  senken 
sich  nieder.“  K.  12502:  vü  manic  spiez  und  manic  swert 
wart  üf  sine  schar  geweget. 

Vgl.  B.  3019:  in  der  neuen  Stadt  Troja  gabs  1000 
solcher  (schönen)  Häuser  und  mehr.  B.  4176:  Paris  fährt 
mit  3000  und  mehr  nach  Griechenland.  B.  7164:  1000 
verlieren  das  Leben,  7150:  7000  fielen  in  den  Sand, 
7220:  1000  und  mehr  der  ihrigen  ließen  sie  tot  zurück. 
8329:  Hektor  kam  veant  10000  Rittern.  8367:  Merion 
kam  devant  3000  Rittern,  u.  a.  m.  Sehr  hoch  sind  Benoits 
Zahlen  also  meist  nicht  gegriffen;  man  kann  sie  über¬ 
sehen.  Einmal  rafft  er  sich  zu  100000  auf:  Diomedes 
antwortet  dem  Könige:  „100000  sollt  ihr  wohl  gerüstet 
sehen  .  .  .“  [6389.]  Das  ist  so  ziemlich  die  einzige  Stelle, 
wo  B.  mit  Bewußtsein  seine  Zahlenangabe  macht;  sonst 
wirft  er  gedankenlos  eine  Zahl  hin,  wobei  ihm  die  „7“ 
und  „1000“  besonders  in  Gedanken  liegen.  Zu  Peleus’ 
Feste  kommen  viel  Leute,  Grafen,  Fürsten  und  Ritter, 
700  und  mehr  [B.  800].  „Die  Trojaner  verloren  in  der 
Schlacht  —  das  weiß  ich  gewiß  —  100  kühne  und  tapfere 
Ritter.“  „Achill,“  erzählt  er  [7566]  „macht  100  oder  mehr 
nieder;“  Hector  [8463]  tötet  „ungelogen“  mehr  als  15!*) 
Die  Zahl  „7“  spielt  auch  mit,  wenn  B.  erzählt:  5034: 
„Um  Agamemnon  scharen  sich  14  Könige  und  Fürsten 
oder  mehr.“  2620:  „Castor  blutete  aus  7  Wunden.“  Sinn¬ 
gemäßer  ist’s  schon,  wenn  B.  erzählt:  8514:  „Von  100 

*)  Oder  liegen  bei  so  unwahrscheinlich  ziellosen  Zahlen  Fehler 
der  Handschrift  vor,  deren  Zahlenzeichen  besonders  mißverständ¬ 
lich  waren? 


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75 


weiden  immer  30  niedergemacht“  oder  8451:  „Mehr  als 
10  schlugen  auf  ihn  ein“  oder  6245:  „Die  Pferde  des 
Ulixes  und  Diomedes  waren  prächtig;  nicht  für  1000 
Byzantiner  wären  die  Zügel  feil  gewesen“.  7  602:  „Nestors 
Zelt  war  nicht  um  100  Pfund  feinen  Goldes  gemacht 
worden“!  6379:  „Solange  ich  noch  100  Ritter  habe“,  sagt 
Priamus,  „werde  ich  mit  euch  nicht  Frieden  machen“! 
Von  der  großen  Beute,  die  man  voraussichtlich  in  Troja 
machen  wird,  heißt  es  [B.  2272]:  „Noch  1000  Jahre 
nach  unserem  Tode  werden  unsere  Kinder  und  Kindes¬ 
kinder  reich  sein  an  den  Schätzen,  die  wir  hier  erobern!“ 
Ks.  Gewissenhaftigkeit  geht  soweit,  nicht  einmal  diese 
doch  unbedenkliche  Zahl  zu  übernehmen:  11696  .  so 

führen  wir  von  hinnen  große  Schätze,  alle  unsere  Ver¬ 
wandten  werden  davon  reich  sein!“  Ganz  anders  ver¬ 
hält  es  sich  mit  folgender  Zahlangabe:  „Auf  jedem 
Hauptturme  waren  Ritter,  1000  an  der  Zahl  und  je 
7000  Mark  zum  Unterhalt“  [B.  3160].  K.  hat  das  über¬ 
nommen:  „Die  Stadt  hatte  7  Tore  [B.  „6“],  über  jedem 
war  ein  Kastell;  da  saß  ein  Herzog  mit  1000  Rittern; 
dazu  10000  (!)  Mark“  [17373].  K.  17459  und  B.  3054: 
„Der  Hauptturm  hatte  eine  Höhe  von  500  Klaftern“.  Hier 
handelt  es  sich  um  ganz  bestimmte  strategische  Angaben. 
Darin  ist  K.  sehr  genau;  allerdings  kann  ers  nicht  lassen, 
auch  da  noch  zu  überbieten.  K.  und  B.  1235:  Der 
Mantel  der  Medea  .  .  „der  seine  7  Pfund  feinen  Goldes 
wert  war“  .  .;  wiederum  die  Zahl  7!  Sehr  bezeichnend 
für  diese  Zahl  ist  folgende  Stelle:  B.  7545:  Achill  er¬ 
scheint  auf  dem  Kampfplatz,  nachdem  Hector  „7  mal  oder 
10“  am  Tage  erschienen  war.  Die  „7“  neben  der  „10“ 
zeigt  die  Vorliebe  für  diese  Zahlen.  B.  4089  erzählt: 
Pantlius  spricht  von  seinem  Vater  Euforbius,  der  „300 
Jahre“  alt  gewesen  sei.  Hier  fühlt  sich  K.  einmal  ver- 


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76 


anlaßt,  die  Zahl  nach  unten  zu  korrigieren:  19248:  „ich 
hatte  einen  Vater  —  Eufebius  —  der  war  wohl  100 
Jahre  alt.“  Das  war  angemessener  und  auch  noch  genug. 
Eine  kleine  Vereinfachung  nimmt  K.  an  folgender  An¬ 
gabe  vor:  B.  2  023;  „die  Griechen  verweilten  14  Tage  und 
einen  Monat  bei  Oetes“.  K.  10186:  „Jason  blieb  14  Tage 
da“.  [Man  beachte  wieder  die  „7“.]  Der  Meeresarm, 
den  Jason  zu  überschreiten  hatte,  war  —  B.  1803  — 
ll/2  Meile  breit.  K.  9476:  „Die  Insel  des  Widders  war 

l*/2  Meile  von  der  Stadt  entfernt“.  (S.  S.  21.)  —  Wiederum 

•  • 

entspringt  es  einer  bewußten  Überlegung  Konrads,  wenn 
er  eine  Zahl  einsetzt,  wo  B.  keine  hat.  B.  2  395:  Lao- 
medon  .  .  .  stürzt  mit  soviel  Leuten  wie  möglich  aus  der 
Stadt,  den  Griechen  entgegen.  K.  11936:  erwähnt 
30000  Mann,  mit  denen  Laomedon  auszieht.  Der  Grund 
ist  der:  Die  Griechen  müssen  zurückweichen ;  das  kann 
nur  möglich  sein,  wenn  ihnen  eine  Übermacht  gegenüber 
steht.  Daher  die  Zahl  Ks.:  „Die  Griechen  mußten  vor 
den  Trojanern  weichen ;  die  Trojaner  waren  in  der  Über¬ 
zahl:  30000  Mann!“  Andere  Zahlenangaben  Ks.:  „Hector 
schlug  500  Griechen  tot“  [35642];  „soviele  Hunderte  schlug 
er  tot“  [35726];  mit  tüsent  hundert  handen  schlugen  die 
Griechen  auf  Hektor  los  [35800].  Hector  und  Aiax 
küßten  sich  „hunderttausend  Mal!“  [37468]  Das  ist  ein 
bißchen  viel;  aber  man  sieht,  wie  K.  die  Zahlen  hoch¬ 
treibt,  und  so  allein  hat  eine  Zahl  doch  schließlich  als 
hyperbolisches  Maß  Sinn!  Wenn  bei  Benoit  1000  tot 

daliegen  und  Liebende  sich  500  mal  küssen,  so  ist  der 

•  • 

Reiz  des  Übermaßes  dahin. 

c.  Zahlen  überhaupt. 

Außer  der  Hyperbel  meidet  K.  die  Zahlen  möglichst. 
B.  1094:  Als  die  Griechen  von  Laomedon  vertrieben  wer- 


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77 


den,  erklärt  Hercules  dem  Boten:  „Heute  in  3  Jahren 
kommen  wir  wieder;  da  werden  wir  Rache  nehmen.“ 
K.  merkt,  daß  diese  Angabe  nichts  weiter  als  eine  Phrase 
ist,  die  nicht  im  geringsten  Sinn  hat.  Wie  kann  Hercules 
wissen,  wann  die  Griechen  zurückkehren;  und  warum 
gerade  erst  nach  3  Jahren?  K.  7124:  ganz  unbestimmt: 
„I-aomedon  wird  noch  den  Tag  erleben,  wo  ihn  die  Frevel¬ 
tat  gereut!“  B.  3997 :  Troilus  sagt:  „Töricht  ist,  wer  glaubt, 
er  könne  wissen,  was  heute  in  3  Jahren  geschieht“;  diese 
formelfeste  Zahl  ist  ganz  verständig;  K.  läßt  sie  dennoch 
fort.  Ebenso  B.  2971:  Als  Priamus  und  die  Seinen  das 
Unglück  (Zerstörung  Trojas)  hörten  —  „da  weinten  sie  die 
3  ersten  Tage  lang.“  K.  13252:  Keine  Zahlangabe.  B. 
schließt  die  Aufzählung  der  trojanischen  Streitkräfte  mit 
der  Bemerkung:  D.  6917:  „33  habe  ich  genannt,  von 
denen  der  Geringste  ein  König  oder  Fürst  war  mit  1000 
oder  mehr  Rittern.“  K.  24972: 


wer  mac  die  fürsten  über  al 
ze  rechenunge  bringen, 
die  man  ze  Troye  dringen 
sach  in  die  wunneclichen  stat. 
ez  müeste  sin  ein  breitez  blat, 
da  man  geschribe  ir  namen  an. 
min  zunge  ir  aller  nicht  enkan 


gedenken  hie  besunder. 
von  ritterschaft  ein  wunder 
Priande  kam  ze  stiure 
dur  strites  aventiure. 

Ouch  hete  er  selber  liute  vil, 
der  namen  ich  verswigen  wil, 
wan  ich  ir  aller  nicht  enweiz. 


„Doch  —  so  viel  sage  ich,  die  Griechen  waren  in 
••  •• 

10  facher  Übermacht.“  Diese  „Übermacht“  hat  einen 

guten  Grund.  Da  die  Trojaner  schließlich  unterliegen, 

•  • 

so  muß  die  „Übermacht“  die  Ursache  sein.  Das  hängt 

mit  Konrads  Auffassung  vom  Rittertum  zusammen.  Das 

„zehnfach“  bedeutet  eine  hübsche  Variation  von  Ks.  Zahlen- 

•  • 

angaben.  Für  das  Uberbieten  Benoitscher  Zahlen  seien 
noch  folgende  Stellen  erwähnt.  B.  10316  spricht  von 
,,2“  Monaten  Waffenstillstand.  K.  37779  macht  „3“  daraus. 


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78 


Bei  B.  2245  gibt  Peleus  „3“  Ratschläge:  1.  nehmt  Rache, 
2.  verwüstet  das  Land,  3.  holt  Beute.  Bei  K.  sagt  Telamon, 
(der  den  Peleus  hier  ersetzt)  11632:  „4  Dinge  lege  ich 
euch  ans  Herz“;  und  nun  gibt  er  3!  an:  1.  „bringt  möglichst 
viel  Leute  zusammen,  und  seht,  wieviel  auf  jeden  Fürsten 
kommen.“  2.  „Macht  euch  auf  einen  hartnäckigen  Kampf 
gefaßt.“  3.  „Wir  werden  große  Beute  machen.“ 

h.  Technik  der  Rede. 

Die  Redetechnik  ist  für  die  stilistische  Untersuchung 
von  Bedeutung.  Wie  verhält  sich  die  direkte  Rede  zur 
indirekten;  liebt  der  Dichter  Monologe,  Dialoge;  hat  er 
Trios,  Quartetts,  Quintetts?  —  Für  uns  ist  eine  solche 
Untersuchung  um  so  fruchtbarer,  als  wir  zwei  Dichter 
vergleichen  können. 

A.  Die  Rede. 

1.  Die  indirekte  Rede. 

B.  und  K.  haben  eine  Fülle  von  langen  Reden.  Das 
kann  nicht  überraschen.  Einem  Romane,  dessen  Gegen¬ 
stand  Krieg  ist,  sind  Gesandtschaften,  Versammlungen^ 
und  also  auch  Reden  natürlich.  Ob  der  Dichter  direkte 
oder  indirekte  Rede  bevorzugt,  wird  von  seinem  Tempera¬ 
mente  abhängen.  K.,  der  lebhafter,  dramatischer  ist,  wird 
die  direkte  Rede  vorziehen;  B.,  der  ruhig,  kalt  ist,  liebt 
die  indirekte  Rede. 

Z.  ß.  Peleus  sinnt  darauf,  wie  er  den  Neffen  verderben 
könne.  B.  782.  indir.:  ne  int  engin  ne  lieu  ne  tens  com  . 
poÜ8t  ...  ;  porpensa  sei  qu’il  requeirret  e  en  toz  sens 
porchaceiret  coment .  .  .  K.:  6612:  er  begunde  in  alle  uns 
dar  üf  gedenken  und  gehügen,  daz  er  . . .  (direkt)  er  dälite 
alsus:  „cerderbest  dun  so  enist  .  . sus  wart  gestellet 


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79 


sin  gedanc  dar  üfy  daz  er;  oder  Oetes  ruft  seine  Tochter 
zu  sich:  B.  1305:  comande  li  e  dit  apres  que  o  Jason  e 
Hercules  parout  par  bien.  K. :  8010  ff.  macht  einen  Dia¬ 
log  daraus:  Oetes:  ich  sage  dir ,  tohter  icaz  du  tuo,  ganc 
zuo  Jäsöne  sitzen  usw.  Medea:  eil  gerne  cater  {sprach 
si  dö).  Als  Oetes  sieht,  daß  Jason  die  Fahrt  zum 
Widder  machen  will,  redet  ers  ihm  aus  B.  1781  —  96; 
aber :  tot  quant  qu’ Oetes  li  reis  dit  prise  Jason  assez  petit 
il  ne  se  oeut  plus  atargier  de  la  eite  s’en  ist  premier. 
Das  genügte  K.  nicht;  auf  Oetes  lange  Bede  muß  Jason 
auch  etwas  sagen;  das  geschieht  bei  K.  in  Form  des 
Dialogs :  9424 : 


„genäde  herre“  sprach  der  gast 
„ir  sprechet  friuntlich  unde  wol, 
daz  ich  verschulden  iemer  sol 
mit  libe  und  mit  dem  guote. 
mir  ist  also  ze  muote, 
swaz  mir  darumbe  sol  geschehen, 


daz  ich  den  widder  wil  gesehen 
und  umb  die  wollen  ringen“. 
„So  müeze  iu  wol  gelingen,“ 
sprach  der  künic  aber  z’im, 

„vil  gerne  ich  iuwer  heil  vemim 
und  inwer  lop  vil  werder  man.“ 


Der  alte  Priamus  besucht  nach  der  Schlacht  den  ver¬ 
wundeten  Sohn  Hector.  B.  10259:  demanda  li  com  li 
esteit  K.  37710:  ,,sun,  lieber  {sagt  P.)  wie  gehabestu 
dich?  dur  got,  nü  sage  mir  unde  sprich ,  bistu  eerwunt 
iht  sere?u  Als  Priamus  das  Unglück  Trojas  vernommen 
und  den  toten  Vater  Laomedon  bejammert  und  beklagt 
hatte,  da  prist  conseil  o  sa  gent  que  la  eite  restorereit 
meillor  e  plus  grant  la  fereient  e  plus  defensable  e  plus 
fort  . .  usw.  [B.  2978].  Das  läßt  K.  den  Hector  in  direkter 
Rede  sagen :  13300  er  sprach :  ...  .  und  biuwent  iuwer 
veste  wider  und  iuwer  küniclichen  stat  . .  Nach  der 
Unterredung  der  Gesandten  (Ulix  und  Diomedes)  mit 
Priamus  kehren  sie  ins  Lager  zurück.  B.  6500:  li  mes - 

sage  lor  ont  rctrait  ensi  come  .  Hier  hat  K. 

eine  lange  Rede.  26946.  Er  wollte  nämlich  auf  Achill 


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80 


kommen:  Ulix  setzt  auseinander,  wie  es  in  Troja  stünde, 
wie  Hektor  unüberwindlich  sei ;  darum  müsse  man  einen 
Helden  finden,  der  dem  furchtbaren  Trojaner  ebenbürtig 
sei.  Das  ist  Achill.  —  Dies  alles  ließ  sich  indirekt  nicht 
wirksam  geben. 

Wenn  es  sich  aber  irgend  machen  ließ,  folgte  K.  dem 
frz.  Yorbilde  und  erzählte  wie  B.  indirekt.  B.  1255: 
bien  ot  [Medea]  enquis  e  demande  dont  eil  erent,  de  quel 
regne.  K.  7604:  (si)  begunde  tragen  lise  ir  vater,  wer 
si  weeren .  Ebenso :  B.  2010  =  K.  10132.  B.  2870  = 
K.  13120.  B.  3652  =  K.  18342.  ß.  4316  =  K.  19640. 
B.  6284  =  K.  26458.  -  Der  Modus  der  indirekten  Rede 
ist  bei  K.  fast  durchweg  der  Conjunctiv ;  auch  wenn  B. 
den  Indikativ  hat. 

Interessant  ist  es,  wenn  B.  bisweilen  von  indirekter  ohne  wei¬ 
teres  zu  direkter  Rede  übergeht:  Achill  erzählt  [B.  664BJ  com 
faitement  se  combati  c  o  quel  gent,  com  li  reis  fu  morz  e  conquis 
e  Telephus  ot  le  pais  e  tot  le  regne  quitement ,  reis  en  est  riches 
poissantment ;  del  ble  del  vivre  del  pais  nos  socorra,  qo  m’a  pramis. 
Eine  Mischung  von  direkter  und  indirekter  Rede  sind  Stellen  wie 
diese:  Castor  und  Pollux  versprecheu  Hilfe:  B.  2116:  presl  sont,  qo 
dient,  del  vengier;  ja  por  eus  ni  avra  tarjance ,  mout  en  iert  prise 
grief  venjance.  Bien  puet  estre  li  reis  süurs,  ja  si  fort  tors  ne 
si  forz  murs  r’avra  que  par  forze  nes  prengent  e  que  sa  honte  ne  li 
vengent.  Zur  direkten  Rede  palit  die  3.  Person  nicht;  der  indirekten 
widerstrebt  das  qo  dient  und  das  Fehlen  der  Conjunction. 


2.  Die  direkte  Rede, 
a.  Allgemeines. 

Hat  B.  direkte  Rede,  so  übernimmt  K.  sie,  schwellt 
sie  auf  und  erweitert  sie  mit  neuen  Motiven.  Oft  schafft 
er  nach  erzählenden  Andeutungen  Bs.  neue,  direkte  Reden 
und  gestattet  sie  möglichst  dramatisch. 

B.  erzählt:  Oetes  bewirtete  seine  Gäste  außerordent- 


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lieh  freundlich.  Denn:  1211  li  reis  es  chambres  enveia 
e  si  tramist  por  Medea.  Hier  sieht  K.  einen  Sprung;  er 
fügt  ein  begründendes  Motiv  ein:  Oetes  will  mit  der  Her- 
beiholung  der  Tochter  dem  Jason  eine  besondere  Ehre 
erweisen.  Das  setzt  der  König  auch  in  feierlicher,  direkter 
Rede  auseinander:  „Ich  freue  mich  sehr  über  deinen  Be¬ 
such,  Jason.  Ja,  ich  sah  nie  lieberen  Gast!  möht  ich  iu 
zuht  gebieten  hie ,  daz  tet  ich  uf  die  triuioe  min.  ir  sult 
gewis  der  dinge  sin,  het  ich  seltscenes  erämes  iht,  daz  ich 
des  vor  iu  bürge  niht ,  won  mir  nie  gast  so  lieber  wart- 
ich  hän  vor  mangem  man  gespart  ein  rieh  cleincete  mtnin 
jär,  daz  sol  iu  werden  offenbar  und  muoz  für  iuwer  ougen 
körnen,  min  tohter  schoene  und  üz  genomen ,  der  man  rilicher 
scelde  gibt,  diu  wirt  für  iuwer  angesiht  gefüeret  äne  zwifel 
her  [7388].  Nachdem  sich  Jason  bedankt  hat,  kommt 
Medea.  B.  1254:  Oetes  l’a  lez  lui  asise;  K.  7564:  0. 
läßt  sie  neben  sich  hinsetzen  und  stellt  sie  den  Gästen 
vor:  seht,  sprach  er  zuo  Jdsöne,  diz  int  der  beste  prisant 
den  ich  in  minem  hnse  vant  usw.  J.  antwortet  wiederum 
in  direkter  Rede.  —  Medea  fragt  nun,  wer  die  Gäste 
seien.  B.  1257;  quant  eie  certainement  sot  que  c’est 
Jason  .  .;  K.  7606:  diz  wart  der  wunnebceren  mit  rede 
von  im  gekündet :  sich,  sprach  er,  liebiu  tohter  min,  diz  ist 
Jason  von  Kriechenlunt  .  .  usw. 

Als  Jason  vor  Liebeskummer  krank  ist,  besucht  ihn 
Oetes  und  fragt  ihn  nach  der  Ursache  seines  Schmerzes; 
das  geschieht  in  Form  eines  kleinen  Dialogs.  K.  7910 
bis  944.  B.  hat  diese  Szene  nicht  Bevor  Hercules  den 
Laomedon  erschlägt,  haben  beide  eine  große  Aus¬ 
einandersetzung  in  Dialogform  [K.  12  646  bis  733]; 
B.  nichts.  Als  Paris  zum  erstenmal  die  Helena  sieht, 
lallt  ihm  sofort  ein,  das  müsse  die  von  Venus  ihm 

Verheißene  sein:  er  denkt  bei  sich  [K.  19  809]:  waz  frouwen 

6 


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mölite  diz  gesin  wan  Helena ,  diu  hünegin  .  .  usw.;  B. 
nichts  davon.  —  Trotz  seiner  Vorliebe  für  Reden  weiß  K. 
doch  Halt  zu  machen,  wenn  Gründe  der  Composition 
etwa  eine  Rede  unmöglich  machen.  B.  3209:  Priamus 
macht  den  Vorschlag,  die  Griechen  erst  zu  fragen,  ob 
sie  vielleicht  gütlich  die  Esiona  herausgeben  wollten.  Mit 
dieser  Botschaft  wird  Antenor  beauftragt;  noch  einmal 
hören  wir  den  Inhalt  der  Botschaft,  wenn  P.  dem  Ajitenor 
in  einer  Rede  seinen  Willen  auseinandersetzt  3257  .  .  .  . 
ä  ceus  dites  qui  furent  ga  s’ü  me  rendent  Esiona  usw. 
Antenor  erwidert:  3273:  go  sacheiz  bien ,  por  message  ni 
perdreiz  rien:  des  que  jo  la  en  dei  aler  ne  quier  targier 
ne  demorer.  Diese  Reden  hat  K.  weggelassen.  Nachdem 
Hector  bei  ihm  (im  Namen  der  Fürsten)  den  Rat  gegeben 
hatte:  17  903  dnz  ir  geruochent  balde  z’in  nü  senden  einen 
boten  hin  usw.,  ist  es  überflüssig,  dem  Antenor  noch  einmal 
die  Sache  vorzutragen.  Bei  K.  heißt  es  17  980:  ze  boten 
wart  er  uzgewelt  von  den  fürsten  alzehant  und  zuo  den 
Kriechen  hingesant  von  Priande  an  underbint .  Übrigens 
ist  K.  mit  direkten  Reden  auch  freigebig,  wenn  er  Ovid 
folgt.  Wie  viele  direkte  Reden  dieser  hat,  K.  überbietet 
ihn  doch:  Met.  VII  169  =  K.  10415  u.  a. 

b.  Der  Monolog. 

Ks.  Monologe  sind  dramatisch:  sie  sind  scharf  ge¬ 
gliedert;  mit  großer  Ausführlichkeit  —  oft  in  Gegensätzen 
—  werden  die  Gedanken  klargelegt.  Wenn  die  Vorlage 
nicht  ausreicht,  zieht  er  andere  heran  oder  gibt  Eigenes 
dazu.  Die  Redenden  apostrophieren  sich  stets  in  der 
1.  Person;  wie  rede  ab  ich,  vil  tumbiu,  so?  Selbst  wenn 
z.  B.  Ovid  in  der  2.  Person  die  Anreden  hat,  ändert  K.  das: 
Met.  VH.  17 :  excute  virgineo  conceptas  pectore  flammas,  si 
potes!  si  possem  sanior  essem\  K.  8656:  ich  wil  lue 


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83 


cm  mir  dräte  ir  Cd.  Liebe)  flammen  triben  al  zekant ,  diu 
min  gemüete  hat  enbrant  .  .  .  mäht  ich  ez  tuon,  ez  wcere 
guot\  ß.  bleibt  in  der  1.  Person.  Der  bedeutendste  Mo¬ 
nolog  ist  der  der  Medea:  B.  1487.  M.  ist  ärgerlich,  daß 
die  Leute  nicht  zu  Bette  gehn;  sie  erwartet  nämlich 
Jason.  Da  plötzlich  kommt  ihr  der  Gedanke:  de  quei 
me  sui  jo  entremise!  .  ...  fol  corage  e  mauvais  sem- 
blant  porreit  V  om  or  trover  en  mei  que  ci  m’estois 
ne  sei  por  quei  ....  tant  en  ai  fait  qu'or  m’en  re- 
pent.  Das  genügte  K.  nicht,  um  den  Seelenkampf  der 
Medea  wiederzugeben.  Er  holt  den  Ovid  heran.  Zu¬ 
erst  bleibt  er  noch  bei  B.  K.  8566:  Medea  ärgert  sich 
über  das  lange  Aufbleiben  der  Leute.  Dann  verläßt  er 
den  frz.  Dichter  und  folgt  Ovid.  Dieser  bringt  Metam. 
VII  10  ff.  den  großen  Medea -Monolog.  Den  hat  Ovid 

so  vollendet  erzählt,  daß  K.  im  allgemeinen  ihm  folgen 

•  • 

konnte.  Er  tut  das  auch  bis  zur  wörtlichen  Übersetzung: 

O.  12:  „Das  wird  das  sein,  was  man  Liebe  nennt!  Oder 

•  • 

doch  dem  etwas  Ähnliches!“  K.  8628:  „Ich  glaube,  was 
mich  bezwingt,  das  ist  die  Liebe  und  nichts  anderes!“ 
O.  17:  „Reiße  sie  heraus,  die  empfangenen  Flammen, 
aus  der  jungfräulichen  Brust!“  K.  8658:  „Ich  will  der 
Minne  Flammen  sogleich  aus  meinem  Herzen  treiben, 
die  mich  verbrennen,  wie  das  Feuer  dürres  Stroh!“  Das 
Bild  ist  von  K.  Jetzt  folgt  bei  O.  der  Gegenschlag: 
17:  si  potes,  infelix!  si  possem  sanior  essem!  sed  trahit 
in  vitam  nova  vis;  aliudque  cupido,  mens  aliud  suadet; 
video  meliora  proboqne  deteriora  sequor!  Dieser  Gegen¬ 
satz  reizt  _K.,  hier  wird  er  selbständig:  8660: 


wie  rede  ab  ich_vil  tumbiu  so, 
daz  ich  erleschen-wsene 
der  heizen'4minne[8p8ene 
und  ir  starken  fiures  gluot! 


möht  ich  ez  tuon,  ea  wsere  guot, 
nü  raac  sin  leider  niht  geschehen, 
ich  hän  daz  waeger  spil  ersehen 
und  daz  unwseger  ouch  da  bi. 

ü* 


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84 


waz  mir  guot  oder  schade  si,  vor  schedelicher  sweere. 

daz  hän  ich  beidez  wol  ervarn,  daz  guote  ist  mir  muntere 

und  mac  mich  doch  nicht  hie  und  daz  arge  lieber  vil. 

bewarn  .  .  .  . . 

und  8712: 

min  magetuom  mich  reizet  da  von  enweiz  ich,  waz  ich  tuo. 

üf  kiusches  herzen  sinne,  Ich  volge  ir  zweiger  rate  nach 

so  twinget  mich  diu  minne  und  ist  mir  doch  darunder  gäch 

üf  innecliche  friuntschaft :  von  ir  beider  lere. 

aus  bin  ich  worden  kumberhaft  diu  schäm  diu  wil  min  ere, 
von  zweiger  hande  leide.  diu  minne  mine  unwerdikeit. 

minn  unde  schäm  die  beide  owe  minn  unde  bliucheit, 

twingent  mich  spät  unde  vruo:  wie  tuont  ir  mir  so  leide! 

In  diesen  Erwägungen  ist  K.  ein  Meister.  Wir  haben 
noch  eine  Stelle,  wo  K.  über  denselben  lat.  Dichter  hin¬ 
ausgeht,  wenn  es  sich  um  Reflexionen  handelt.  Als 
Nessus  die  Dejanira  über  den  Strom  führt,  packt  ihn  die 
sinnliche  Lust,  sich  an  der  Frau  zu  vergreifen.  Das  er¬ 
zählt  0.  so  [Met  IX  119]:  Nessoque  parante  fallere 
depositum  ...  K.  führt  das  aus  in  längerer,  allerdings 
indirekter  Rede,  38060 ff.  Oder  in  direkter  Rede:  Jason 
bittet  die  Medea,  den  Vater  zu  verjüngen  auf  Kosten 
seines  Lebens:  Ovid,  Met.  VII  169:  Mota  est  pietate 
rogantis,  dissimilemgue  animum  sübiit  Ae'eta  relictus“ ; 
K.  10415:  Medea  diu  qedahte  dö  vil  tougen  wider  sich 
also:  wie  gar  getriuwe  dirre  man  ...  sie  stellt  Jasons 
Liebe  zum  Vater  ihrem  lieblosen  Verhalten  gegenüber 
und  ist  entschlossen,  den  greisen  Eson  zu  verjüngen. 

So  ist  K.  überall  seinen  Vorbildern  in  der  Ausführ¬ 
lichkeit  voraus ;  seine  Monologe  sind  durchweg  eingehender, 
schärfer  in  der  Entwicklung  der  Gedanken.  Was  seine 
Vorlage  andeutet,  arbeitet  er  heraus.  Man  vergleiche 
noch  den  Monolog  des  Priamus,  als  er  den  toten  Vater 
beklagt.  B.  2885:  Priamus  beklagt  in  wenigen  Sätzen  den 


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/ 


—  85  - 

Vater,  dann  die  Schande,  dann  das  niedergemachte  Volk  . . 

K.  13157:  P.  verweilt  lange  beim  Tode  des  Vaters:  „Wäre 

ich  dabeigewesen,  so  wärest  du  nicht  erlegen!  Wäre  dein 

Alter  nicht  so  entkräftigend  gewesen,  so  wärest  du  nie 

•  • 

besiegt  worden!“  Dann  zum  Volke  .  .  .  usw.  —  Ähnlich 
Achills  Klage  um  Patroclus:  B.  10335 — 10369,  K. 
38792—908  mit  einigen  Wiederholungen  und  Zutaten  auf¬ 
geschwellt.  Cassandras  Wehruf  ist  von  B.  und  K.  gleich 
erzählt  B.  4897-4928,  K.  23247-370;  B.  10421  bis  446, 
K.  38974 — 39020;  K.  überall  hier  ausführlicher.  K.  allein 
hat  einen  Monolog  des  Prothesilaus,  als  er  in  der  1. 
Schlacht  von  den  Feinden  hart  bedrängt  wird;  er  ist  von 
den  Seinen  im  Getümmel  abgeschnitten  worden  K.  25  608 ; 
B.  7123  ff.  nichts.  Dagegen  haben  ß.  und  K.  einen  Zu¬ 
ruf  des  Palamedes  ( Dolamides  bei  K.)  an  die  Seinen; 
inhaltlich  nicht  ganz  übereinstimmend:  B.  7449 — 463, 
K.  25788 — 814.  Als  Hector  den  Prothesilaus  niederge¬ 
streckt  hat,  da  beklagt  er  den  toten  Feind  [K.  26054]; 
er  bedauert,  daß  P.  durch  seine  Hand  das  Leben  ver¬ 
lieren  mußte.  Dann  spendet  er  ihm  das  verdiente  Lob. 
Bei  ß.  ist  es  der  Dichter  selbst,  der  einen  klagenden 
Ausruf  nicht  unterdrücken  kann.  Von  Paris’  Selbstgespräch, 
als  er  die  Helena  sieht,  ist  schon  gesprochen  worden. 


c.  Der  Dialog. 

Nirgends  können  wir  die  Verschiedenheit  der  Künstler 
Benoit  und  Konrad  so  gut  sehen,  wie  in  der  Technik  des 
Dialoges.  Er  ist  ein  Prüfstein  stilistischer  Kunst.  Der 
gute  Dialog  fordert  ein  zielbewußtes  Durchführen  der 
Gedanken;  er  bedarf  einer  „Spitze,“  der  alle  seine  Glieder 
zustreben  müssen.  Die  erste  Unterredung  zwischen  Jason  und 
Medea  zeigt  uns  schon  den  Gegensatz  zwischen  B.  und  K. 


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86 


ß.  1313:  M  li  dist:  „Legt  es  mir  nicht  falsch  aus,  wenn 
ich  euch  anspreche;  aber  es  gehört  sich,  daß  man  einem 
Graste  mit  Unterhaltung  und  Rat  beisteht.“  —  „Frau,“ 
sagt  Jason,  „ihr  sagt  recht“.  [Er  dankt  ihr  und  macht 
ihr  einige  Komplimente.]  „Jason“  erwidert  sie,  „wir 
wissen  wohl,  warum  ihr  hergekommen  seid:  um  des 
Vlieses  willen.  Aber  ihr  unternehmt  da  etwas  ganz 
Törichtes  .  .  .“  Sie  setzt  ihm  breit  auseinander,  warum  es 
unmöglich  ist,  das  Vlies  zu  gewinnen  [ —  1386].  Jason 
respont  come  afaitiez :  „Frau“,  sagt  er,  „ihr  braucht  mir 
keine  Angst  zu  machen;  ich  bin  nicht  hergekommen,  um 
wieder  umzukehren,  als  ließe  ich  mich  einschüchtern! 
Lieber  will  ich  sterben  als  es  unversucht  lassen!“  (Kurz, 
er  ist  entschlossen,  was  ihm  auch  begegnen  mag,  den 
Widder  aufzusuchen.)  „Jason,“  erwidert  sie,  „höre  wohl! 
Du  siehst  Dein  Verderben;  niemand  kann  Dich  vor  dem 
Tode  bewahren!  Du  tust  mir  leid;  Du  sollst  aber  hin¬ 
gehn;  wenn  ich  sicher  sein  könnte,  daß  ich  Deine  Neigung 
haben  könnte,  daß  Du  mich  zur  Frau  nähmest  und  mich 
niemals  verlassen  würdest,  .  .  .“  [dann  wollte  sie  ihm  hel¬ 
fen,  denn  außer  ihr  gäbs  keine  Rettung!  Sie  aber  verstehe 
sich  auf  Nigromantie  und  Zauberei.]  „Frau“  —  erwidert 
Jason,  „was  soll  ich  sagen?“  (Er  ist  bereit,  ihr  Treue  zu 
schwören,  sie  zu  heiraten  und  nie  zu  verlassen.)  La 
pucele  respont  a  tant :  „Nun  kenne  ich  deinen  Willen  .. .“ 
(sie  gibt  ihm  ein  Stelldichein  in  der  Nacht)  „Frau“,  sagt 
er,  „ich  bin  damit  einverstanden;  aber  laßt  mich  holen, 
ich  weiß  sonst  nicht  wo  und  wann.“  Dist  la  pucele: 
„Ciert  bien  fait.“  Das  ist  Benoits  Dialog;  die  langen 
Reden  schwächen  die  Wirkung  ab,  die  in  diesen  Gedanken¬ 
reihen  liegt.  Der  dramatische  deutsche  Dichter  hat  nun 
aus  diesen  Reden  einen  außerordentlich  lebendigen  Dialog 
gemacht.  Die  verbindenden  Glieder  der  einzelnen  Reden 


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87 


(er  sprach,  antwortete  sie  .  . .)  hat  er  schließlich  ganz 
weggelassen;  in  kurzen  Reden  und  Gegenreden  entwickelt 
sich  der  Dialog,  stellenweise  einer  griechischen  Stichomythie 
gleichend  [8039]:  zuerst  =  ß:  M.  entschuldigt  sich,  daß 
sie  ihn  anspricht.  Er  antwortet  gebührend.  Dann  be¬ 
ginnt  der  Dialog.  Man  achte  darauf,  wie  die  Reim¬ 
zeilen  so  getrennt  sind,  daß  der  Reim  immer  zur  Ant¬ 
wort  gehört;  also: 

a 

a 

b  Dadurch  erreicht  K.  eine  größere 
b  Triebkraft. 

c 

c 

Medca:  swie  selten  iuch  min  ouge  sach, 

doch  horte  ich  von  iu  wunder  sagen, 
ich  hän  da  her  in  minen  tagen 
manheite  gnuoc  von  iu  vernomen: 
da  von  weiz  ich,  daz  ir  sit  körnen 
durch  äventiure  in  disen  creiz. 
ir  wellent  aber,  goteweiz, 
hie  striten  umbe  werdekeit. 
diu  wolle,  die  der  wider  treit, 
diu  waere  iu  liep  gewunnen. 

Jason:  „ja,  frouwe,  wol  versunnen, 
ich  wolte  gerne  si  bejagen.“ 

Medea:  vriunt  herre,  so  wil  ich  iu  sagen, 
daz  ir  hie  niht  gewinnent  die! 

Jason:  „war  umb  enkan  ich  ir  niht  hie 
bejagen  noch  erwerben?“ 

Medea:  da  müezent  ir  verderben 
ob  ir  nach  ir  went  ringen. 

Jason:  „und  mac  mir  misselingen 

an  der  wollen,  vrouwe  guot?“ 

Medea :  ja,  herre  tugentrlchgemuot, 

der  schseper  kan  iu  werden  niht, 


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88 


des  läzent  alle  zuoversiht 
üf  die  wollen  guldin. 

Jason:  „wie  flieget  sich  daz,  vrouwe  min, 
daz  ich  ir  niht  gewinnen  kan?“ 
Medea:  da  lit  vil  inanic  hoher  man 
durch  si  jämmerlichen  tot. 
wan  swer  daz  golt  fin  unde  rot 
mit  strite  wil  erwerben, 
der  muoz  darumbe  sterben 
und  ein  ende  kiesen. 

Jason:  „mac  er  den  lip  Verliesen 

swer  daz  golt  bejagen  sol?“ 
Medea:  ja,  herre,  des  geloubent  wol, 
er  muoz  bi  namen  tot  geligen 
swer  an  dem  schaeper  wil  gesigen! 


Hier  bricht  der  Dialog  ab.  Jason  bittet  die  Medea, 
ihm  zu  sagen,  warum  die  Wolle  so  schwer  zu  gewinnen 
sei.  Darauf  erklärt  sie  ihm  das  in  langer  Rede  [8128  bis 
234].  Dann  folgt  wie  bei  B.  Jasons  Eheversprechen,  das 
Stelldichein.  In  dieser  Schärfe  und  dramatischen  Form 


hat  K.  allerdings  keinen  Dialog  mehr;  doch  geht  durch 
das  ganze  Buch  dieses  Streben  nach  beweglichen,  lebendigen 
Dialogen.  K.  [4776]:  der  Hirte,  der  den  Paris  einst 
aufzog,  kommt  in  die  Herberge,  um  Näheres  von  Paris 
zu  hören  [Vorgeschichte  Ks.].  K.  [4840]:  Er  fragte 
den  Wirt,  ob  am  Hofe  ein  Knappe  wäre,  mit  Namen  Paris. 


Ja“,  sprach  der  wirt  dö  sä 

[zehant, 

„eia  jungelinc  ist  komen  her 


der  hirte  sprach:  „des  fröuwe 

[ich  mich, 

wan  ich  gan  im  eren  wol. 
swie  lützel  ez  mich  helfen  sol, 
doch  bin  ich  siner  wirde  geil, 
mich  dunket  daz  ein  höhez  heil, 
daz  man  im  lop  und  ere  birt.u 


(der  Wirt:)  „war  umbeu, sprach 

[er,  „sit  ir  vrb 

durch  siniu  werdeclichiu  dinc? 

waz  get  iuch  an  der  jungelinc, 

daz  ir  im  also  günstic  sit?“ 

„her  wirt!  ich  bän  in  lange  zit 

erzogen“,  sprach  der  hirte z’im, 

„da  von  ich  sinen  pris  vemim 

mit  willecliches  herzen  ger.“ 

„ist  er  denn  iuwer  sun  ?u  s  p  ra  ch 

[er, 

daz  sagent  mir  an  allen  spot.“ 


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89 


Der  Hirt  erzählt  ihm,,  was  es  für  eine  Bewandtnis 
mit  Paris  habe. 

Vgl.  noch  einmal:  K.  7910  Oetes—  Jason;  K.  8012 
Oetes — Medea;  K.  7564  Oetes  -  Jason  ^  K.  12646  Her¬ 
cules — Laomedon;  K.  34333  Menelaus —Paris  u.  a.  m. 
Bs.  Dialoge:  1539  =  K.  8950  Medea  —  die  Alte;  1591  = 
K.  9054  Medea — Jason.  Der  große  Dialog  zwischen 
Paris  und  Helena  nach  den  Briefen  der  Ovidischen  Hero¬ 
lden  (XVI,  XVII)  zeigt  wieder  Ks.  Geschick. 


d.  Trios,  Quartetts  usw. 

Wenn  wir  von  Parlaments  u.  a.  Beratungen  absehen, 
so  finden  wir  bei  B.  keine  Scene,  in  der  mehr  als 
2  Personen  reden.  Wohl  aber  bei  K.  So  gleich  zu  An¬ 
fang  in  der  Erzählung  vom  Apfelstreit:  Jupiter  läßt  zur 
Entscheidung  des  Zwistes  den  Paris  kommen.  Es  ent¬ 
wickelt  sich  nun  ein  lebhaftes  Wechselgespräch  zwischen 
Jupiter,  Paris,  den  Göttinnen  und  den  Gästen 
[K.  1733  ff.].  Durch  solche  Scenen  gewinnt  die  Erzählung 
natürlich  außerordentlich.  Hier  tritt  das  dramatische 
Element,  das  wir  bei  K.  schon  in  den  Dialogen  erkannten, 
stark  hervor.  K.  3351:  Priamus  fühlt  das  verwandt¬ 
schaftliche  Blut  in  Paris  und  will  ihn  an  seinen  Hof 
nehmen.  Pallas  und  Juno  sind  dagegen.  Man  unter¬ 
breitet  Jupiter  die  Sache:  Juno,  Pallas,  Jupiter,  Pria¬ 
mus.  Vgl.  die  Scene,  in  der  jener  Hirt  die  Entdeckung  von 
der  Abkunft  des  Paris  macht  [K.  5060].  Hier  sprechen 
Hirt,  Hector,  Priamus,  Wirt.  (Diese  Scene  erinnert 
in  Handlung  und  Personen  sehr  an  die  Erkennungsscene  im 
„Oedipus“. )  In  den  angegebenen  Stellen  war  schon  eine 
besondere  Art  von  Reden  berührt,  auf  die  noch  mit  einem 
Worte  hingewiesen  werden  soll:  auf  die  „Chorrede“  (nach 


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90 


Schwarzkopfs  Benennung).  Wenn  eine  Menge  denkt  oder 
redet,  so  drücken  B.  und  K.  das  durch  einen  Monolog  aus, 
den  sie  in  den  Mund  Aller  legen.  Dem  siegreichen  Hektor 
ruft  „die  Menge“  zu:  B.  10210:  vez  ci  de  toz  vaülanz 
la  flor,  li  soverains  e  U  plus  proz  usw.  K.  37636: 
seht,  sprachen  fromven  unde  man ,  diz  ist,  der  uns  erlöset 
hat.,  usw.  Vgl.  nach  B.  4308,  K.  19582,  3192,  3074, 
3118,  4272. 

B.  Die  Verknüpfung  der  Rede. 

Eine  Rede  kann  auf  verschiedene  Arten  in  die  Er¬ 
zählung  eingefügt  werden.  Die  einfachste  Form  einer 
Verscrzälilung  ist,  daß  die  Rede  mit  einem  ganzen  Verse 
vorher  „angekündigt“  wird. 

B.  6290:  Ulixes  a  premiers  parle. 

„Reis  Prianz,  ne  te  salu  mie 

quar . u 

K.  19372:  und  rief  mit  leide  sunder  twäl: 

„Paris  nü  var  von  hinnen!“ 


Diese  Form  der  Ankündigung  erzielt  eine  feierliche 
Wirkung.  B.  und  K.  verwerten  sie  fast  durchweg  in  be¬ 
deutenden  Augenblicken,  in  Versammlungen  u.  ä.  Vergl. 

B.  1602;  1704;  1780;  3659  u.  ö.;  K.  390;  1861;  3118; 

•  • 

5534.  u.  ö.  Ähnlich  ist  die  Form,  'die  nach  der  An¬ 
kündigungszeile  in  der  Rede  ein  sprach  er  u.  ä.  einfügt; 
das  ist  von  B.  besonders  angewandt  worden: 

B.  3771:  Hector  respont  come  Bcnez: 

„Sire“,  fait-il,  „vos  volontez 
vueil  jo  mout  faire  .  .  .“ 

K.  20821:  ei  . . .  seite  ir  die  gebserde  eiu. 

„vernement“,  sprach  si,  „frouwe  min 

(t 


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91 


Vcrgl. :  B.  882;  1387;  1445;  2224  u.  ö.;  K.  23135; 
27612;  die  Ankündigung  kann  auch  durch  2  oder  mehr 
Verse  hindurchgehn: 

ß.  4077 :  Panthus,  uns  vassaus  mout  senez 
de  letres  sages  e  fondez, 
a  comenciee  sa  reison 
8i  que  l’oirent  li  baron: 

„Reis  sire,  oez  que  vueil  retraire 

ll 

K.  27  424 :  seht,  do  begunde  sprechen 

der  kunic  Diomedes: 

„ich  wsene,  friunt  Ulixes  .  . 

vergl.  B.  2132,  3331,  3463,  4079  u.  a.  In  solchen  langen 
Ankündigungen  fühlt  der  Dichter  oft  das  Bedürfnis,  ein 
sjrrach  er  einzufügen.  K.  sehr  oft:  760,  1782,  4455f 
6344,  6979,  7018  usw.  Weitaus  am  häufigsten  wird  die 
Rede  ohne  vorherige  Ankündigung  begonnen;  aber  durch 
ein  inquit  in  der  1.  Zeile  unterbrochen.  Diese  lebhafte 
Form  wird  gern  bei  Antworten  gebraucht: 

B.  4468:  „Or  n’  i  a  plus,“  qo  dist  Paris, 

„sempres . “ 

K.  34475:  „Diz  lobe  ich!“  sprach  dö  sä  zeliant 

der  künic  .  .  . 

B.  1063,  1321,  1401,  1429,  1456  1487  ....  K.  2022, 
2134,  3192,  3391,  3414,  5700  ....  Oder  diese  Einfügung 
steht  erst  in  der  2.,  ja  3.  Zeile;  bei  B.  wie  K.  selten. 

B.  5079:  „Ne  poeient  mie  inorir 

n’en  mer  ne  en  terre  perir“ 
ensi  distrent  la  gent  vilaine. 

K.  8057.  „Vrouwe,  ir  habent  war  geseit,“ 

sprach  der  ritter  ungemeit, 

„ez  kan  eilendem  gaste  .  .“ 

Bei  K.  kommt  die  Erläuterung  bisweilen  nicht  an  den 
Anfang,  sondern  an  den  Schluß  der  2.  Redezeile: 


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92 


K.  4870:  „her  wirt!  ich  hän  in  lange  zit 

erzogen!“  sprach  der  hirte  z’im, 

„da  von  ich  einen  pris  vernim  . 

Endlich  kann  das,  „er  sagte  .  .“  am  Beginn  des  Verses 
stehen: 

K.  6172:  Fait  Ulixes:  „Des  ore  est  lait; 

vilanie  est . “ 

K.  6630:  er  dähte  alsus  „Verderbest  dun 

so  enist  ouch  nieman  .  . 

Der  Beginn  der  direkten  Rede  kann  natürlich  ganz 
verschieden  sein:  nach  der  1.  Hebung,  oder  nach  der  2., 
3.  oder  letzten.  Das  Gewicht  der  Rede  ändert  sich,  je 
nachdem  die  Einführung  an  jener  oder  dieser  Stelle  steht: 

2798:  er  sprach:  „erweltiu  künigin, 
enphähent  diz  cleincete  rieh!  . 

Die  Rede  ist  hier  anders  betont  als  etwa: 

K.  8566:  si  sprach  vil  dicke:  „wäfen! 
waz  hat  .  . 

Durch  das  Hinziehen  der  Erläuterung  wird  das  länger  er¬ 
wartete  wäfen  hervorgehoben. 

i.  Verschiedene  Stilmittel. 

B.  hat  nicht  viel  Mittel  zur  Verfügung.  Bei  ihm  gehts 
in  einem  Tone  fort;  nur  ganz  selten  treffen  wir  einen  An¬ 
satz  zu  einer  künstlichen  Wendung,  wie  in  der  wirkungs¬ 
vollen  Revokatio:  5313:  „Der  Trojaner  kühnster  war 
Hektor;  der  älteste  Sohn  des  Priamus.  Der  Trojaner? 
Nein!  Der  ganzen  Welt!“  So  etwas  ist  so  selten,  daß  es 
für  eine  Verschönerung  des  Stils  gamicht  in  Betracht 
kommt;  es  war  früher  schon  auf  Bs.  Epitheta  mout,  grand 
hingewiesen.  Wenn  B.  erzählt:  Helena  beklagte  [4639] 
.9 on  seignor  ....  ses  freres,  sa  fille  e  sa  gent  e  sa  ligniee 


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e  ses  amis  e  sa  contree  e  son  pais,  sa  joie ,  s'onor,  sa 
richece  e  sa  beaute  e  sa  hautece,  so  halte  man  das  nicht 
für  bewußte  Stilkunst  Bs. !  Es  ist  nichts  weiter  als  unge¬ 
schickte  Aufzählung!  Wie  anders,  wenn  K.  bei  der  über¬ 
schwänglichen  Schilderung  Helenas  sagt  [19830]:  wer  mac 
den  glanz  geschouwen  der  uz  ir  varwe  schinet?  .  .  .  [rhe¬ 
torische  Frage!]  nü  gent  eht  släfen  alliu  wip  und  tuon 
sich  under  an  ir  lobe.  Helene  vert  in  allen  obe  an  ereil 
unde  an  werdekeit;  Helene  ir  aller  Spiegel  treit,  die  frouwen 
heizent  finde  sint,  Helene  ist  ein  erweltez  kint  an  herzen 
und  an  libc!  usw.  Die  Anapher  an  dieser  Stelle  ist 
äußerst  wirkungsvoll.  Vgl.  1158  ff.;  14253.  Dem  ähnlich 
ist  die  Wiederholung  der  Attribute:  20446:  ir 
muot,  ir  sin  und  ir  gedanc,  ebenso  23401;  31831  und 
sehr  oft.  Selbstverständlich  hat  K.  auch  in  Menge  die 
Allitteration.  12226:  gevellet  und  geveiget  wart  an 
der  juste  manic  man,  ebenso  907;  919;  1160;  3186; 
3950;  4732;  8196;  9673;  9747;  9798  usw.  Gehäufte  Al¬ 
litteration:  24701:  daz  läget  unde  lüzet . 

ez  forschet  unde  fraget  vil.  Dreifache  Allitteration  in 
1  Vers:  21078:  daz  wilde  wunder  weihe •  25774:  —  des 
wilden  wäges  wege.  Sehr  beliebt  sind  von  K.  antithe¬ 
tische  Wendungen:  1564:  dar  unde  dan,  her  unde 
hin,  728:  er  wart  ir  man,  si  wart  sin  wip,  si  wart  im 
trüt,  er  wart  ir  Up  8800;  8812;  23010;  25406;  25902 
usw.  Auch  Chiasmen  kennt  K.  33  136:  Anthilion  Pärise 
mit  nide  sluoc  vil  mangen  slac,  den  wol  mit  siegen  über - 
wac  Paris  Anthiliöne.  Vgl.  32016  und  sonst.  Rheto¬ 
rische  Fragen  bei  beiden  Dichtern  häufig.  K.:  1;  859; 
2164;  2362;  2538;  4026;  8567  usw.  B.:  1487;  2671; 
2753;  2893;  6008  . .  usw.  Ausrufe  B.:  2892:  hai!  bone 
chevalerie  come  estes  mortes  en poi  de  tens !  K.  sehr  viel  öfter: 
ach  got !  owe !  lieg!  u.  a.  Enjambement  hat K.  bisweilen : 


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94 


I 


25  376:  mit  bluote  er  jämmerlichen  twuoc 
kis  unde  sant.  des  meres  stade 
Trojaereo  gap  er  z*  einem  bade ! 

25451;  25830.  Sehr  auffallend:  24264. 

gar  flizecliche  bat  er  die 
göt  unde  ir  hohe  stiure. 

Vgl. ferner 25 683;  31550;  31616;  31982;  32144.  Durch 
Tautologieen  schaden  B.  und  K.  ihrem  Stile.  Von 
Beispielen  kann  abgesehen  werden.  In  der  gleichen 
Sphäre  liegen  bei  K.  die  ewigen  Wiederholungen  eines 
und  desselben  Gedankens.  K.  sagt  uns  jede  wichtige 
Bemerkung  5—6  Mal;  da  wont  ir  ivildez  wunder  bi  (d. 
Wolle  d.  Widders)  daz  den  tot  eil  manigem  tuot ;  .  .  . 
daz  dur  si  /ip  und  ere  git  ein  iegelicher  man,  der  sich 
des  wil  nemen  an  .  .  vil  manger  hat  den  Up  verlorn  •  . 
ir  mugent  wol  des  libes  onch  beroubet  werden  und  verliert 
usw.  [8128 ff.J  Das  wird  schließlich  lästig  für  den  Leser. 

Mit  vielem  Bewußtsein  schafft  also  K.  ein  großes, 
alles  umfassendes  Werk;  nicht,  wie  B.,  eine  Chronik  des 
Krieges,  sondern  einen  richtigen,  natürlich  auf  Wahrheit 
beruhenden  Roman!  Er  begnügt  sich  nicht,  uns  ein  buntes 
Bild  zu  geben,  sondern  hat  mit  fast  mathematischer  Be¬ 
rechnung  seinen  Bau  konstruiert;  Grundlage  blieb  ihm  B.; 
aber  hoch  über  ihn  hinaus  hat  er  mit  kritischem  Auge^ 
mit  großer  Belesenheit  und  peinlicher  Genauigkeit  sein 
AVerk  getürmt;  wo  er  Lücken  zu  sehen  meinte,  hat  er 
sie  mit  Eigenem  oder  Fremdem  geschlossen,  wo  er  Aus¬ 
wüchse  sah,  rücksichtslos  das  Messer  angesetzt,  in  seinen 
Schilderungen  mit  größter  Sorgfalt  darauf  geachtet,  daß 
der  Rahmen  gewahrt  blieb.  Daß  er  seine  mittelalterlichen 
Anschauungen  in  die  Trojasage  hineintrug,  das  ist  ihm 
gewiß  zu  verzeihen.  Er  war  Gelehrter  genug,  um  sich 


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Mühe  zu  geben,  Land  und  Leute  antik  hinzustellen;  daß 
seine  Griechen  und  Trojaner  schließlich  doch  deutsche 
Ritter  geworden  sind,  die  bei  Gott  schwören  und  den 
Engeln  im  Himmel  gleichen,  das  tut  seinem  guten  Willen 
keinen  Abbruch.  Aber  auch  die  innere  Durchdringung 
des  Stoffes,  seine  psychologischen  Analysen  bestätigen 
wieder,  wie  er  bemüht  ist,  die  Antike  zu  zeichnen,  und 
wie  er  doch  nur  das  Mittelalter  schildert. 


I.  Minne. 

K.  hat  das  Verdienst,  neben  dem  Hauptthema  —  Krieg 
zwischen  Griechen  und  Trojanern  —  auch  die  Minne 
oder  besser  gesagt  die  Liebe,  zum  Gegenstand  seiner 
Dichtung  gemacht  zu  haben.  Er  hat  sogar  dieses  zweite 
Thema  viel  interessanter  gelöst.  Bei  aller  Bewunderung 
für  das  Leben  und  den  Wechsel,  den  er  in  seine  Kampf¬ 
schilderungen  hineinträgt,  die  zähe,  spröde  Masse  dieses 
Stoffes  macht  er  uns  doch  nicht  flüssig.  Ganz  anders 
aber  seine  Liebesbilder!  Eine  Erzählung  wie  die 
von  Achills  Lieheslust  und  -Leid  ist  geradezu  modern. 
Mit  raffiniertester  Psychologie  erzählt  uns  K.  da  eine 
Liebesgeschichte  mit  all  ihren  Aufregungen  und  Wir¬ 
kungen  bis  zu  den  realsten  Folgen.  Und  das  gilt  von 
allen  seinen  Liebesepisoden. 

1.  Die  Art  der  Minne. 

Schon  B.  hat  unhöfische  Liebesleidenschaft  geschildert. 
Medea  liebt  den  Jason  und  kann  ihre  Blicke  nicht  von 
ihm  wenden  [B.  1261].  „Er  gefällt  ihr“  und  „sie  ihm“. 
Sie  wollen  möglichst  schnell  auch  die  Genüsse  der  Liebe 
kosten;  ja,  Medea  will,  so  sehr  die  Leidenschaft  sie 


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gefaßt  hat,  doch  nur  unter  der  Bedingung,  daß  Jason  sie 
zur  Gattin  macht,  ihm  ihre  Liebe  schenken!  Das  ist 
doch  außerordentlich  unhöfisch!  K.  folgt  nicht  nur  dieser 
Auffassung  der  Liebe,  sondern  führt  sie  noch  rücksichts¬ 
loser  durch,  diu  minne  und  der  natüre  strit  ir  zweiget 
wille  überwant,  so  heißt  es  bei  ihm  [7700];  und  ebenda: 
sie  wolle  umb  in  sich  selber  geben!  Ganz  deutlich  er¬ 
klärt  K.  die  Gegenseitigkeit  der  Liebe:  ir  muot  was  un- 
gesclieiden,  wan  ir  sin  geliche  ivac.  ir  wille  an  sime  libe 
lac  und  lac  an  ir  daz  herze  sin  [7772]  und  7868:  ir 
beider  leben  und  ir  Up  wart  so  verstricket  under  ein,  daz 
niht  anders  an  in  zwein  wan  der  state  da  gebrast . . 
(ihre  Begierden  zu  befriedigen).  Daß  die  minne  nichts 
Gemachtes,  sondern  eine  Naturgewalt  ist,  mächtiger  als 
eine  andre,  das  hören  wir  fortwährend:  Achill,  der  Löwen 
und  sonstige  grimme  tiere  überwand,  wurde  von  der  minne 
besiegt,  er  was  in  kurzen  stunden  con  ir  gewalt  also 
cerzaget . .  .  diu  minne  des  gewaltes  pfliget,  daz  nieman 
ir  mac  widerstreben  [14  730]  usw.  Wie  unwiderstehlich 
die  Kraft  der  richtigen  Minne  ist  (K.  betont  oft  die 
wahre  Minne!),  das  geht  schon  daraus  hervor,  daß  sie 
sich  an  nichts  kehrt!  si  machet  sieht  gerillte  krump  und 
die  lcrumben  sache  sieht !  lcünc  und  fürsten  nigent  ir! 
Die  Minne  ist  etwas  Hehres,  Reines;  sie  verträgt  nichts 
Unschönes,  keine  Untreue,  keine  Falschheit:  „sie  ist  wie 
Rosenwasser,  das  auch  schon  durch  einen  Tropfen  anderer 
Flüssigkeit  getrübt  wird“  [2450].  Sie  ist  auch  die  süßeste 
Wonne!  swer  niht  ir  süezen  lönes  gert  und  niht  umb 
in  kan  werben,  der  schicke  eht  umb  ein  sterben  und  tuo 
sih  lebender  scelden  abe.  swie  eil  er  anders  heiles  habe , 
er  muoz  an  fröuden  tot  geligen,  wirt  im  der  scelikeit 
cerzigen,  daz  er  niht  hat  der  minne  gutist  waz  hilfet 
den  guot  oder  kunst,  der  muotes  niht  üf  minne  treit ? 


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[2528]  u.  s.  f.  Und  wie  schnell  kommt  die  Liebe!  be¬ 
sonders  die  auf  natürliche  Weise  entstandene  [7798]. 

Es  ist  nun  zu  verstehen,  warum  K.  in  seinen  Liebes¬ 
geschichten  da,  wo  er  mit  Ovid  geht,  sich  ganz  an  dessen 
Schilderung  hält.  Ovids  Liebesauffassung  ist  die  der 
„Leidenschaft“.  Die  Liebe  zwischen  Paris  und  Helena 
z.  B.  konnte  K.  einfach  herübernehmen.  Er  hat  auch 
wenig  an  der  Vorlage  geändert.  Diese  Liebe  ist  mäch¬ 
tiger  als  alle  höfische  Sitte!  Sie  zwang  sogar  die  Medea, 
daz  si  do  liez  ir  blücheit!  [8535].  Das  ist  in  der  kon¬ 
ventionellen  Liebe  überhaupt  nicht  denkbar! 

2.  Die  Wirkung  der  Minne. 

Diese  Liebe,  deren  Feuer  wirklich  brennt,  bringt  den 
Liebenden  „Sorge  und  Unruhe“;  „Willen  und  Freiheit“ 
gibt  man  hin;  ist  die  Liebe  einmal  vil  tougenlichen  als 
ein  diep  in  das  Herz  gedrungen,  so  ist  Vernunft  und  Sinn 
„betört“.  Medea  und  Jason  gewannen  kranke  unde  tumbe 
sinne  von  liebe  [7894];  dann  kommen  der  heizen  minne 
siechtage  und  bringen  des  Leides  allzuviel.  Jason  wird 
von  der  sorgen  jämermht  bleich  und  kraftlos  [7900].  Auch 
bei  Benoit  leidet  man  mout  grant  peine  toz  les  uit  jorz 
de  la  semaine  [1291]  und  hat  nicht  Buhe  noch  Trost! 
—  Aber  K.  weiß  die  großen  und  kleinen  Schmerzen  und 
Freuden  der  Liebe  viel  wärmer  zu  beleuchten.  Durch  ein 
geschickt  eingeführtes  frisches  Bild  klärt  er  etwa  die  Situa¬ 
tion:  ir  jungez  herze  (sagt  er  z.  B.  von  Medea,  7834) 
sich  versivanc  als  der  wilde  vrie  visch,  der  ü z  dem  tiefen 
wage  vrisch  sich  ver swinget  in  ein  garn.  Vor  allem 
peinigt  die  Liebenden  quälende  Sehnsucht:  si  quälen 
unde  brunnen  tac  unde  naht  in  sender  clage  (so  oft). 
Wie  lange  dauerts  Medea,  bis  der  Abend  des  Stelldich- 

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eins  herankommt!  si  dühte,  ez  müeste  sin  ir  tot  ob  niht 
ir  wille  ergienge!  daz  der  tac  enpfienge  ein  ende  an  alle 
süme,  des  wart  von  ir  vil  küme  gebiten  und  gewartet! 
usw.  Und  wie  verzweifelt  erwartet  sie  den  allzulange  zö¬ 
gernden  Jason!  wird  ich  noch  lünaht  niht  erlöst  von 
senelicher  ungeha.be,  so  wirde  ich  morne  hin  ze  grabe  ge¬ 
frieret  und  geleitet  [8588]  und  weiter  8859:  Sus  gie  si 
kosende  allez  dö  nü  dar ,  nü  dan,  nü  sus,  nü  so  tet  si 
vil  mangen  umbekreiz.  wilent  kalt  und  wilent  heiz  wart 
ir  von  süezer  minnegir.  Wenn  ß.  die  Wirkung  der 
Minne  schildert,  so  hat  er  gar  keine  Vorstellung  zur  Ver¬ 
fügung:  B.  4768:  r Helena  kann  sich  nicht  mehr  halten 
und  bricht  in  Tränen  aus.  Paris  tröstet  sie  und  bereitet 
ihr  eine  schöne  Nacht/4  Dagegen  K.  22858:  Freude  und 
Leid  geschah  ihr  zugleich  .  .  .  Sie  sehnte  den  Augenblick 
herbei,  daß  Paris  ihr  bi  geltege  und  mit  ir  liebe  pflwge 
lieplicher  kurzewile  .  .  .  P.  sieht  es  ihr  an  den  Augen 
an,  daß  sie  von  Sehnsucht  verzehrt  wird.  Da  bat  er  sie 
um  ihre  Minne.  Sie  erbleichte  und  wurde  wieder  rot 
alsam  ein  rosenblat.  Da  riß  er  sie  an  sich,  küßte  und 
umarmte  sie  und  drückte  sie  an  seine  Brust.  Sie  litt 
es  und  sank  ohnmächtig  nieder.  Die  Liebe  schenkte 
ihnen  ihren  wunnelxeren  solt.  Denn  wie  die  Schmerzen, 
die  von  der  minne  kommen,  groß  sind,  so  sind  ihre 
Freuden  überaus  süß!  Im  Arme  des  Geliebten  ver¬ 
gißt  Helena  all  ihr  Weh  und  Leid;  und  Paris  dachte 
nicht  daran,  daß  diese  Liebe  den  Untergang  Trojas  zur 
Folge  hat!“  Zu  einer  solchen  Leidenschaft  gehört  die 
Eifersucht:  auch  ihr  wird  K.  gerecht.  Bei  üvid,  Met. 
LX  134  las  er,  wie  Dejanira  über  Hercules’  Treulosigkeit 
unglücklich  ist.  Das  übernimmt  K.  [38262] :  D.  ist  ver¬ 
zweifelt;  damit  er  die  Jole  vergäße  und  wieder  zu  ihr 
seine  Liebe  kehrte,  sendet  sie  das  verhängnisvolle  Hemd. 


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—  Daß  man  so  seine  alte  Liebe  einer  neuen  opfert,  ist 
menschlich  ebenso  einleuchtend  wie  höfisch  ausgeschlossen ! 
K.  aber  erzählt  ganz  offen  [11232]:  Die  Minne  wirt 
vil  manigem  herzen  ein  falscher  leitesterne.  minn  ist 
so  niuwegerne,  daz  ir  vertaner  viürwiz  durch  ganze  liebe 
manigen  sliz  kan  zerren  undet  brechen,  si  solte  niht 
versprechen  daz  virne  dur  daz  niuue  ....  swem 
altiu  liebe  wonet  bi,  daz  der  belibe  der  niuwen  fri,  daz 
wcere  ein  wunneclichez  dinc.  K.  mißbilligt  also  solche 
Liebesirrung,  solche  unstceteheit,  der  bösen  Folgen  wegen, 
die  er  an  Jasons  Beispiel  zeigt.  Kleine  Züge  der  „Eifer¬ 
sucht“  sind  z.  B.,  wenn  Oetes  seine  Tochter  küßt  und 
Jason  dabei  Schmerz  empfindet  [K.  8006],  oder  wenn 
Paris  Zusehen  muß,  wie  Menelaus  die  Helena  umarmt 
usw.  (teils  eigene  Gedanken  Ks.,  teils  von  Ovid  übernommen). 

3.  Sinnlichkeit  der  Minne. 

K.  bleibt  in  seiner  Liebesschilderung  keineswegs  stehn 
bei  gegenseitiger  Vergötterung  und  unerfüllten  Liebes- 
wünschen.  Die  Liebe  ist  ihm  durchaus  körperlich;  er 
beschreibt  die  Einzelheiten  dieser  minne  mit  antiker  Un¬ 
befangenheit.  7718:  Medea  betrachtet  Jasons  Glieder 
einzeln  ganz  genau;  seine  ritterliche  „Form“  beachtet  sie 
im  Herzen.  Sein  Haar,  seine  Augen,  seine  Arme  und 
Hände  ließ  sie  durch  ir  gemüete  gän.  Auch  B.  erzählt, 
wie  Medea  ne  poeit  pas  a  nesun  fuer  tenir  ses  ieuz  se  a 
lui  non.  mout  li  ert  de  gente  fagon ;  la  forme  esguarde 
de  son  cors  (Haare,  Augen  und  Gesicht).  Mund  und 
Blicke,  Kinn  und  Körper  und  Arme  sind  schön  an  ihm. 
mout  la  reguarde  en  mi  la  chiere.  —  K.  malt  die  eigent¬ 
liche  minne  ohne  Bedenken,  während  B.  nur  andeutet. 
B.  1643  Medea  und  Jason :  tote  la  nuit  se  jurent  puis , 

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ensi  com  jo  el  Livre  truis.  Die  Berufung  auf  „das 
Buch“  ist  hier  sehr  bezeichnend:  tot  nu  a  nu  e  braz  a 
braz.  autre  celee  ne  vos  faz:  se  il  en  Jason  ne  pecha, 
cele  nuit  la  despucela.  quar,  si  le  voust,  eie  autretant! 
Das  ist  doch  eigentlich  noch  ganz  abstrakt  B.  geht  mit 
Redensarten  um  die  Sache  herum.  Wie  anders  K.  Schritt 
für  Schritt  geht  er  vor,  bis  er  alles  gesagt  hat:  nü  daz 
er  disen  eit  getete}  dö  wart  in  beiden  an  der  stete  vröud 
unde  herzeliebe  kunt.  si  husten  ougen  unde  munt  ein 
ander  dicke  enwiderstrit  und  umbeviengen  bi  der  zit  mit 
blanken  armen  ofte  sich  [9127].  Soweit  bleibt  er  noch 
in  den  Grenzen  Bs.,  dann  [9140]:  diu  maget  wart  ze 
wibe  von  dem  erwelten  manne;  .  ...  si  vlähten 
sich  beid  under  ein  als  ez  gezam  der  minne:  diu  werde 
küniginne  schiet  von  ir  magetuome\  ir  kiuscheite  bluome 
wart  nach  ir  willen  abgenomen.  swaz  herzeliebe  mac  qe- 
fromen  ze  vröuden  an  der  minne  spil,  des  funden  si  da 
beide  vil  usw.  da  wart  getwungen  brust  an  brust  und 
munt  an  munt  ge/imet  wol.  Man  denke  weiter  an  die  Schil¬ 
derung,  wie  Paris  die  Helena  „zum  Weibe  macht“  [22906]. 
Nachdem  er  sie  gehalst  und  geküßt  hatte,  daß  sie  ohn¬ 
mächtig  niedersank,  da  legte  er  sie  aufs  Bett,  diu 
schcene  diu  bran  unde  wiel  von  minnen  gar  ze  gründe 
.  .  .  .  wes  mähte  Paris  langer  me  dö  biten  unde 
warten?  Er  machte  sie  also  zum  Weibe:  „unsagbare 
Wonnen  kosteten  sie;  meine  Zunge  kann  die  Freuden 
nicht  schildern,  die  sie  da  fanden  ..."  Am  deutlichsten 
ist  Konrads  Liebesschilderung  in  der  Deidamia-  Episode. 
Da  erzählt  er  mit  fast  berechneter  Deutlichkeit,  wie  Achill 
in  seiner  Leidenschaft  immer  weiter  geht;  das  Motiv  der 
Verkleidung  gibt  dem  Dichter  Gelegenheit,  die  gewagtesten 
Schilderungen  zu  geben.  Wie  harmlos  hatte  Statius  das 
erzählt !  illam  sequiturque  premitque  improbus,  illam  ocufis 


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iterumque  iterumque  resumit,  nunc  nimius  lateri  non  evi- 
tantis  inhaeret;  nunc  levibus  sertis,  lapsis  nunc  sponte 
canistris  nunc  thyrso  parcente  ferit . . .  [560].  K. :  15442  ff. 
.  15774  ff.  „er  wirft  sie  zur  Erde,  legt,  gleich¬ 
sam  als  geschehe  es  im  Scherze,  seine  Hände  auf  ihre 

Brüste; . Oft  gehn  sie  zum  Bache;  „Zeige  mir 

doch  deine  Füße!“  sagt  er  zu  ihr;  und  so  schaut  er  ihre 
weiße  Haut.  Mit  den  Händen  hebt  er  ihr  das  Gewand 
auf  und  greift  hin,  wo  er  will“  usw. 

4.  Minne  und  Ehre  im  Konflikt 

K.  ist  ein  Meister  psychologischer  Tüftelei.  Jeder 
Schritt  seiner  Personen  wird  nach  allen  Seiten  beleuchtet; 
jeder  Entscheidung  gehn  die  genauesten  Erwägungen 
voraus,  Motive,  eventuelle  und  wirkliche  Folgen,  moralische 
Bedenken,  praktische  Rücksichten,  kurz,  alles  wird  ge¬ 
hörig  besprochen,  mit  allgemeinen  Weisheiten  begründet 
und  bis  auf  den  letzten  Rest  aufgearbeitet.  Diese  Eigen¬ 
art  Ks.  zeigt  sich  vor  allem  in  den  Scenen,  wo  Liebe 
und  Pflicht  im  Streite  liegen.  K.  entscheidet  sich  allemal 
für  die  Liebe;  Medea  und  Helena  und  Deidamia  kämpfen 
sehr,  doch  die  Kraft  der  Minne  ist  größer.  Diesen  Seelen¬ 
kampf  zu  schildern,  ist  für  K.  ein  wahres  Fest.  B.  kommt 
auch  da  nicht  mit  dem  geistreichen  deutschen  Meister 
mit.  B.  1496:  Medea  zu  sich:  certes  mout  a  en  mei  folor: 
de  quei  me  sui  jo  entremise?  ...  fol  corage  e  mauvais 
semblant  porreit  Vom  or  trover  en  mei,  que  ci  m'estois 
ne  sai  por  quei . . .  que  faz  jo  ci  ne  cui  atent  ?  tant  en 
ai  fait  qu'or  m’en  repent .  Das  ist  überhaupt  kein  Seelen¬ 
kampf.  K.  genügte  das  nicht;  er  zieht  Ovid  heran, 
Met.  VII  10  ff.  Aber  auch  Ovid  reicht  nicht  aus  und 
er  gibt  Eigenes  dazu.  Ovid  10:  et  ludata  diu  postquam 


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102 


ratione  furorem  non  poterat.  K.  8589:  „Da  ward  die 
Schöne  gewaltig  in  Sorgen  und  in  Gedanken  gebracht. 
Dies  und  das  bedachte  sie  in  ihrem  Herzen.  Gern 
hätte  sie  sich  des  Mannes  und  der  Minne  erwehrt.  Mit 
ihrer  Keuschheit  kämpfte  sie:  mit  Herzen  und  mit 
Leibe  wollte  sie  von  ihm  los.  Und  doch!  Je  mehr 
sie  sich  von  ihm  wenden  wollte,  um  so  mehr  sehrte  die 
Minne  ihr  Herz.  Sie  kämpfte  mit  sich  selbst  in  großer 
Qual  .  .  .“  Jetzt  folgt  er  im  allgemeinen  Ovid.  Dann 
wieder  selbständig  8712:  „Meine  Mädchenehre  weist  mich 
auf  Keuschheit  des  Herzens,  und  die  Minne  zwingt  mich 
zu  inniger  Freundschaft.  Zwiefacher  Leideskummer  hat 
mich  betroffen.  Minne  und  Scham  bedrängen  mich  spät 
und  früh.  Ich  weiß  nicht,  was  ich  tun  soll;  nach  beiden 
ziehts  mich  hin:  die  Scham,  die  will  meine  Ehre,  die 
Minne  meine  Schande,  owe  minne  unde  bliucheit  wie 
tuont  ir  mir  so  leide !u  Dann,  nach  Weglassen  einiger 
nicht  brauchbarer  Stellen,  folgt  er  nur  wenig  noch  Ovid 
(O.  62).  Zuletzt  wieder  ganz  Eigenes:  K.  8794:  mit 
zweiger  hande  muote  begriffen  was  ir  herze  .  .  .  und 
wieder  wirft  sich  K.  in  einen  Strom  von  Reflexionen. 
Dieselben  weitschweifigen  Auseinandersetzungen  lesen  wir 
von  Helena:  K.  22858:  „Glaubt  nur,  daß  ihr  da  Wohl  und 
Wehe  zugleich  geschah:  Wehe,  daß  sie  Ehre  und  Gatten 
verlor;  Wohl,  daß  sie  Paris  zum  Freunde  gewann“;  u.  s. 
wiederholend:  „Die  hohe  Frau  litt  Leid  und  Freude  zu 
gleicher  Zeit“ ;  und  noch  einmal :  „Sie  war  betrübt  und  er¬ 
freut  zu  einer  Zeit“ ;  und  wiederum:  „In  ihrem  Herzen  war 
ein  Streit  zwischen  Liebe  und  Leid“ ;  und  so  noch  weiter. 
Während  K.  hier  nichts  als  Wiederholungen  bringt,  hat 
er  den  Medeamonolog  viel  besser  durchgeführt.  Man 
könnte  zu  dem  Schlüsse  kommen,  daß  K.  eben  nur  da 
in  seinen  psychologischen  Auslassungen  geschickt  ist,  wo 


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103 


er  einem  großen  Vorbilde  folgen  kann.  Dem  ist  aber 
nicht  so,  wie  die  Deidamiascenen  beweisen:  Achill 
steht  vor  der  Entscheidung:  er  muß,  koste  es,  was 
es  wolle,  die  Minne  des  Mädchens  erringen:  K.  nicht 
nach  Statius  [16560]:  hat  in  der  Minne  wäfen  da 
langer  iht  verseret ,  daz  müest  im  sin  verkeret  von 
allen  werden  hüten.  Hier  spricht  K.  ganz  deutlich 
aus,  daß  man  in  Fällen,  wo  man  zwischen  Liebe  und 
Pflicht  zu  wählen  hat,  ohne  Bedenken  seinem  Herzens¬ 
triebe  folgen  soll.  Das  beweist  er  mit  einer  Phrase,  die 
eigentlich  nicht  recht  hierher  paßt:  „"Wer  etwas  vorhat, 
wobei  er  mit  einem  kühnen  Schritte  sich  Leides  ersparen 
kann,  der  zögere  nicht!  [16571.]  wan  ob  er  langer 
Inten  wil  durch  zegelichen  sin,  ich  fürhte ,  er  neme  den 
ungewin,  daz  sin  wille  niht  geschehe,  ich  rate,  ob  er  die 
state  sehe,  diu  minneclicher  sache  tilge  und  im  sin  leit 
geringen  möge,  daz  er  sich  niht  ensume!  Läßt  er  sich 
die  Gelegenheit  entgehn,  wer  weiß,  ob  sie  sich  ihm  so 
leicht  wieder  bietet!“  Und  so  redet  Achill  lange  noch 
bei  sich:  endlich  führt  er  sein  Vorhaben  aus;  nun  ist  es  an 
Deidamia,  Bedenken  gegen  solch  ein  Gebahren  zu  äußern: 
schäm,  sagt  sie,  ist  ein  kröne  reiner  tugent ,  diu  wibes 
lop  beschauet  und  werde  vrouwcn  krcenet  an  herzen  und 
an  libe.  kein  tugent  stät  dem  wibe  so  wol  so  vrouwelichin 
schäme  [16772]  usw.  Sie  bittet  ihn  also  mit  allem 
Nachdruck  —  sie  würde  sogar  dem  Vater  Mitteilung 
machen  —  von  ihr  abzulassen.  Aber,  sagt  Konrad,  [16979] 
sie  tet  aJs  al  die  megde  tuont,  die  sich  von  erst  be- 
ginnent  wern.  .  .  .  ungeme  wart  si  niht  sin  wip  und 
iverte  sich  doch  vaste  sin  und  nun  echt  Konradisch:  „Sie 
dachte,  es  ist  nicht  so  schlimm,  wenn  ich  seiner  Gewalt 
unterliege,  als  wenn  ich  zu  ihm  sagte:  „Vollende  Deines 
Herzens  Gier  an  mir!“  si  wolte  gerne  stillen  sin  trüren 


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mit  ir  giiete  und  machen  sin  gemüete  vil  höher  wunne 
riche.  doch  tet  si  dem  geliclie  sam  si  niht  gerne  scehe,  daz 
an  ir  da  geschehe  sin  wille  und  sines  herzen  ger.“ 


II.  Rittertum. 

Hat  sich  K.  sonst  bemüht  die  Szenerie  des  orienta¬ 
lischen  Altertums  zu  wahren,  so  hat  er  in  der  Zeichnung 
seiner  „Ritter“  sicher  nicht  daran  gedacht,  sie  dem  an¬ 
tiken  Rahmen  anzupassen.  Auch  seine  Kämpfer  und 
Helden  sind  eben  höfische' Ritter;  Hektor  und  Achill, 
Jason  und  Herkules  sind  typische  Kronen  der  Ritterschaft. 
Soweit  ist  auch  Bs.  Auffassung  dieselbe.  Aber,  während 
es  bei  dem  französischen  Dichter  nicht  ausgeschlossen  ist, 
daß  seine  Ritter  auch  Mängel  und  Schwächen  haben 
(schon  rein  äußerlich,  wie  wir  uns  erinnern),  so  ist  das 
bei  K.  nicht  nur  unmöglich,  sondern  er  geht  in  der  V  er- 
herrlichung  seiner  Helden  soweit,  daß  es  ihm  schon 
Schwierigkeiten  macht,  zu  schildern,  wie  ein  Ritter  dem 
andern  unterliegt.  Wenn  er  schon  (den  Laomedon  etwa) 
einen  Helden  unter  dem  Schwerte  des  Gegners  fallen 
sehen  muß,  so  entschuldigt  er  diese  Niederlage  mit  so¬ 
viel  Gründen,  daß  das  Peinliche  der  Situation  nicht  zu 
merken  ist. 


1.  Der  Ritter  selbst. 

Ein  Konradischer  Ritter  ist  allemal  der  schönste  und 
tapferste,  der  je  gelebt  hat;  er  hat  schon  viele  Helden¬ 
taten  hinter  sich,  bevor  wir  ihn  kennen  lernen.  —  Man 
denke  an  Jason,  dessen  Heldentaten  so  berühmt  sind, 
daß  Medea  schon  verliebt  in  ihn  ist,  bevor  sie  ihn  ge¬ 
sehen  hat.  Als  Herkules  zuerst  auftritt,  sagt  B.  971: 
„mit  ihnen  zusammen  fährt  Hercules,  ein  naher  Verwandter 


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des  Jason.“  K.  stellt  ihn  uns  vor  mit  seinen  Taten  [6868]: 
„ein  Ritter,  Herkules,  fuhr  mit:  er  war  sein  Mage  und 
hatte  viel  Wundertaten  verrichtet.  Wie  ich  von  ihm  ge¬ 
lesen  habe,  so  hat  er  viel  starke  Riesen  bezwungen,  große 
Taten  der  Ritterschaft  hat  er  ausgeführt.  Meerwunder 
und  Drachen  hat  er  besiegt;  er  galt  für  einen  auser¬ 
wählten  Ritter.  Alles,  was  zur  frumekeit  nötig  war, 
besaß  er.“  —  Nie  rastender  Ehrgeiz  treibt  den  Ritter 
von  Taten  zu  Taten;  nur  die  Ehre  hat  er  dabei  im 
Sinne;  (Wenn  bei  B.  Jason  aus  Gewinnsucht  die  Fahrt 
nach  dem  Widder  unternehmen  will,  so  ist  das  für  K. 
eine  Unmöglichkeit.  B.  847 :  Peleus  will  ihm  die  Hälfte 
seiner  Herrschaft  abtreten,  wenn  er  das  goldene  Vlies 
gewönne.  „Was  du  auch  immer  wünschen  wirst,  das 
will  ich  dir  geben!“  Jason  läßt  sich  zur  Fahrt  be¬ 
stimmen  durch  die  Aussicht  auf  diesen  Lohn.  855:  „er 
hört  das  Versprechen,  hört,  was  er  bekommen  soll“.  874: 
„Das  Versprechen  hörte  er,  das  große  Geschenk  vernahm 
er.“  Er  ist  gewillt,  die  Fahrt  zu  unternehmen;  nebenbei 
hofft  er  auch  ein  wenig  Ehre  dabei  zu  gewinnen!  872/73. 
—  Von  dieser  Belohnung  ist  bei  K.  keine  Rede.  Peleus 
stachelt  den  Ehrgeiz  des  Neffen  an:  „Du  bist  der  beste 
Ritter!  Nur  eins  fehlt  dir  noch,  ganz  vollkommen  zu 
sein!“  [6634],  nämlich  das  goldene  Vlies:  und  swie  dir 
nü  gelingen  mac  an  dem  rilichen  tiere,  so  muoz  din  name 
schiere  vür  alle  kiinige  werden  erhoeliet  üf  der  erden; 
und  Jason  antwortet:  „Ein  elender  Feigling  wäre  ich, 
holte  ich  aus  Furcht  das  Vlies  nicht,  wenn  soviel  Ehre 
dabei  zu  verdienen  ist!  —  Ich  will  den  Schäper  holen 
und  siegen  oder  tot  um  seinetwillen  dahegen.“  —  Wie  scharf 
hat  K.  die  Szene  gemalt,  wo  Ulix  und  Diomed  den  Achill 
durch  Anstacheln  seines  Ehrgeizes  hinreißen,  mit  nach 
Troja  zu  kommen  (nach  Statius). 


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Neben  der  Ehre  ist  es  die  Frau,  um  die  der  Ritter 
Leib  und  Gut  wagen  muß.  so  muoz  ein  ritter  durch 
diu  wip  und  unib  sin  selbes  ere  lip  unde  guot  vil  sere  an 
strite  wagen  alle  frist  [19150].  B.  an  dieser  Stelle: 
Troi'lus:  peine  e  travail  por  pris  aveir  itel  vie  devons 
aveir  [4011].  Ja,  solcher  Ruhm  ist  das  Höchste,  was 
man  erringen  kann:  „Es  ist  wirklich  wahr,  Ruhm  macht 
die  Männer  wert  ...  lop  zieret  unde  blüemet  mit  eren 
werder  manne  lip  und  reizet  höhgeborniu  wip  uf  herze- 
licher  liebe  trift “  [K.  7642].  Von  Jason  sagt  KL  —  das 
gilt  für  sämtliche  Ritter:  —  „Diesem  auserwählten  Ritter 
mißlang  nie  etwas;  ein  so  trefflicher  Held  war  er  des 
libes  und  des  herzen ,  daß  er  nie  Angst  noch  Tod 
fürchtete,  wo  es  galt  das  Leben  zu  wagen  durch  ganze 
wirde  höh“  [6534].  In  dieser  Beziehung  ist  die  Schilderung 
des  Kampfes  zwischen  Jason  und  den  Tieren  sehr  lehrreich. 
Bei  B.  ist  von  einem  Kampfe  überhaupt  nicht  die 
Rede:  Jason  geht  auf  die  Rinder  los,  das  Feuer  ver¬ 
nichtet  seinen  Schild.  Da  wirft  er  den  Zauberleim  in 
die  Nüstern  —  und  der  Kampf  ist  zu  Ende  [1907]. 
Bei  K.  ist  das  anders;  so  ohne  Anstrengung  kommt  Jason 
nicht  davon;  er  kämpft  einen  gewaltigen  Kampf  mit  den 
Farren;  obwohl  er  nicht  durch  die  dicke  Haut  der  Untiere 
durchdringt,  so  versucht  er  doch,  ob  er  mit  siegen  etewaz  an 
in  geivinnen  mähte,  swie  lützel  es  im  töhte,  doch  tet  er,  swaz 
er  solle,  wird  unde  pris  er  wolle  an  arbeit  niht  verschulden 
[9706].  Hier  ist  die  Anstrengung  Jasons  gar  nicht  angebracht, 
schließlich  gibt  die  Anwendung  des  Leimes  doch  den 
Ausschlag.  —  Diese  Vollkommenheit  des  Ritters  schließt 
jeden  Mangel,  jede  Schwäche  aus.  AVenn  B.  8165  ff.  den 
Achill  nicht  mit  aufzählt,  weil  er  „nicht  auf  dem  Posten 
war“,  so  wäre  das  hei  K.  unmöglich;  (diese  Scene  konnte 
auch  aus  Gründen  der  Composition  von  K.  nicht  übernommen 


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werden,  weil  bei  ihm  Achill  an  dieser  Stelle  noch  nicht 
auftritt).  Einen  Ritter  wie  Achill  aus  Unpäßlichkeit  vom 
Kampfe  auszuschließen,  ist  für  K.  undenkbar.  Von  der¬ 
gleichen  Aeußerlichkeiten  wird  ein  Held  nicht  bezwungen ; 
so  ein  Ritter  wird  überhaupt  nie  besiegt;  wenn  aber  der 
Verlauf  der  Geschichte  einmal  einen  Rückzug  verlangt, 
dann  muß  er  mit  gewichtigen  Tatsachen  begründet 
werden.  So  müssen  in  der  ersten  Schlacht  vor  Troja 
die  Griechen  einmal  weichen.  B.:  le  champ  lor  covint  a 
guerpir  jusqu’  a  la  mer  ne  tindrent  place ,  assez  per dir  ent  en 
la  chace  [2662].  Das  ist  für  B.  nicht  weiter  bedenklich,  aber 
für K.peinlich ; zunächst  bemerkter  [12296]:  wan  si  Troicere 
entsäzen  der  drizic  tüsent  ritter  was!  Dann  sagt  er  von  dem 
großen  Verluste  auf  der  Flucht  kein  Wort.  Die  30000 
hatte  er  übrigens  vorsorglich  schon  vorher  angezeigt 
[11936]:  wol  drizic  tüsent  man  bereit  (kehrten  mit  Lao- 
medon  aus  Troja).  —  Als  Priamus  den  Paris  nach 
Griechenland  schickt,  sagt  er  zu  ihm:  „Wenn  es  euch 
nicht  gelingt,  die  Esiona  zurückzubringen,  so  kommt 
wieder,  dann  werde  ich  euch  Hilfe  bringen“  [B.  4202].  K. 
läßt  die  Möglichkeit  eines  Mißerfolges,  sodaß  Paris  Hilfe 
brauchte,  gamicht  zu  [19406].  Also  schon  den  geringsten 
Anschein  einer  Schwäche  der  Ritter  vermeidet  K.  Da¬ 
rum  kann  er  auch  Bs.  Grund  nicht  annehmen,  daß  die 
von  Laomedon  bedrohten  Griechen  fortziehen,  „weil  sie  nicht 
wagten  zu  bleiben“  [B.  1127].  K.  sagt  dafür  [7196]:  „sie 
hatten  nur  keine  Zeit,  sonst  hätten  sie  dem  Laomedon  schon 
etewaz  getan  .  .  ze  leide.  Jason  wollte  nämlich  erst  die 
Sache  erledigen,  um  derentwillen  er  ausgezogen  war. 
Darum  schob  er  die  Rache  auf  die  Rückfahrt  auf'  (was 
ein  sehr  schwacher  Grund  ist;  denn  so  etwas  pflegt  ein 
Ritter  gleich  in  Ordnung  zu  bringen).  Aber  wir  können 
K.  begreifen,  wenn  er  die  klägliche  Haltung  Jasons  im 


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Drachenkampfe  bei  ßenoit  nicht  übernommen  hat.  Jason 
[B.  1945]  hat  solche  Angst,  daß  ihm  das  Blut  aus  dem 
Munde  rann!  Das  paßt  garnicht  hierher;  Jason  war  doch 
gefeit  gegen  das  Untier!  B.  erzählt  selbst,  wie  Jason 
vor  dem  Kampfe  Salbe,  Figur  und  Ring  benutzt 
[1929].  Bei  K.  macht  Jason  erst  von  dem  Ringe  Ge¬ 
brauch,  als  ihn  der  Drache  zu  Falle  bringt ;  trotzdem  ist 
auch  von  Furcht  keine  Rede  bei  ihm!  K.  schildert 
einen  heißen  Kampf  zwischen  Jason  und  dem  Untiere 
[9855].  Auch  die  Benoitsche  Bemerkung:  „nach  dem 
Kampfe  wollte  Jason  nicht  länger  warten,  um  anderem 
Unheile  zu  entgehen“  [1965],  läßt  K.  fort  Ein  Ritter, 
der  eben  den  Drachen  bezwungen  hat,  brauchte  „anderes 
Unheil“  nicht  zu  fürchten. 

So  steht  denn  der  Ritter  ohne  Furcht  und  Tadel  da:  un- 
besieglich,  und  ohne  Makel;  alles,  was  sein  Verdienst  nur 
irgendwie  herabsetzen  könnte,  wird  von  K.  vermieden.  Sogar 
das  Eingreifen  der  Götter  wird  zurückgewiesen,  wenn  dadurch 
dem  Ruhme  des  Ritters  etwas  abgenommen  wird.  B.:  „Die 
Leute  erstaunen  über  das  goldene  Vlies,  das  Jason  ge¬ 
holt  hat:  sie  sagen,  es  sei  chose  faee  .  .  .  wenn  die  Götter 
nicht  gewollt  hätten,  so  wäre  es  einem  Menschen  nie  ge¬ 
glückt,  das  Vlies  zu  gewinnen“  [1994].  K.  läßt  das  fort: 
man  hörte  im  ganze)'  wir  de  jehen  und  hoher  mannes 
krefte.  von  siner  ritterschefte  von  vröuden  vil  geweinet  wart 
[10 102].  Ja,  selbst  bis  zu  den  unbedeutendsten  Kleinig¬ 
keiten  legt  K.  seinen  kritischen  Blick  hinein:  Pollux 
schlägt  den  Eliachim  nieder;  von  dem  sagt  B.:  „jung 
war  er,  von  wenig  Jahren“  [2627].  Es  könnte  nun 
so  scheinen,  als  ob  es  grade  kein  Meisterstück  gewesen 
wäre,  so  einen  Knaben  zu  bezwingen:  Darum  läßt 
K.  diesen  Zusatz  weg  [12075  ff.].  —  Daß  Ritter 
weinen  und  klagen,  das  ist  völlig  unstatthaft:  „Man 


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soll  den  Sorgen  mit  hohem  Mannesmute  widerstreben! 
Wie  steht  das  einem  Ritter  an,  so  blcedecliche  zu 
tun  ?  Verkehrt  ist  es,  den  Verlust  mit  Klagen  noch 
zu  begleiten!  Nein!  Fröhlich  sein  vor  den  Leuten 
und  doch  sein  Herzeleid  sich  so  nahe  gehen  lassen,  daß 
man  auf  Rache  sinnet  —  das  ist  eines  biderben  unde 
vrechen  Mannes  würdig!“  [23472];  die  wisen  hcere  ich  alle 
jelien,  daz  trüren  harte  wenic  tüge  und  nieman  überwinden, 
möge  mit  clage  einen  smerzen  usw.  „Weinen  ist  zweck¬ 
los,  Rache  nehmen  ist  nötig!  witz  unde  starkiu  ritter- 
schaft  muoz  uns  trüren  biiezenil  spricht  Agamemnon  bei  K. 
An  dieser  Stelle  läßt  auch  Benoit  den  A.  ähnlich  sprechen: 
B.  „Die  berühmten  Männer  der  alten  Zeit  .  .  .  gewannen 
ihren  Ruhm  nicht  durch  Klagen,  Weinen  und  Jammern, 
sondern  sie  nahmen  Rache,  wenn  ihnen  jemand  Leid  zu¬ 
gefügt  hatte.  So  müssen  Ritter  handeln!“  [4953]  usw. 
Als  Troja  zerstört  war,  da  „weinte  und  klagte  man  drei 
Tage  lang“  [B.  2971].  K.  fügt  hinzu:  „Hektor  weinte 
nicht!  sin  muot  begunde  ersteinen  in  ritterlicher  frume- 
keit.u  Er  wollte  nicht  im  Leide  verzagen,  sondern  sich 
rächen!  „Trauern  hilft  jetzt  nichts“,  sagt  er  zu  seinem 
Vater  Priamus,  „kühne  Helden  dürfen  im  Unglücke  nicht 
verzagen.  Denkt  lieber,  wie  wir  uns  bei  Gelegenheit  für 
den  Schaden  rächen!“  [13  290].  Wenn  Zeit  und  Gelegen¬ 
heit  ist,  darf  man  auch  einen  toten  Helden  beklagen. 
Achill  beweint  den  gemordeten  Freund,  setzt  aber  hinzu, 
daß  er  dessen  Tod  blutig  rächen  wolle.  Ebenso  beklagt 
Prothesiläus  laut  jammernd  das  Schicksal  der  gefallenen 
Freunde  und  schwört  Rache  für  ihren  Tod  [25608].  — 
Forderte  der  Verlauf  der  Ereignisse,  daß  ein  großer 
Ritter  unterlag,  so  wußte  K.  sich  geschickt  aus  der  pein¬ 
lichen  Situation  zu  retten.  Hercules  und  Laomedon 
kämpfen,  niuwan  ein  tcetlich  wunde  diu  miieste  bi  der 


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stunde  ir  zweiger  vehten  understcin  ...  [12  759].  Lao- 
medon  mußte  —  so  forderte  es  die  Geschichte  —  unter¬ 
hegen.  K.  muß  also  einen  einleuchtenden  Grund  suchen, 
das  zu  erklären:  ,.Laomedon  war  immer  ein  tüchtiger 
Ritter  gewesen;  er  hätte  den  Hercules  sicher  erschlagen, 
tv an  daz  in  daz  alter  mit  ncete  manicvalter  beroubet  hete 
slner  jugent.  wcer  im  geswachet  niht  sin  tugent  von  langer 
zite  stunden ,  er  hiete  in  überwunden  und  üf  den  plan 
gevellet  nider.  nü  waren  alliu  siniu  lider  gekrenket  von 
der  gare  zale  so  vaste ,  daz  er  üf  dem  wale  niht  langer 
mohte  sich  gewern  [12  780]  und  nun  kommt  noch  eine 
Lobrede  auf  Laomedon;  ,ja,  der  König  schlug  einen  so 
guten  Hieb,  daß  er  den  leidigen  Widersacher  fast  getötet 
hätte!  Leider  ging  der  Schlag  fehl,  sonst  wärs  um  Her¬ 
cules  geschehen  gewesen!“  Wenn  L.  doch  sterben  mußte, 
so  kam  es  nicht  darauf  an,  ihn  erst  noch  gehörig  heraus¬ 
zustreichen.  Dieses  psychologische  Kunstmittel  ist  von 
K.  sehr  hübsch  ausgeklügelt.  Damit  auch  kein  Zweifel 
bestehe,  läßt  K.  den  Priamus  noch  einmal  sagen:  ich 
weiz  wol,  höhgelopter  degen,  daz  du  dich  wertest  harte 
e  dich  din  wider  warte  gar  sigelos  geta-te.  ob  niht  daz 
alter  hivte  daz  ellent  din  geswachet,  so  miieste  sin  er- 
krachet  vor  diner  hende  manic  man ,  e  man  dich  toten 
hate  dan  gefiieret  von  der  beide  .  .  .  [13  174].  —  Ganz 
ebenso:  als  Hector  auf  Achill  losrennt,  fällt  erst  Achill 
unter  dem  Anstürme  Hectors  [K.  39330];  hier  sagt  B. 
10643:  „beide  fielen  ins  Gras,“  und  noch  einmal  wirft 
Hector  den  Achill  aus  dem  Sattel  [K.  39  490] ;  B.  10  695 
ebenso.  K.  schont  den  Hector,  der  ja  schließlich  unter 
Achills  Waffen  erliegen  wird.  —  25556:  Der  Trojaner 
Philemenis,  der  von  Ulixes  getötet  wird,  kann  sich  vor 
seiner  Niederlage  noch  einmal  auszeichnen  (K.  gegen  B., 
der  den  Ph.  gleich  erschlagen  läßt). 


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—  111  — 

2.  Der  Ritter  und  sein  Feind. 

Persönliche  Tapferkeit  und  Streben  nach  Ruhm  und 
Ehre  genügen  nicht  zur  Vollkommenheit  eines  Ritters. 
Auch  die  Noblesse  gegen  den  Feind  gehört  dazu.  Die 
Anerkennung  der  Tüchtigkeit  des  Besiegten  ist  mindestens 
so  schön  wie  der  Sieg  selbst.  Wie  vornehm  steht  es 
Hector  an,  wenn  er  dem  erschlagenen  Prothesiläus  einen 
würdigen  Nachruf  hält:  „Daß  Ihr  von  meiner  Hand 
sterben  mußtet,  das  wird  mich  ewig  erbarmen!  Kein 
Ritter  kann  sich  je  an  Ehren  mit  Euch  messen!  Ihr 
habt  Euch  mit  solchen  Kräften  gewehrt,  daß  Euer  leuch¬ 
tender  Preis  immer  emporsteigen  wird“  [K.  26056]. 
Bei  B.  hält  nicht  Hector  diesen  Nachruf,  sondern  der 
Dichter  selbst.  Daß  K.  diese  Worte  dem  Hektor  in  den 

Mund  legt,  beweist  wieder,  wie  bewußt  er  künstlerische 

•  • 

und  psychologische  Änderungen  vornimmt. 

Vor  allem  wird  oft  betont,  daß  der  Kampf,  in  den 
ein  Ritter  geht,  ein  gerechter  sein  muß.  Dazu  gehört, 
daß  eine  „Widersage“  erfolgt  ist.  Es  ist  unfair,  ohne 
eine  solche  den  Krieg  zu  eröffnen;  ein  Kampf  ohne  Wider¬ 
sage  ist  ein  räuberischer  Überfall  und  kein  ehrlicher 
Kampf.  So  wirft  Laomedon  dem  Hercules  vor,  daß  die 
Griechen  ihm  nicht  „widersagt“  hätten.  Hercules  erkennt  an, 
daß  der  Vorwurf  zuträfe,  wenn  es  der  Fall  wäre.  Aber  dem  ist 
nicht  so!  Und  nun  setzt  H.dem  Laomedon  in  echtkonradischer 
Dialektik  auseinander,  wie  die  Widersage  doch  erfolgt  sei: 
K.  12686:  Laomedon:  „Ihr  habt  mir  gar  nicht  widersagt! 
Heimlich  wie  Diebe  habt  ihr  mir  meine  Stadt  gestohlen, 
statt  mir  erst  zu  widersagen!  Was  habt  ihr  nun  für 
Ehre  dabei  gewonnen?  Nichts.  Hättet  ihr  mir  wider¬ 
sagt,  so  hätte  ich  die  Stadt  nicht  verloren!“  Hercules 
antwortet:  „Ihr  zeiht  mich  falscher  Dinge!  Es  ist  gar 
nicht  wahr,  daß  man  euch  nicht  widersagt  hat!  Erinnert 


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euch  doch  einmal,  wie  ihr  uns  seinerzeit  vertrieben  habt! 
Damals  hat  man  euch  gesagt,  eure  Schandtat  würde  ge¬ 
rächt  werden  an  euch!  Das  ist  doch  eine  Widersage! 

•  •  •• 

Zudem:  wer  Übles  tut,  ohne  daß  man  ihm  Übles  getan 

•  • 

hat,  der  muß  auf  übles  gefaßt  sein!  Auch  wenn  ihm 
nicht  erst  widersagt  wird.  Seine  Argheit  selbst  warne 
ihn!  So  einer  büßt  mit  Recht  alle  Schuld!“  Ganz  ähn¬ 
lich  wirft  Menelaus  dem  Paris  vor,  nicht  widersagt  zu 
haben,  und  Paris  gibt  dieselbe  Antwort.  „Ihr  habt  uns 
die  Esiona  geraubt,  also  mußtet  ihr  eine  Rache  erwarten“ 
[K.  34334  ff.].  Dieses  Motiv  der  wider  sage  trägt  K.  auch 
in  jene  Stelle  hinein,  wo  Priamus  den  Griechen  eine  Ge¬ 
sandtschaft  schickt,  die  Esiona  zu  fordern  [B.  3236]. 
K.  17910:  Hector:  „Schickt  einen  Boten  und  fordert  Sühne; 
sie  werden  darüber  lachen;  dann  habt  ihr  gute  Ursache, 
zu  widersagen!  In  diesem  Falle  ist  alles,  was  wir  ihnen 
dann  antun,  in  Ehren  getan;  sodaß  uns  kein  Vorwurf 
trifft,  wenn  wir  uns  an  ihnen  rächen!“  Also  die  Wider¬ 
sage  muß  einen  Grund  haben,  damit  der  Krieg  nicht  un¬ 
ehrenhaft  geführt  werde. 

3.  Der  Ritter  als  Führer. 

Jeder  einzelne  Ritter  ist  der  „vollkommenste“,  „beste“; 
aber  sie  sind  untereinander  keineswegs  alle  gleich;  sowohl 
bei  ß.  als  auch  bei  K.  wird  der  und  jener  Ritter  den 
andern  gegenüber  herausgestellt;  der  ist  dann  der  Führer 
der  andern;  mit  väterlicher  Sorglichkeit  ermahnt  er  die 
Seinen  vor  der  Schlacht,  er  selbst  geht  ihnen  als  Vorbild 
voran:  als  erster  in  die  Schlacht,  als  letzter  aus  der 
Schlacht!  Er  ist  überhaupt  der,  auf  den  alles  in  der 
Schlacht  ankommt;  allerdings  erntet  er  dann  auch  den 
größten  Ruhm.  „Niemand  kann  so  großes  Lob  im  Kampfe 


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113 


erringen  als  der,  der  das  Haupt  einer  Schar  ist.  ob  er 
si  wol  enthaltet,  man  priset  in  mir  mangen  man;  wan 
er  da  wirt  gekapfet  an  mit  filze  vor  den  allen  der  lop 
da  muoz  geva/len  den  ougen  und  den  herzen  [29836]. 
Schon  äußerlich  zeichnet  er  sich  durch  prächtigere  Kleider 
vor  den  andern  aus.  K.  7250  und  B.  1141  erzählen, 
daß  Jason  und  die  Seinen  herrliche  Kleider  anhatten; 
K.  allein  hebt  hervor:  , jedoch  Jasons  Kleid  war  präch¬ 
tiger  als  die  der  andern“  [7290].  So  ein  Führer  der 
Scharen  hat  nicht  nur  die  Aufgabe,  die  Rotten  zu  ordnen 
und  zu  leiten,  sondern  ermutigt  und  begeistert  vor  der 
Schlacht  durch  eine  entsprechende  Rede  die  Seinen,  denn 
die  Macht  einer  mutigen  Rede  ist  außerordentlich  groß. 
K.  19208:  „ein  kühner  Mann  kann  mit  tapferen  und  mu¬ 
tigen  Reden  ein  ganzes  Heer  auf  die  Beine  bringen!“ 
B.  und  K.  erzählen,  wie  die  Führer  ihre  Scharen  er¬ 
mahnen,  daz  si  ze  strite  munder  und  z’eime  kämpfe  würden. 
B.  3757:  Priamus  ernennt  den  Hector  zum  Herrn  imd 
Führer  aller,  mit  dem  Hinweis  auf  die  Bedeutung  dieses 
Amtes:  en  tei  sera  Iw  recocrier,  ä  tei  se  cenront  con- 
seillier :  ne  cueil  qu’i,  ait  fil  de  baron  qm  rien  face  se 
par  tei  non;  de  toz  acras  /«  seignwie,  la  poeste  e  la 

maistrie.  e  tu,  guarde  que  sauce  i  seit . Vgl. 

K.  18608  ebenso.  Man  beachte  noch,  wie  bei  B. 
Paris  eine  große  Rede  vor  seinen  Leuten  hält,  worin  er 
den  Raub  der  Helena  bespricht  [B.  4375  Ö'.].  Beide 
Dichter  haben  den  Zug,  daß  Hector  als  letzter  von  dem 
Schlachtfelde  heimkehrt  [B.  10201;  K.  37626]. 

4.  Die  „milte“. 

Daß  ein  Held  furchtlos,  tapfer  und  fest  ist,  das  ist 

Gemeingut  aller  Zeiten,  die  Helden  preisen.  Aber  eine 

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andere  Eigenschaft  beweist  uns.  daß  diese  Hectors  und 
Jasons  nicht  griechische,  antike  Helden  sind,  sondern 
höfische,  mittelalterliche  Kitter;  das  ist  die  milte'.  Bei  B. 
fällt  diese  Eigenschaft  kaum  auf;  hin  und  wieder  erwähnt 
er  wohl,  daß  largece  zum  Ritter  gehöre,  aber  ohne  be¬ 
sonderen  Nachdruck.  Anders  bei  K.  Der  große  und  häu¬ 
tige  Nachdruck,  den  er  auf  die  milte  legt,  die  Begeisterung, 
die  er  für  den  mitten  Ritter  aufbietet,  zeigt,  wie  sehr  ihm 
dieses  Thema  am  Herzen  liegt:  „Was  kann  den  Ritter 
kühner  machen  als  edle  miltekeit ?“  sagt  K.  [18536]  und 
ergeht  sich  in  endlosen  Sentenzen  über  die  milte.  „Wer 
milte  ist  und  gerne  gibt,  der  wird  die  Feinde  besiegen! 
—  Wer  milte  ist,  der  überwindet  alle  Not!  Der  schöpft 
Wasser  in  einem  Siebe,  der  ohne  milte  mit  Schild  und 
Speer  in  den  Krieg  geht  . . . .“  Vor  allem  müssen  die 
Fürsten  und  Könige  sich  der  Tugend  der  milte  befleißigen. 
Ebenda:  „deren  Hände  müssen  stets  offen  sein,  wenn  sie 
große  Dinge  unternehmen  wollen  .  .  .  Wie  kann  ein  König, 
der  ungeme  gibt,  Ehre  erlangen?  Ein  Reich,  das  nicht 
auf  milte  gebaut  ist,  kann  nicht  bestehn!  —  So  ein  Land 
nehme  sich  einen  Baum  zum  Beispiel,  der  da  einsam  in 
der  Wüste  steht  und  dessen  Früchte  niemand  genießt 
Der  verdirbt  schließlich  und  geht  zu  Grunde  und  ver¬ 
wildert,  bis  er  endlich  gar  kein  Obst  mehr  trägt.  So 
gehts  auch  dem  Lande,  dessen  Gut  nicht  Gemeingut  ist: 
zehrt  niemand  von  seinen  Gaben,  so  wird  es  wertlos.“  Da¬ 
rum  also  ist  milte  unbedingt  eine  Hauptforderung  lür  einen 
Ritter  oder  Fürsten.  Ja,  es  ist  milte  geradezu  der  Ma߬ 
stab  für  die  Liebe  des  Ritters  zu  seinen  Mannen.  B.  3733: 
„Dann  wird  sich  zeigen,  wer  die  Seinen  am  meisten  lieb 
hat  und  am  meisten  geben  wird!“  (so  Priamus  zu  seinen 
Söhnen).  Und  K.  an  dieser  Stelle:  „Ihr  sollt  die  Führer 
sein;  ihr  sollt  ihnen  lihen  unde  geben;  dann  kämpfen 


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sie  gern  .  .  [18528]  usw.  (s.  o.)  Priamus  mahnt  ernst 

und  eindringlich :  „  W er  von  euch  am  freigebigsten  ist,  der 
scheint  mir  fruvn  unde  quec  zu  sein  und  ist  mein  Kind 
von  rechter  Art.  Wer  aber  knauserig  ist,  der  wisse,  daß 
er  nicht  mein  Sohn  aus  königlicher  Ehe  ist!  Darum  gebt! 
gebt!“  Schon  bei  Schilderungen  von  Personen  hebt  B. 
hervor,  daß  etwa  Jason  neben  vielen  anderen  guten  Eigen¬ 
schaften  die  der  largece  hat  [B.  736]  oder  Troilus 
[5446]  oder  Hector  [5341]:  de  sa  largece  ne  fu  rien  quar 
se  li  mondes  fust  toz  sien,  sil  do?iast  tot  a  bones  gern- 
lui  ne  durot  ors  ne  argem  ne  bons  destriers  ne  palefreiz 
ne  riches  dras  ne  bons  couriez  .  .  Hier  sehen  wir  auch, 
was  alles  geschenkt  wurde.  Wenn  K.  erzählt:  „Als  Paris 
nach  Cytharea  kommt,  kauft  er  seinen  Genossen  allerlei 
kleincete“  [19  628],  so  streift  das  natürlich  auch  das  Gebiet 
der  mitte.  Diese  Stelle  ist  übrigens  Ks.  Eigentum. 

III.  Religion. 

In  religiösen  Fragen  scheint  K.  ziemlich  frei;  jeden¬ 
falls  betont  er  das  Religiöse  viel  weniger  als  B.; 
wenn  ein  andres  Motiv  neben  dem  der  Religion  in  Frage 
kommt,  so  entscheidet  sich  K.  stets  für  das  andere;  z.  B. 
empfiehlt  Medea  zwei  Opfer:  B.  1706:  eins,  um  die  Götter 
günstig  zu  stimmen,  das  andere,  um  für  den  Sieg  den 
Göttern  Dank  zu  sagen.  K.  9294  erwähnt  nur  ein  Opfer: 
das  Dankopfer  schien  ihm  nicht  angebracht,  da  es  nicht 
der  Götter  Verdienst  war,  wenn  Jason  siegte.  Damit 
lällt  bei  K.  auch  die  dreimalige  afßicion  [B.  1751]  fort. 
—  Oder:  wenn  bei  Jasons  Rückkehr  [B.  1987]  die  her¬ 
beieilende  Menge  den  Göttern  den  Sieg  zuschreibt,  so 
vertrug  sich  das  nicht  mit  Konrads  Aulfassung  vom  Ritter¬ 
tum!  Somit  läßt  er  das  religiöse  Motiv  auf  Kosten  des 

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ritterlichen  fallen.  —  Wie  B.  ist  auch  K.  bemüht,  die 

religiösen  Anschauungen  der  Antike  zu  bewahren.  Aber 

die  Macht  der  Götter  hält  K.  keineswegs  für  so  groß. 

Wenn  B.  2763  erzählt,  wie  die  Menge  in  die  Tempel  der 

Götter  eilt,  weil  nur  da  Rettung  zu  finden  ist,  so  traut 

K.  den  Göttern  in  diesem  Falle  nicht  zu,  die  Bürger 

•  • 

schützen  zu  können.  Überhaupt  hat  K.  eine  interessante 
Auffassung  von  dem  Charakter  und  Wesen  der  Götter. 

1.  Die  Götter. 

Die  griechischen  Götter  hält  K.  überhaupt  nicht  für 
Götter;  nach  seiner  Meinung  waren  das  Zauberer.  ,. Leute, 
als  ir  nü  sit “  [860];  die  hatten  große  Kenntnisse  von 
„Kräutern  und  von  Steinen“,  deren  Nutzen  und  Eigen¬ 
schaften  sie  kannten  (a.  a.  0.);  ja  da  gabs  viele  Gaukler 
und  Zauberer,  die  für  Götter  gehalten  wurden!  Natür¬ 
lich  umgaben  sich  diese  Betrüger,  die  auf  die  Dummheit 
der  Toren  und  Einfältigen  rechneten  [a.  a.  0.],  mit  dem 
Scheine  des  Wunderbaren,  zogen  sich  in  einsame  Berges¬ 
gegenden  zurück  und  ließen  keinen  in  ihre  Arbeit  sehen. 
Ihr  huubetman  war  Jupiter;  und  nun  zählt  K.  die  „besten“ 
Götter  auf;  jedem  gibt  er  sein  charakteristisches  Attribut 
mit;  da  kommt  Apollo,  der  Gott  der  Arzenei,  mit  seiner 
apoteke;  da  sacli  man  büJisen  inne  stdn  mit  latwerjen  uz 
erkorn  .  .  .  [950].  Dann  Herr  Mars,  der  Gott  des  Krieges, 
im  Stahlpanzer  gewappnet;  der  sollte,  falls  jemand  wäh¬ 
rend  des  Festes  (Hochzeit  des  Peleus  mit  der  Thetis)  un¬ 
botmäßig  sein  sollte,  dagegen  einschreiten;  wie  auch  Apollo 
seine  Kräuter  zur  Verfügung  stellte;  während  Cupido 
ohne  Nutzen  zu  bringen  daher  kam;  dur  Ul  kam  er  nur, 
mit  Pfeil  und  Bogen  versehen.  Der  Götterbote  Mercurius , 
der  sprachgewaltige,  kam  mit  seiner  biiJise  .  .  mit  brieven 
und  mit  mären.  Herr  Bache  versorgt  die  Gesellschaft 


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mit  Trank.  Und  so  folgen  Götter  und  Göttinnen,  jeder 
mit  seinem  Zeichen  versehen. 

2.  Die  „pfaffen“. 

•  • 

Uber  K.s  Verhältnis  zu  seinem  christlichen  Glauben 
und  seine  Stellung  zur  Kirche  erfahren  wir  in  seinem 
Romane  wenig.  Das  lag  freilich  am  Stoffe;  dieser  brachte 
es  mit  sich,  daß  er  den  Ritter  unbedingt  über  den  pfaffen 
stellt.  In  einem  Vergleich  zwischen  Ritter  und  Pfaffen 
spricht  K.  klar  aus,  wie  verschieden  beide  sind:  „Der 
Pfaffe  soll  in  der  Kirche  schön  singen  und  mit  reichlicher 
und  guter  Speise  sich  mästen“  [19146].  Vor  allem  weist 
K.  seine  Einmischung  in  Fragen  des  Krieges  und  Kampfes 
zurück :  im  ist  von  einer  Wirtschaft  ze  redene  baz  gemwze, 
als  nämlich  von  Streit  und  Kampf  zu  sprechen,  ein  pfaffe 
lieber  oeze  stark  unde  veste  mursel  denne  er  ze  kamphe 
würde  snel  unde  üf  ritterlichen  strit  [a.  a.  0.].  Davon 
versteht  ein  pfaffe  nichts,  und  wer  auf  ihn  hört,  der  nie¬ 
mals  im  Kampfe  war,  der  ist  töricht  [19133].  K.  hat 
das  von  Benoit  übernommen;  auch  dieser  spricht  scharf 
gegen  die  proveire  [3995];  aber  bei  B.  ist  die  Beziehung 
zu  dem  trojanischen  Seher  Helenus  zu  deutlich,  als  daß 
man  aus  seiner  Stelle  schließen  könnte,  daß  er  auch  die 
christlichen  pfaffen  meint. 

3.  Zauberei. 

Aus  der  Charakteristik  der  Götter,  die  K.  gibt,  geht 
klar  hervor,  daß  er  an  Wunderkräuter  und  -steine  glaubt; 
872:  ouch  lepten  gnuoge  bi  der  zit  die  zouberoere  wären 
und  wunder  in  den  jären  mit  gougelwise  worhten ■  Diese 
erfanden  schcen  unde  niuwe  liste  und  machten  künste¬ 
lte  Sachen.  Ja,  sie  verstanden  ihre  „Meisterschaft“ 


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darin  so  gut,  daß  sie  von  einfältigen  Leuten  sogar  für 
Götter  gehalten  wurden!  —  Also  „Götter“  waren  das 
nach  K.s  Meinung  nicht;  aber  diese  Wunderdinge  konnten 
sie  zu  Wege  bringen!  Und  was  für  wunderbare  Sachen 
gabs  da!  Medea  —  so  hatte  K.  bei  Ovid  gelesen  — 
konnte  (abgesehen  von  kleineren  Zaubereien,  wie  der  Kunst, 
kleine  Bächlein  in  große  Flüsse,  Tag  in  Nacht  zu  wandeln  usw.) 
sogar  alte  Leute  wieder  jung  und  schön  machen!  Mit  großem 
Eifer  erzählt  uns  K.  diese  Geschichte;  doch  scheint  ihm  da¬ 
bei  nicht  ganz  wohl  zu  sein;  er  fühlt  sich  jedenfalls  veran¬ 
laßt,  Ovids  Erzählung  durch  eine  längere  Erklärung  zu 
ergänzen:  „Dieses  Wunder  braucht  euch  gamicht  so  un¬ 
möglich  vorzukommen!  Das  ist  wohl  möglich!  Man 
hat  schon  viele  Wurzeln  gesehen,  die  solche  Tugend  und 
Kraft  hatten.  Man  findet  Kräuter  mancher  Art,  womit 
man  Wunder  brauen  kann.  Einige  von  ihnen  haben  so¬ 
gar  die  Kraft,  einen  toten  Körper  lebendig  zu  machen. 
Nichts  auf  Erden  birgt  solchen  Schatz  in  sich  als  Steine, 

Kräuter  und  Worte .  Damm  darf  niemand  sagen, 

die  Geschichte  (der  Verjüngung  des  Eson)  sei  nicht  wahr; 
zumal  da  gerade  Medea  diese  Künste  bis  auf  den  Grund 
verstand“  [10847].  Aus  diesen  Worten  spricht  deutlich 
das  lebhafte  Interesse,  das  K.  für  diese  Zaubereien  emp¬ 
fand.  Keine  Frage,  daß  er  sich  mit  solchen  Dingen  selbst 
und  gern  befaßt  hat;  wie  natürlich  hat  er  doch  die  Be¬ 
schwörungsszene  der  Medea  geschildert.  Die  Dindialus- 
Episode,  der  Fisch  aus  den  Wassern  des  Paradieses, 
die  Schar  des  Epistroples  [24992],  die  halb  Tier  halb 
Mensch  waren,  und  die  Wundersalbe  der  Hecuba  [37690], 
mit  der  sie  Hektors  Wunde  bestreicht  (B.  hat  da  einen 
berühmten  Arzt,  Goz,  10245),  das  alles  ist  Konrads  Zu¬ 
tat.  Daß  ihm  so  etwas  nahe  lag,  beweist  auch  die  Stelle, 

•  • _ 

wo  er  —  gegen  B.  —  der  Überlieferung  folgt  und  den 


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Achill  gegen  alle  Wunden  gefeit  sein  läßt  [31 168].  Wie 
überlegen  K.  in  solchen  Darstellungen  dem  französischen 
Dichter  ist,  beweist  z.  B.  die  Schilderung  des  Wunder¬ 
bauines  vor  Priamus’  Saal  [B.  6265;  K.  17  560].  In  Benoits 
Darstellung  kommt  eigentlich  nicht  viel  Wunderbares  vor; 
die  Zweige  sind  von  Gold,  nigromance  e  grammaire 
hatten  daran  gearbeitet.  K.  erweitert  das  sehr:  ,,I)a  gabs 
künstliche  Vögel!  Die  waren  aus  Edelsteinen  gemacht; 
weiße,  braune,  gelbe,  rote  und  grüne.  Die  konnten  Sommer 
und  Winter  singen!“  Es  kann  auch  K.  nicht  begegnen, 
daß  er  wie  B.  1672  „nicht  weiß,  wie  die  Salbe  der  Medea 
gemacht  war“.  K.  weiß  das  natürlich:  „aus  guten  Wur¬ 
zeln  hab’  ich  sie  gekocht .  .  .  gar  viele  edle  Kräuter  hab 
ich  zerstoßen  und  gesotten“  [9308].  Endlich  sei  noch 
einmal  an  die  Bestandteile  des  Zauberwassers  für  die 
Verjüngung  des  Eson  erinnert  [Ovid,  Met.  VII  266; 
K.  10  658]. 

IV.  Sittliche  Anschauungen. 

1.  Beurteilung  von  Taten  der  Helden. 

Beide  Dichter  äußern  sich  zuweilen  über  das  Handeln 
ihrer  Helden.  So  z.  B.,  wenn  Medea  den  Geliebten  gegen 
alle  höfische  Zucht  Nachts  erwartet,  hält  sich  B.  nicht 
darüber  auf;  K.  aber  erklärt  diese  Ungehörigkeit  mit  der 
großen  Liebe,  die  alle  Schüchternheit  überwand;  die  Ge¬ 
walt  der  Minne  brachte  sie  soweit,  „ein  bißchen  kühn  zu 
sein“  [8530].  —  Als  Jason  der  Medea  den  Eid  leistete, 
sie  nie  zu  verlassen,  da  kann  sich  B.  nicht  enthalten,  zu 
bemerken:  1636  mais  envers  li  s'en  parjura  covenant  ne 
lei  ne  li  tint.  por  fo  —  espeir  —  Ven  mesavint.  K. 
sagt  davon  kein  Wort  [9127  ff.]  imd  es  ist  kein  Zufall, 
daß  K.  die  moralische  Entrüstung  Bs.  nicht  teilt:  denn 


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kurz  darauf  übergellt  er  wieder  dessen  Bemerkung:  „Jason 
brach  ihr  die  Treue;  verließ  und  betrog  sie;  das  tut  mir 
leid;  das  ärgerte  auch  die  Götter,  sodaß  sie  dafür  an 
Jason  Bache  nahmen“  [B.  2039].  K.  sagt  zwar  auch, 
daß  die  ganze  Sache  ein  übel  rrnere  war  [10206],  aber 
von  einem  „leid  tun“  ist  bei  ihm  keine  Rede,  noch  weni¬ 
ger  davon,  daß  Jason  von  den  Göttern  dafür  bestraft 
werden  würde.  Die  Götter  haben  damit  garnichts  zu 
tun.  Und  wie  ist  B.  erst  empört  darüber,  daß  Telamon 
die  Esiona  nicht  als  eheliche  Gattin,  sondern  als  Kebse 
mitnimmt!  „Das  ärgert  und  empört  mich!  ja,  wenn  er 
sie  als  eheliche  Gattin  mit  sich  genommen  hätte,  dann 
würde  ich  mich  nicht  ärgern“  [2793.]  K.  hat  ein  viel 
weiteres  Gewissen;  er  sagt  kein  Wort  dazu:  da  lebte  er 
mit  ir  lange  zit  in  herzehcher  Hebe  kraft;  doch  hete  er 
si  ze  friuntscliaft  und  niht  ze  sUeteclicher  e  [12976]. 
Mit  der  Konstatierung  der  Tatsache  ist  die  Angelegenheit 
erledigt.  — 

Nach  der  1.  Zerstörung  Trojas  blickt  Benoit  in  die 
Zukunft:  welch  schreckliche  Folgen  sieht  er  da:  or  est 
la  chose  comenciee,  que  mout  sera  griefment  vengiee  [2841]. 
Da  kommt  ihm  der  Gedanke,  ob  die  Trojaner  nicht 
besser  getan  hätten,  die  Rache  zu  unterlassen.  Wie  sagt 
doch  der  gemeine  Mann?  teus  cuide  sa  honte  vengier 
cui  en  avient  grant  encombrier.  Auch  K.  greift  den  Ge¬ 
danken  auf  [17  742]:  „Wer  so  gescheit  wäre,  daß  er  eine 
ihm  zugefügte  Schmach  übersehen  könnte,  wenn  er  weiß, 
daß  ihm  die  Rache  noch  mehr  Unheil  bringen  würde, 
der  bewalnt  sich  wirklich  vor  Leid!  Kann  jemand  aber 
einen  Schaden  nicht  vertragen  und  bemüht  sich,  ihn  zu 
rächen,  so  wird  sein  Unheil  nur  noch  größer.“  Über¬ 
haupt,  meint  K.,  wer  alles  das,  was  ihm  zugefügt  wird, 
gleich  rächen  wollte,  der  wird  seines  Lebens  nie  froh 


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werden!  Man  überlasse  doch  Gott  die  Sache!  Wenn  man 
aber  entschlossen  ist,  ein  großes  Unternehmen  ins  Werk 
zu  setzen,  dann:  „respice  finem!“  B.:  3646:  Antenor 
warnt  den  Friamus :  quar  qo  nos  dient  li  antor :  qni  grant 
•  hose  vueut  envair,  la  fin,  a  qu’il  en  deit  venir,  deit  es- 
guarder,  se  il  est  sages,  que  rCen  vienge  honte  e  damages- 
K.  18302  ff.  führt  diesen  Gedanken  weitläufig  aus.  man 
tuo  sich  des  Beginnes  abe,  des  man  niht  vollebringen 
miige  .  .  usw.  Das  ist  ja  eine  sehr  alte  Weisheit  und 
K  weiß  ihr  nichts  hinzuzufügen.  Ebenso  stehts  mit  dem 
folgenden  Satze:  B.  3675:  Priamus  legt  seinen  Rittern 
den  Zug  nach  Griechenland  nahe:  „Es  ist  nicht  ausge¬ 
schlossen,  daß  wir,  die  wir  besiegt  wurden,  nun  unsere 
Feinde  besiegen!  Oft  hat  man  gesehen,  daß  die,  die 
besiegt  wurden,  wiederum  gesiegt  haben.“  K.  schließt 

sich  der  Meinung  an, . gelücke  ist  gar  ein 

wildes  lös,  das  dicke  walset  an  und  abe . 

swer  hiute  sitset  üf  dem  rode,  der  siget  morne  drunder 
.  .  .  [18400].  Man  beachte  wie  K.  die  Vorlage  durch 
hübsche  Bilder  übertrifft.  —  Sehr  interessant  ist  folgende 
Stelle:  Pantus  widerrät  den  Krieg,  der  ohne  Not  ge¬ 
schieht  Wer  in  Ruhe  bleiben  kann,  soll  sich  deren 
freuen  und  nicht  den  Krieg  mit  Gewalt  herauf  beschwören. 
So  richtig  dieser  Gedanke  ist,  den  Rittern  gefällt  er  gar 
nicht.  Während  es  sonst  heißt:  diu  rede  in  allen  wol 
geviel,  erzählt  K.  nach  Pantus  Rede :  dö  wart  ein  brehten 
unde  ein  ruof.  sin  uisiu  rede  in  allen  schuof  swier  unde 
grasen  urdrus.  swie  rilich  ere  und  manic  nuts  an  sinem 
rate  läge ,  sie  wiesen  ihn  zurück  [19333].  Ebenso  B. 
4119:  Man  widerspricht  dem  Rate  des  Pantus.  —  Die 
Gäste  des  Oetes  werden  durch  ein  großes  Gelage  beehrt. 
Dagegen  ist  nichts  zu  sagen.  Aber  wenn  so  etwas 
übertrieben  wird,  so  fühlt  sich  K.  veranlaßt,  das  zu  kriti- 


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122 


sieren.  K.  8924:  Zu  rechter  Zeit  ist  Kurzweile  angebracht; 

aber  es  muß  mit  Maße  geschehen;  ohne  mäze  ist  jeder 

•  • 

Scherz  vom  Übel.“  —  Als  Antenor  nach  dem  Mißerfolge 

seiner  Reise  einsieht,  daß  alles  weitere  Reden  nutzlos  ist, 

•  • 

da  „tat  er  wie  ein  weiser  Mann  tut.“  „Wer  nur  Ärgernis 
mit  seinen  Worten  erregt,  soll  lieber  schweigen“  [K.  18  217]. 
—  Wie  überzeugt  K.  ist,  daß  sich  jede  Schuld  auf  Erden 
rächt,  zeigen  seine  Worte,  als  Hector  den  Merion  tötet. 
Dieser  hatte  im  Kampfe  den  Hector  verwundet;  jetzt 
vergilt  ihm  Hector  die  törheit.  Ze  gelte  ez  etewenne 
kumt  daz  ein  gebür  dem  andern  tuot  [36516].  Er 
erschlägt  den  Merion  und  macht  an  ihm  wahr ,  daz 
schulde  Ixt  und  rastet  niht,  man  richet  ofte  die  geschiht, 
der  man  vergezzen  warnet  hdn. 

2.  Gastfreundschaft. 

Sie  wird  in  der  vornehmsten  Weise  ausgeübt.  Ist 
doch  die  Verletzung  dieser  Pflicht  die  Ursache  des  ganzen 
Krieges  gewesen.  Laomedon  hatte  die  Griechen  verjagt; 
„so  begann  es,“  sagt  der  Dichter.  Sonst  werden  alle 
Gäste  —  ohne  Nennung  des  Namens  zuerst  —  freund¬ 
lich  aufgenommen  und  bewirtet.  So  sorgt  Oetes  um 
Jason,  so  Menelaus  um  Paris.  Der  aber  belohnt  diese 
Freundlichkeit  mit  schändlichem  Verrat.  Der  Gast  hat 
nämlich  auch  Pflichten  gegen  den  Wirt:  darum  hält 
Menelaus  nachher  im  Kampfe  dem  treulosen  Paris 
schmerzbewegt  vor:  wer  hcete  des  versehen  sich,  daz  edel 
gast  sin  ere  so  gar  unmdzen  sere  zerbreche  an  sime 
wirtel  [34342]  „Ihr  habt“  —  fährt  er  fort  —  „bewiesen 
damit,  daß  Ihr  ein  Bauernlümmel  seid;  ein  edler  Ritter 
tut  das  nicht!“ 


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123 


3.  Die  Gesandten. 

Vor  allem  genießen  Gesandte  das  Recht  der  Gast¬ 
freundschaft.  Sie  nehmen  bei  den  Alten  eine  hohe 
Stellung  ein.  Sie  vertreten  ihren  Fürsten  und  beanspru¬ 
chen  dieselben  Ehren  wie  dieser.  Darum  werden  auch 
nur  hochangesehene,  vornehme  Männer  zu  diesem  Amte 
gewählt;  ciiers  de  haut  parage  war  der  Bote  des  Laomedon 
[B.  1025],  ein  grave  witze  unde  eren  vol  [K.  7006].  Was 
er  immer  für  eine  Botschaft  ausrichtet,  seine  Person 
ist  nicht  verantwortlich.  Er  läßt  sich  auch  nicht  in 
Auseinandersetzungen  ein.  jo  ne  ving  pas  a  vos  tencier , 
mon  message  vos  ai  dit  bien,  ne  cuit  qu’i  obüasse  rien. 
jo  n’en  ai  plus  o  vos  que  faire  [B.  1110].  Ebenso  K.: 
der  Bote  macht  ausdrücklich  darauf  aufmerksam,  daz  ich 
sinen  willen  sage  [7020]  und  darumbe  sint  mir  niht 
gehaz,  wenns  eine  böse  Botschaft  ist.  Man  kann  übrigens 
beobachten,  daß  Ks.  Bote  sich  viel  feiner  seiner  Aufgabe 
entledigt  als  Bs.,  der  gleich  losschreit :  „Der  König  fordert 
euch  auf,  davon  zu  gehen!“  Bei  K.  kommt  er  erst  nach 
längerer  freundlicher  Erklärung  zu  dem  Gebot,  das  Land 
zu  räumen.  Doch  auch  er  läßt  sich  auf  nichts  weiter 
ein:  ich  hän  iu  siniu  wort  geseit  und  den  willen  sin 
gezelt.  darüber  tuont  ir,  als  ir  weit;  be/ibcnt  oder  varent 
hin  [7160].  Er  geht,  ohne  daß  die  Griechen  ihm  etwas 
zu  Leide  tun.  Dem  Antenor  ergehts  allerdings  recht  übel 
in  Griechenland ;  aber  schließlich  kommt  er  doch  heil  zu¬ 
rück;  nachdem  er  die  beschimpfendsten  Zomesausbrüche 
der  Fürsten  eingesteckt  hat  (fiz  a  putain  redete  Nestor 
ihn  an),  macht  er  sich  schnell  davon,  jnr  poi  sor  lui 
n’est  revertie  [B.  3554].  Auch  hier  ist  Ks.  Ausdruck  nicht 
so  schroff  wie  Bs.  [K.  18 130  ff.].  Die  Unverletzlichkeit 
der  Boten  wird  direkt  ausgesprochen  anläßlich  der  Ge¬ 
sandtschaft,  die  Ulix  und  Diomedes  nach  Troja  führen. 


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B.  6405:  Priamus  muß  einschreiten,  um  zu  verhüten,  daß 

Diomedes  von  den  erregten  Rittern  morz  e  detranchiez 

wird:  „An  meinem  Hofe  (sagt  P.)  darf  einem  Boten  nichts 
•  • 

Übles  begegnen,  was  er  auch  für  Botschaft  bringe:  por 
mil  mars  d’or  ne  vueil  jo  mie  qu’uns  d'eus,  i  ait  perdu 
la  viel “  ebenso  bei  K.  26  535:  ....  „wäret  ihr  nicht 
Boten,  ...  ihr  hättet  eine  schlimme  Fahrt  gewagt!4, 
noch  einmal  26698.  Die  Boten  sind  als  solche  schon 
äußerlich  kenntlich :  sie  tragen  grüne  schapelin  aus  Lorbeer¬ 
zweigen  geflochten,  womit  sie  andeuten  wollten,  daß  sie 
nur  Frieden  begehrten  [K.  26380]. 

4.  Patriotismus. 

K.  verrät  eine  hohe  Liebe  zum  Vaterlande;  „um 
das  Vaterland  soll  man  sein  Blut  vergießen;  lieber  den 
Tod  erleiden,  als  sich  aus  seinem  Lande  verdrängen  lassen“ 
[K.  30442;  vgl.  auch  K.  12152].  Das  ist  nicht  nur  hu¬ 
manistischer  Patriotismus.  Wenn  K.  sagt:  „Ehe  man 
.  .  .  aus  dem  Lande  geht,  in  dem  die  Mutter  einen  ge¬ 
bar,  ehe  wage  man  sein  Leben  .  .  Es  ist  eine  große 
Marter,  das  Vaterland  zu  verlassen,  um  in  ein  fremdes 
Land  zu  ziehn,  wo  man  nicht  Verwandte  noch  Bekannte 
hat“  [11 670],  so  spricht  da  warme  Liebe  zur  Scholle. 
Wir  ertappen  K.  einmal,  wie  er  —  anachronistisch  — 
seinem  eigenen  Vaterlande,  der  tiuschen  zungen,  das  Lob 
singt:  Nach  Troja  kommen  auch  deutsche  Ritter:  man 
sol  der  tiuschen  zungen  ungerne  alhie  cergezzen,  toan  st  den 
pris  besezzen  und  den  geicin  er  co/den  hat,  duz  ir  lop  eil 
höhe  stät  und  ob  den  liuten  allen  :eii.  die  sich  an  strite 
han  erwert.  [23998]. 


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V.  Gebräuche. 

1.  Versammlungen. 

Die  Entscheidung  über  irgend  eine  Unternehmung 
hängt  in  unserem  Romane  fast  stets  von  dem  Beschlüsse 
einer  „Versammlung*1  ab.  Bei  jeder  Gelegenheit  wird  der 
Kriegsrat  oder  das  „Parlament“  berufen;  der  König  setzt 
da  die  Sachlage  auseinander  und  bittet  die  Mitglieder 
um  ihren  Rat;  oder  er  schlägt  selbst  vor,  was  zu  tun 
ist,  und  die  anderen  stimmen  gewöhnlich  zu;  auch  macht 
einer  der  Anwesenden  dem  Könige  den  Vorschlag,  den 
dieser  genehmigt.  Es  redet  dann  der  Reihe  nach  jeder: 
der  eine  für,  der  andere  gegen  den  Vorschlag.  Als  die 
Griechen  unter  Jason  in  Laomedons  Gebiet  landen,  schickt 
bei  B.  [1024]  der  König  ganz  selbständig  den  Boten  ab; 
bei  K.  läßt  er  „seinen  Rat“  kommen  [6978],  und  gibt  zu 
erwägen,  die  Griechen  fortzujagen,  der  rät  geviel  in 
allen  wol  [7005J.  Ganz  ähnlich  fordert  Priamus  bei  K. 
den  Rat  der  Ritter,  als  er  die  Rache  für  die  Zerstörung 
Trojas  plant,  während  bei  B.  Priamus  keinen  Rat  hören 
will,  sondern  nur  Hilfe  zu  dem  beschlossenen  Unternehmen. 
B.  3209  ff.  ....  manderei  lor  .  .  .  „und  dann,  wenn  der  Vor¬ 
schlag  von  den  Griechen  abgelehnt  wird,  werde  ich  mit 
euch  beraten,  ob  wir  den  Krieg  beeilen  sollen  oder  nicht.“ 
Den  Vorschlag  des  Königs  billigen  alle;  nus  ne  porreit 
meillor  doner  [3247].  Bei  K.  17  801  ist  Priamus  ent¬ 
schlossen,  den  Krieg  zu  beginnen,  will  aber  erst  ihren  Rat 
hören.  Hierauf  ziehen  sich  die  Ritter  zurück,  beraten  sich 
untereinander  und  übermitteln  dem  Könige  ihre  Entschei¬ 
dung  durch  einen  Sprecher  (in  diesem  Falle:  Hector,  17  875). 
Dieser  Hergang  einer  Versammlung  ist  Konrads  Eigen¬ 
tum;  wir  haben  auch  eine  ähnliche  Stelle  in  der  Iphi- 
genien-Episode,  die  K.  nach  Ovid  erzählt.  Auch  hier  be- 


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raten  sich  die  Herren  unter  einander  und  übertragen 
dann  ihren  Beschluß  dem  Ulixes,  der  den  Wunsch  der 
Versammelten  dem  Agamemnon  unterbreitet.  Aber  noch 
trifft  der  Fürst  keine  Entscheidung:  jetzt  holt  er  den  Rat 
seiner  hovediet  ein,  und  erst  als  diese  dasselbe  fordern, 
läßt  er  sich,  wenn  auch  mit  vielem  Schmerze  (vil  küme ) 
überreden,  die  Tochter  zu  opfern  [K.  24  252  ff.].  Noch 
einmal  finden  wir  dieselbe  Art  des  Versammlungsverlaufs, 
als  Antenor  seinen  Auftrag  bei  den  versammelten  grie¬ 
chischen  Fürsten  erledigt.  K.  18112:  Sie  traten  aus  dem 
Saale  hinaus  und  berieten  sich;  dem  Thelamon  wird  der 
Auftrag  zu  teil,  ir  aller  rede  zu  übernehmen  und  er  für 
si  gemeine  besunder  und  aleine  dem  boten  gcebe  ant- 
wiirte  da.  Die  Wahl  Ts.  wird  sogar  begründet.  Da  er 
die  Esiona  besaß  (um  deren  Herausgabe  es  sich  handelt), 
so  soll  er  umb  ir  getriuwez  leben  sprechen. 


2.  Totenfeiern.  • 

Die  Bestattung  der  Helden  wird  sowohl  von  K.  als  auch 
von  B.  in  antiker  Form  erzählt,  und  zwar  berufen  sich  die 
Dichter  ausdrücklich  auf  die  Sitte  jener  Zeit;  B.:  quar 
a  rel  fern  .  .  .  le  f aiseil  om  al  plus  caillant  quant  (Ficest 
siegle  etrt  trespassant  quant  i  acait  mort  un  baron,  grunz 
rhanz,  grunz  gieus  i  faiseif  om ,  teus  come  al  mort  up- 
parteneit  solonc  Vusage  quil  teneit  [10376];  K.  38920 
ebenso.  Totenwachen,  Spiele  und  kurzetoile  finden  wir 
da;  gebar pf et  und  geliret  wurde  die  Nacht  durch;  dann 
wird  der  Tote  in  einen  Sarg  von  Marmor  gelegt  und  be¬ 
graben.  ouch  wart  eil  maniger  üf  gehoben  der  im  an  eren 
was  geltch  und  wo/  mit  höher  koste  rieh  befolhen  wart  der 
erden ;  andere  aber  wurden  verbrannt  (davon  steht  bei 
B.  nichts). 


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127 


3.  Sonstige  Gebräuche. 

Durch  einzelne  Andeutungen  über  fremde  Gebräuche 
erinnert  uns  K.,  daß  wir  in  der  antiken  Welt  sind.  Helena 
und  Paris  werden  gleich  zu  einem  Paare  verbunden 
[23  204]:  „Es  war  in  Troja  so  Brauch,  wer  einem  Manne 
sein  Weib  raubte,  mußte  es  zur  Ehe  nehmen.  Das 
gilt,  glaube  ich,  heute  noch  in  Griechenland“,  setzt  K. 
hinzu.  Eine  andere  griechische  Sitte,  die  auch  „noch 
heute“  besteht,  ist  die,  daß  die  Frauen  ihr  Haupt  mit 
prächtigen  Tüchern  umwinden  [K.  20270]. 


Konrads  Verhältnis  zu  den  lat.  Vorlagen. 

Es  ist  eine  Art  Gegenprobe,  wenn  ich  schließlich 
einen  Bück  werfe  auf  Ks.  Verhältnis  zu  den  lat.  Dichtern, 
die  er  herangezogen  hat.  Auch  liier  hat  er  seine  Prin¬ 
zipien  durchgesetzt;  d.  h.  er  nimmt  nur,  was  er  brauchen 
konnte;  er  übergeht  alles,  was  überflüssig,  verwirrend^ 
schwierig  war.  Durchsichtige  Klarheit  ist  sein  Ziel,  und 
in  diesem  Sinne  ergänzt  er  auch  die  klassische  Vorlage, 
wenn  sie  ihm  nicht  genügte  (besonders  in  Schilderungen). 
Die  bei  den  Lateinern  so  beüebte  Technik  der  Andeu¬ 
tungen  führt  K.  breit  aus.  Ich  darf  mich  hier  auf  zwei 
Gesichtspunkte  beschränken.  Ist  die  Beziehung  zu  den 
lat.  Quellen  doch  sehr  viel  loser  als  zu  B.,  insofern  er  sie 
ganz  beüebig,  nicht  fortlaufend  heranzieht;  andrerseits 
schüeßt  er  sich,  wo  er  sie  wählt,  sehr  viel  näher  an  als 
an  den  Franzosen,  weil  sie  seiner  Künstlerschaft  nicht 
viel  zu  tun  übrig  lassen.  Er  wird  durch  die  lat.  Dichtung 
besser  befriedigt  und  fühlt  sich  ihr  vertrauter  als  der 
französischen.  Seine  freie  Wahl  und  dieser  nahe  An¬ 
schluß  vermindert  das  Beobachtungsmaterial. 


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128 


1.  Weglassen  mythologischer  Anspielungen  und 

N  amensum  Schreibungen. 

Für  den  klassischen  Stil  ist  der  Hinweis  auf  mytho¬ 
logische  Voraussetzungen  charakteristisch.  Für  Leser 
oder  Zuhörer,  denen  diese  Tatsachen  nicht  geläufig  waren, 
bot  das  naturgemäß  Schwierigkeiten.  K.  strich  solche 
Stellen  ohne  Bedenken.  Hierher  gehören  auch  die  Um¬ 
schreibungen  von  Eigennamen,  die  vor  allem  bei  Ovid 
so  häufig  sind;  aber  auch  Statius  hat  sie.  So  fand  K. 
etwa:  Ovid,  Met.  IX  104:  cenerat  Eueni  rapidus  Joce 
natrn  ad  undas.  Der  Joce  natus  ist  Hercules.  Die 
unda  Eueni  sind  der  Fluß  Euentts  ( Ecenus ).  Beide  Um¬ 
schreibungen  sind  für  K.  zu  schwer,  den  Flußnamen  über¬ 
geht  er  ohnehin.  K.  überträgt  also  37  981:  Der  eil  edel 
Emdes  kam  an  ein  wazzer  tief.  —  O.  IX  110:  „Alcide,“ 
sagt  Nessus,  „ich  will  die  Dejanira  hinübertragen,  du 
schwimme  nach!“  tradidit  Aomus  pacidam  Ca/ydonida 
Nesstis.  Obwohl  K.  37  976  von  Culcidomu  gesprochen 
hatte,  so  umgeht  er  doch  diesen  Namen:  .  .  .  Dei¬ 
st  urke  bi  derb  Emdes  ....  die  fron  wen  luter  unde  dar 
diu  Dianirä  was  geturnt ,  bot  er  mit  toillen  im  zeliant. 
Alcides  sagt  Ovid  noch  einmal  IX  217  für  Hercules, 
IX  229:  Jods  inelyta  proles  (Herkules),  233:  Poea/de 
satus  =  Filothet  K.;  VII  164:  Aesonides  =  Jason;  298: 
Phasias  =  Medea  (von  Phasis,  Grenzfluß  in  Kolchis); 
322:  safae  Pe/ia  =  Töchter  d.  P. ;  XII  19  und  27  :  Thesto- 
ndes  =  Kaleas  [K.  24209.];  34:  Mycenis  =■  Iphigenie; 
36:  Phoebe  =  Diana ;  alle  diese  Umschreibungen  hat  K. 
nicht.  Das  Blut,  das  aus  des  Centauren  AVunde  floß, 
nennt  0.  IX  130:  mixtus  Lertuiei  tobe  ceneni ;  K.  38060: 
„Der  Pfeil  des  Herkules  war  vergiftet,  er  hatte  ihn:  in 
eines  slangen  eitersaf  yestözen Wenn  O.  157  von 
Lernaeae  cirus  Ecliidnae  spricht,  so  spielt  er  auf  mytlio- 


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129 


logische  Beziehungen  an :  die  Lernäische  Hydra  war  eine 
Tochter  der  Echidna  und  des  Typhon.  K.  macht  davon  keinen 
Gebrauch.  Auch  die  in  den  Heroi'den  vorkommenden  Um¬ 
schreibungen  ( Priumides ,  Leduea)  übernimmt  K.  nicht; 
ebensowenig  die  des  Statius  Tyrinthius  =  Hercules, 
satae  Lycomede  sorwes  =  des  Königs  Töchter.  Im  Medea- 
monologe  läßt  K.  die  Kamen  der  Scylla  und  C/iarybdis 
(Ovid.  Met.  VII  62  ff.)  weg.  K.:  „Wie  aber  soll  ich  übers 
weite  Meer  kommen,  wo  wilde  Wunder  liegen?“  [8766]. 
Ovid  nennt  die  Namen  aller  Orte,  wo  Medea  die  Wunder¬ 
kräuter  holt:  Met.  VII  224:  Ossa,  Pelion,  Othrys,  Pindus, 
Olympus,  Apidantcs,  Amp/irysus,  Enipeus ,  Pe/ieus,  Sperchios, 
Boebes,  Anthedon ,  „noch  nicht  bekannt  durch  die  Ver¬ 
wandlung  des  Glaukus.“  K.  übernimmt  diese  Namen 
und  die  mythologische  Anspielung  nicht.  —  Ovid  be¬ 
nennt  die  Substanzen  des  Heilkrautes  mit  ganz  bestimmten 
Namen,  K.  zählt  nur  allgemeine  Stoffe  auf:  0.  266: 
1.  lapides,  vom  äußersten  Orient  gesucht;  2.  Sand  vom 
Ocean;  3.  Reif,  exrcptue  lunu  pernocte\  4.  Flügel 
und  Fleisch  des  st  rix  (Nachtvogel);  5.  Eingeweide 
des  ambiyui  lupi  (Wärwolf);  6.  die  schuppige  Haut 
des  Cinyphii  che/ydri  (=  afrikanische  Schildkröten¬ 
schlange);  7.  die  Leber  des  Hirsches;  8.  Haupt  und  Ge¬ 
sicht  der  Krähe,  nocem  sueculu  passue.  K.  10658:  1.  vom 
Wasser  des  Paradieses  etwas;  2.  das  Hirn  einer  100jährigen 
Krähe  (Ovid  8);  3.  das  Herz  einer  Schlange  (Ov.  6); 
4.  das  Horn  des  Hirsches  (Ov.  7).  Ganz  konsequent  hat 
K.  seine  Stilart  durchgeführt.  Jetzt  sind  die  Zauber¬ 
substanzen  verständlich  und  einfach.  Als  Paris  der 
Helena  sein  großes  Geschlecht  rühmt,  erwähnt  Ovid 
(Heroi'de  XVI  175):  „Eine  Pleiade  und  Jupiter  kannst 
Du  in  meinem  Geschlechte  linden.“  K.  21194:  mir  toont. 
richeit  und  adel  an  und  ist  ein  lcümc  der  cater  min. 

9 


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130 


Von  Ilion  sagt  Ovid  XVI  181:  „Ilion  sollst  du  sehn 
und  seine  Mauern  mit  hohen  Türmen,  Plioebeae  structa 
canore  lyrac u  .  .  K.  21226:  „Troja  laß  ich  euch  sehn,  die 
marmorgebaute !*‘  O.  XVI  195 — 214:  Die  Erwähnung 
des  Ganymed,  Titlion,  Auroras  Gatten,  Anchises,  Atheus 
u.  a.  läßt  K.  weg.  Ebenso  die  mythol.  Anspielungen 
O.  XVI  257  270.  Die  Beispiele  Ovids  [XVI  345]  da¬ 
für,  daß  nach  einem  Frauenraub  kein  Krieg  folgte,  läßt 
K.  weg  bis  auf  Medea — Jason  (das  war  in  seiner  Ge¬ 
schichte  erzählt).  Die  Kamen,  die  Helena  als  berühmte 
ihres  Geschlechts  nennt  |0.  Heroi'de  XVII],  über¬ 
nimmt  K.  nicht,  bis  auf  Jupiter.  Ebenso  übernimmt 
K.  von  den  Beispielen  in  beständiger  Liebe  nur  die 
Ariadne  [0.  XVII  195,  K.  22080  ff.].  Von  den 
Beispielen  für  Kriege,  die  um  Liebe  entstanden  sind 
[0.  249],  nennt  K.  nur  Medea — Jason,  die  O.  gamicht  hatte! 
Statius  II  415  ff.  zählt  einige  Züge  Achills  zu  fremden 
Völkern  auf,  die  K.  fort  läßt,  erwähnt  jedoch  Kämpfe 
As.  mit  den  Lapithen  und  Centauren.  Statius  I  188 
singt  Achill  von  Taten  großer  Helden;  K.  13732:  ganz 
allgemein.  Von  den  Männern,  die  Frauenkleider  anlegten 
[St.  252],  übernimmt  K.  14  372  nur  Jupiter  und  Hercules. 
Diese  selbständige  Vereinfachung  Ks.  war  eine  sehr  große 
Erleichterung  für  das  Publikum. 


2.  Auflösen  schwerer  Constructionen. 

Eine  größere  Leichtigkeit  des  Satzbildes  erreicht  K. 
auch  dadurch,  daß  er  die  dem  Lateinischen  eigentüm¬ 
lichen  knappen  Constructionen  beseitigt.  O.  Met.  IX 
119:  Nesso  .  .  .  paranfe  f allere  deposUum  gibt  K.  wieder: 
38060:  „Nessus,  der  Treulose  sann  auf  Tücke  und  Hinter¬ 
halt;  gern  wollte  er  bei  der  „minniglichen“  Frau  liegen. 


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131 


Er  dachte  bei  sich:  Ehe  Herkules  über  den  Strom  käme, 
hätte  er  seine  Lust  an  ihr  befriedigt.  Dieser  falsche  Ge¬ 
danke  entstand  in  seiner  Brust.  Er  umarmte  und  küßte 
das  minnigliche  Weib.  Der  „Wonniglichen“  wollte  er 
Ehre  und  Tugend  rauben.“  Nicht  nur,  daß  er  die  Parti- 
cipialkonstruktion  aufgelöst  hat,  sondern  er  umschreibt  zu¬ 
gleich  sehr  ausführlich,  was  Ovid  nur  andeutet.  Ks.  Feder 
geht  mit  ihm  durch:  es  ist  ihm  unmöglich,  eine  Tatsache 
knapp  hinzustellen;  er  muß  allen  psychologischen  Gehalt 
herausholen  und  damit  dem  Leser  die  Mühe  abnehmen, 
sich  das  in  Gedanken  selbst  auszumalen.  So  sei  noch 
einmal  erinnert,  wie  ausführlich  er  den  alternden  Aeson 
schildert,  der  mit  dem  lustigen  Volke  nicht  mehr  mittun 
konnte  und  wollte  (s.  S.  46);  ebenso  die  Ausmalung  des 
knöchernen  Widders  der  Medea  (s.  S.  48).  Ein  anderes 
Beispiel  für  Ks.  Ausführlichkeit  ist  die  Erzählung  von 
der  Orakelschlange.  Ovid,  Met.  XII  13:  Die  Griechen 
sahen  eines  Tages  serpere  caeruleum  .  .  drarunem  in  pla- 
tanum  coepfis  qaae  du  bat  proximu  sarris ;  darauf  war  ein 
Nest  mit  8  Vögelchen:  quas  simut ,  et  matrein  circum 
sua  damna  cola/dem ,  corripuit  serpcns  ucidaque  recondidit 

atco.  K.  24158:  „Da  stand  ein  Baum,  schön  und  groß, 

•  • 

mit  weiten,  breiten  Asten;  eine  Weide  war  es,  wie  man 
sagt;  schön  anzusehen;  der  Wipfel  dicht  belaubt“  usw. 
„Die  Schlange  fraß  die  8  Vögelchen;  das  neunte,  die  Mutter, 
wollte  die  Kindlein  beschirmen;  sie  schwebte  treulich 
über  ihnen  hin;  aber  auch  sie  ward  verschluckt  von  der 
Schlange.“  Sehr  viel  ausführlicher  ist  K.  an  folgender  Stelle: 
(Achill)  Statius  I  389:  Schyron  docebut  eist 's  feris  udri- 
dere\  K,  6126:  „Sch.  lehrte  den  Achill,  in  die  Höhlen 
der  Bären  einzudringen.  Wurde  er  dann  von  den  wilden 
Tieren  zerkratzt  und  zerbissen,  dann  freute  sich  Sch.  und 
küßte  ihn  zum  Lohne.  Kam  er  unverletzt  nach  Hause 


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so  dachte  Sch.  gleich,  er  habe  nicht  gestritten  und  sah 
ihn  böse  an.  Den  Greifen  mußte  er  aus  ihren  Krallen 
die  Jungen  stehlen;  hoch  in  die  Berge  stieg  er  hinauf 
und  da  nahm  er  die  yrifelin  fort.“  Wieder  dieselbe  Auf¬ 
lösung:  St.  I  152:  Sch.  sagt  zu  Thetis:  „Die  Centauren 
beschweren  sich  oft  bei  mir  raptasque  domos  abstracto que 
coram  armenta,  K.  13556:  Die  Centauren  .  .  .  si  clagent 
ungecelle  dicke  und  ofte  mir  con  im!  eil  grösen  schaden 
ich  cernim ,  den'  in  geschehe  con  siner  lumt.  er  Hebet 
rauben  unde  braut  in  ir  lande  kreise,  ir  ohsen  und  ir 
geize  die  tribef  er  alleine  dun!  Mit  den  bestimmten  Tieren, 
Ochsen  und  Ziegen,  ist  die  Anschauung  gegeben.  Von 
Achill  sagt  St.  301  ff:  puer  .  .  nul/o  temeratus  pectoru 
motu  .  .,  was  K.  autlöst  [14710]:  der  nie  durh  minnec- 
lichiu  di/ic  m/s  ze  noßten  körnen  e.  con  megden  noch  con 

iciben  we  was  im  nie  worden  cot'  d/r  zit . 

ern  hübe  nie  getnutet  noch  gemeine!  sine  tage.  Derartige 
Stellen  sind  nicht  nur  für  die  Kompositionstechnik  Ks. 
lehrreich,  sondern  beweisen  auch  des  deutschen  Dichters 
psychologische  Gewandtheit  Er  versteht  es  aus  den 
schweren  lateinischen  Angaben  merkwürdig  viel  sich  an¬ 
zueignen  und  verständlich  zu  machen.  Er  muß  mit  dem 
lateinischen  Text  sehr  genau  vertraut  gewesen  sein.  Das 
beweist  ja  schon  der  Umstand,  daß  er  stets  zur  rechten 
Zeit  die  richtige  Ergänzung  zu  B.  aus  den  Lateinern 
herholt. 


Schluß. 

K.  hat  also  zwei  verschiedene  Arten  von  Vorlagen 
benutzt:  Benoit  und  die  Lateiner.  Wie  hat  er  sich  nun 
zu  dem  französischen  Meister,  wie  zu  den  klassischen 
Dichteni  stellen  müssen?  Benoit  bot  ihm  eine  stilistisch 


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wie  stofflich  durchaus  ungenügende  Grundlage.  K.  konnte 
ihn  nur  als  ungefähre  Richtlinie  benutzen;  der  franzö¬ 
sische  Roman  war  der  Boden,  auf  dem  K.  sein  Werk 
aufbaute.  Aber  er  brauchte  andere  Vorlagen,  um  die 
geplante  Dichtung  zu  schaffen,  und  das  waren  ihm  die 
Lateiner.  Diese  waren  in  stofflicher  wie  stilistischer  Be¬ 
ziehung  vollendet  (Ovid).  Er  konnte  also,  wo  er  nach 
ihnen  erzählte,  sich  eng  an  sie  anschließen  (z.  B.  Medea- 
Monolog,  die  Liebesdialektik  zwischen  Paris  und  Helena). 
Aber  niemals  lehnte  K.  sich  so  eng  an  seine  Vorlage,  daß 
er  nicht  seine  Eigentümlichkeiten  beibehalten  hätte.  Klar¬ 
heit,  Einfachheit  und  doch  Ausführlichkeit  hat  er  auch  den 
Lateinern  gegenüber  durchgesetzt  (Iphigenien-Episode).  Die 
Anschwellung  des  Gedichtes  rührt  aber  vor  allem  von 
K.s  Manier  her,  über  alle  möglichen  Dinge  und  Ereignisse 
seine  Meinung  in  vielfacher  Wiederholung  auszubreiten. 

Was  hat  nun  die  Untersuchung  für  das  Bild  des 

Dichters  Konrad  ergeben?  Er  war  weit  mehr  gründ- 

•  • 

lieber,  fleißiger  Gelehrter  als  Dichter.  Äußerlichkeiten 
sind  seine  Größe.  An  Stelle  wahrer  Empfindungen 
setzt  er  seine  geistreiche  Liebesdialektik;  in  der  Natur¬ 
schilderung  überträgt  er  auf  den  Leser  nicht  den  un¬ 
erklärlichen  Zauber,  den  er  selbst  empfand,  sondern  er 
stellt  die  Elemente  des  Gesamtbildes  hübsch  zusammen. 
Er  interessiert  und  will  interessieren  durch  blendende 
Bilder,  durch  weithergeholte  Vorstellungen,  durch  Rhyth¬ 
mus  und  Wortwahl,  durch  Psychologie  und  Gelehrsam¬ 
keit.  Eine  wirklich  bewunderungswürdige  Kompositions- 

•  • 

technik  bringt  Einheit  und  Übersicht  in  das  ganze  Werk. 
Mag  man  ihm  auch  im  Partonopier  z.  B.  Gedankenlosig¬ 
keit  nachweisen*),  hier  im  Trojanerkrieg  kann  man  eher 


*)  Heinrich  van  Look,  Strahburg  1881, 


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von  allzuraffinierter  Überlegung  reden  als  von  Oberfläch¬ 
lichkeit,  Weit  entfernt,  daß  er  die  Tatsachen,  wie  sie 
ihm  zufielen  oder  einfielen,  neben  einander  gereiht  hätte, 
er  hat  ein  Werk  aufgebaut,  das  bis  ins  kleinste  durch¬ 
dacht  und  überlegt  war.  Nur  so  war  es  möglich,  diesen 
Stoff  lesbar  zu  gestalten.  Geholfen  hat  ihm  dabei  seine 
erstaunliche  Sprachkunst.  Alle  Mittel  der  Stilistik  stehen 
ihm  zu  Gebote.  Wie  er  uns  in  seinen  Liedern  durch 
seine  Sprachkunststückchen  frappiert,  so  werden  wir  in 
seinem  Romane  durch  seine  leichte,  geistreiche  Rede  an¬ 
genehm  berührt.  Mögen  wir  dies  und  jenes  in  seiner 
Dichtung  ablehnen,  mögen  uns  die  endlosen  Parallelismen 
und  Tautologien  als  schwacher  Ersatz  für  die  Sprache  des 
Herzens  erscheinen:  niemals  ist  K.  langweilig,  niemals  un¬ 
interessant.  Dafür  sorgt  seine  psychologische  Spitzfindig¬ 
keit,  seine  blendende  Sprache,  seine  Erzähl-  und  Plauder¬ 
kunst  und  seine  oft  geistvollen  Einfälle. 

Wir  stellen  an  den  Dichter  gewiß  andere  Anforde¬ 
rungen:  Geist,  Wissen,  künstlerische  Berechnung  sind  uns 
wertvolle,  aber  nicht  die  ursprünglichen  Kräfte  der  schaffen¬ 
den  Poesie.  Aber  wir  dürfen  diesen  Maßstab  an  K.  nicht 
anlegen,  während  ihn  Wolfram  und  selbst  Gottfried  ver¬ 
tragen.  Billiger  ist  es,  seine  französische  Quelle  neben 
K.  zu  stellen;  da  weist  er  denn  überall  in  die  Höhe,  und 
wir  empfinden  mit  Freude  che  künstlerische  Kultur,  die 
er  in  sehr  achtbarer  Sicherheit  darstellt. 


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PERIODICAL  Dhbf 


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on  the  date  to  which  renewed. 

Renewed  books  are  subject  to  immediate  recall. 


Le 

Als  Sohn  des  Zw_ 
seiner  Gattin  Elisabeth, 
rieh  Basler,  katholisc- 
zu  Mainz  geboren.  Na 
Berlin  vollständig  dure- 
Berlinische  Gymnasium 
Michaelis  1905  mit  dei 
bezog  zur  selben  Zeit  <_ 
bis  heute  deutsche  und 
ratur,  daneben  Philoso- 
studiere. 

Vorlesungen  hörte  ic‘ 
Erich  Schmidt.  R.  M.  X 
ler  -j-,  Haguenin,  Ebelinj 
Schmitt  —  Riehl.  Faulst 

Seit  meinem  3.  Sei 

liner  Germanischen  Seir 
•  • 

den  Übungen  der  Herrer 
Haguenin  (frz.  Lit.),  Elf 
diger  (deutsche  Sprache’^ 
arbeitete  ich  mit  an  de 
u.  a. 


aci 


LD  21— 40m*4,'64 
(E4555sl0)476 


General  Library 
Univenicy  of  California 
Berkeley 


Allen  meinen  Lehrern  schulde  ich  großen  Dank. 
Vor  allem  aber  fühle  ich  mich  Herrn  Prof.  Roetlie  ver¬ 
pflichtet,  der  diese  Arbeit  angeregt  und  ihr  Entstehen 
mit  tätigstem  Interesse  begleitet  hat. 

Die  Promotionsprüfung  bestand  ich  am  24.  Februar 
1910. 


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